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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Ursula und die 11000 Jungfrauen werden seit Jahrhunderten in Köln verehrt als eine heilige Schar, die daselbst durch ein heidn. Heer ihren Untergang gefunden. Nach der Legende war U. eine schöne brit. Königstochter, die von dem Sohne eines mächtigen Heidenfürsten zur Ehe begehrt wurde. Da sie sich aber schon Christo verlobt, erbat sie sich einen dreijährigen Aufschub, 10 edle Gefährtinnen, deren jede, wie sie selbst, 1000 Jungfrauen zu Begleiterinnen hatte, und 11 Dreiruderer zu einer Wallfahrtsreise. Rheinaufwärts kamen sie nach Köln, von da nach Basel, wo sie ihre Schiffe verließen und zu Fuß nach Rom pilgerten. Auf der Rückreise trafen sie vor Köln ein hunnisches Belagerungsheer, von dem sie bei der Landung niedergemetzelt wurden. U., die zuletzt übrig war, wies den Heiratsantrag des Hunnenfürsten zurück und fiel von Pfeilen durchbohrt. Himmlische Kriegsscharen vertrieben das hunnische Heer, während die Leichen der Jungfrauen von den Kölnern feierlich bestattet wurden. Lange Zeit danach kam aus dem Morgenlande, durch Traumgesichte bewogen, ein Grieche Clematius und baute die ihrem Andenken geweihte Kirche von Grund aus neu auf. Dies ist die älteste Form der Legende, wie sie zu Anfang des 12. Jahrh. zuerst Sigebert von Gemblours kurz erzählt. Mit diesem Jahrh. beginnt auch die Auffindung der heil. Gebeine, zuerst einzelner, dann seit der Aufgrabung des sog. Ager Ursulanus (seit 1155) vieler Tausende von Gerippen, welche die gleichzeitige Nonne Elisabetha in Schönau bei Oberwesel infolge von Visionen mit der hangen U. und ihren Genossinnen in Zusammenhang brachte. Nach den Erklärungen von Schade (Die Sage von der heiligen U. und den 11000 Jungfraueno, Hannov. 1854) ist U. eine in die kath. Mythologie herübergenommene uralte Göttin des german. Heidentums; doch ist es nicht unmöglich, daß der Legende die thatsächliche Ermordung einiger Jungfrauen bei einem kölner Rheinübergange der Hunnen zu Grunde liegt. Vgl. Kellerhoven, La légende de Sainte-U.v (Par. 1860—62); Kessel, «St. Ursula und ihre Gesellschafth (Köln 1863); Stein, «Die heilige U. und ihre Gesellschafto (Köln 1879).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 75Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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