FeedVirgiloder
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Virgiloder Vergil (mit vollem Namen Publius Virgilius, oder richtiger Virgilius Maro), der bedeutendste epische und didaktische röm. Dichter, wurde 5. Okt. 70 v. Chr. zu Andes, einem Flecken bei Mantua, in bescheidenen Verhältnissen geboren. Der Fürsorge seines Vaters hatte er es zu verdanken, daß er nicht nur in Cremona den Schulunterricht genießen, sondern diesen auch in Mailand auf höherer Stufe fortsetzen durfte. So vorgebildet, ging er im J. 53 nach Rom, widmete sich hier bei einem der ersten Lehrer rhetorischen Studien, verließ diese aber bald, um zur Philosophie und Poesie überzugehen. Bereits hatte er ein kleines, scherzhaftes Gedicht in Hexametern, Culexo, verfaßt, so benannt von dem komischen Helden desselben, einer Mücke, die von einem undankbaren Hirten, dem sie das Leben gerettet, getötet worden ist, und deren Schatten nun um Beerdigung bittet. Nach einigen Jahren solcher Studien kehrte er in seine Heimat zurück und versuchte sich dort, während um ihn der Bürgerkrieg wütete, in Nachahmung theokritischer Idyllen. Diese Gedichte, deren er von 41 an unter dem Titel «Bucolicad, Hirtengedichte, oder Eclogaey zehn veröffentlichte, und in denen zahlreiche Beziehungen auf die Herrscher des Tags, Octavian und dessen Freunde, sich finden, verschafften ihm die Freundschaft des damals in Oberitalien befehligenden Asinius Pollio, des litterarisch hochgebildeten Vertrauten Octavians, sowie Bekanntschaft im übrigen Kreise der Partei Octavians. Jener vornehmen Freundschaft verdankte er, als im J. 41 und 40 die Feldmark der Städte, die im Bürgerkriege nicht zu den Siegern gehalten hatten, und damit auch das Gütchen seines Vaters wiederholt für die Veteranen in Anspruch genommen wurde, die Restitution desselben oder Ersatz dafür. Den Dank V.s, zugleich mit der Freude ber den 41 geschlossenen Frieden zwischen Octavian und Antonius, spricht die berühmte, dem Asinius Pollio gewidmete vierte Ekloge aus, deren Preis eines neuen goldenen Zeitalters später als Weissagung auf Christus gefaßt wurde. Im Zusammenhang mit diesen Verhältnissen stand es, daß ihn in den folgenden Jahren Mäcenas veranlaßte, durch ein Gedicht über den Landbau der Bevölkerung Italiens Lust und Liebe zu ländlichen Beschäftigungen einzuflößen und dadurch zur Hebung des arg daniederliegenden ital. Ackerbaues mitzuhelfen. V. schrieb dieses Lehrgedicht, «Georgicas, in vier Büchern in Unteritalien während der Jahre, in denen Octavian und Antonius sich um den Besitz der Welt stritten. Der Sieg seines Gönners Octavian und dessen Erhebung zum Kaiser führte jene glänzende Zeit herbei, die auf dem Gebiete der Litteratur der klassischen Prosa eine klassische Poesie an die Seite stellte, und dem Ruhme dieser Zeit wie des neuen Herrscherhauses war von nun an die ganze dichterische Thätigkeit des V. gewidmet, des ersten Namens in dem dichterischen Kreise, der sich um Mäcenas gruppierte. Auf direkte Veranlassung des Augustus und in fortwährendem Verkehr mit demselben arbeitete er nun, meist in Campanien lebend, bis an den Schluß seines Lebens an seinem Hauptwerk, der Aeneiso (in 12 Büchern), dem Epos von Aneas' Irrfahrten nach der Zerstörung Trojas und von dessen Ansiedelung in Italien, und damit vom Ursprung des glorreichen Julischen Hauses. Im J. 19 begab er sich, um die letzte Hand an dieses Werk zu legen, nach Griechenland, traf in Athen mit Augustus zusammen, der eben vom Orient zurückkehrte, und wollte nun mit diesem wieder nach Rom zurückkehren. Doch erkrankte er zu Megara und starb noch auf der Rückreise 21. Sept. 19 in Brundisium. Vor seinem Tode verlangte er, da es ihm nicht gelungen war, sein Gedicht vollends auszufeilen, dasselbe folle verbrannt werden, aber die Ausführung dieses Wunsches wurde verhindert. Seine Freunde Varius (s. d.) und Tucca, denen die Manusfkripte testamentarisch vermacht waren, besorgten später trotz des Verbots auf Geheiß Augusts die Herausgabe. Der Leichnam V.s ward nach Italien gebracht und bei Neapel an der Straße nach Puteoli beigesetzt. Doch ist das Grab, das man bei der Grotte des Pausilippo jetzt zeigt, nicht das des V. Außer den genannten dichterischen Werken tragen V.s Namen noch folgende Dichtungen: «Ciriso oder die Verwandlung der Scylla in einen Meervogel (ciris), in 541 Hexametern; «Copas, die Wirtin, Einladung zur Einkehr, in 19 Distichen; «cMoretumo, das Mörsergericht, hübsche Schilderung der Morgenstunden eines Bauern in 124 Hexametern; die sog. «Catalectay, eine Sammlung von 14 kleinen Gedichten gemischten Inhalts. Indessen ist die Echtheit fast aller dieser Dichtungen bestritten. Der Culexo in der noch erhaltenen Gestalt ist wahrscheinlich zum Ersatz für das von V. selbst vernichtete Jugendgedicht nicht lange nach seinem Tode verfaßt. Von den andern ist am ehesten das Moretum echt, und von den sog. Katalekten rührt wohl sicher der größere Teil von ihm her. Als Dichter wurde V., solange Homer nicht hinlänglich bekannt und gewürdigt war, vielfach überschätzt; in neuerer Zeit ist sein Mangel an Originalität gegenüber von Homer zu sehr betont worden. Die Schönheit der dichterischen Diktion, die Korrektheit und Eleganz in Sprache und Versbau, eine Reihe originell schöner Erzählungen in der Aeneiso und ländlicher Schilderungen in der 4Georgican wird den V. immer zu einem der bedeutendsten klassischen Dichter machen. Kurz nach seinem Tode waren seine Werke bereits neben Homer das beliebteste Schulbuch. Kommentatoren und Grammatiker wie C. Julius Hyginus (s. Hyginus), Valerius Probus (s. Probus), Donatus (s. d.), Servius (s. d.), Macrobius (s. d.) u. a. erklärten ihn sachlich und sprachlich, beschrieben sein Leben und verfaßten Schriften über seine Gedichte. Die Verse seiner Dichtungen verwendete man in andern Zusammenstellungen zu neuen Gedichten (s. Cento) und benutzte sie —1 als Orakelquelle (Stichomantie). V. selbst ward im Volksglauben zum Zauberer. (S. Virgilius der Zauberer.) Eins der ersten mittelhochdeutschen Heldengedichte, die Eneite des Heinrich vom Veldeken, ist einer altfranz. Dichtung, die auf der Aneider des V. beruht, nachgebildet, und überhaupt ist V. für die Dichtung des Mittelalters, namentlich der roman. Völker, insbesondere auch für Dante, von größtem Gewicht. Mit dem allen steht im Zusammenhange, 9 eine große Anzahl von Handschriften von V. erhalten ist, darunter mehrere aus sehr früher Zeit, wie den Mediceus in Florenz aus dem 5., den durch seine Miniaturen berühmten Vaticanus in Rom, aus dem 5. oder 4. Jahrh. Sehr alt sind ferner die handschriftlichen Reste in St. Gallen, Verona und Berlin, die älteste, aber auch nicht vollständige Handschrift im Vatican ist sogar dem 2. Jahrh. n. Chr. zugeschrieben worden. Auch sie hatte Bilder, die jetzt in Windsor sind. Neuere Ausgaben von V. besorgten außer vielen andern: Heyne (4. Aufl., von Wagner, 5Bde., Lpz. 1830—41), Jahn (4. Aufl., Lpz. 1857), Forbiger (4. Ausg., 3 Bde., Lpz. 1872 -73), Ladewig (I. Bochn., 7. Aufl., von Schaper, Berl. 1882,. 2. Bdchn., 10. Aufl., Berl. 1884; 3. Bdchn., 8. Aufl. 1886), Bennoit (zum Teil 2. und 3. Aufl., Par. 1872—84; kleinere Ausg., 7. Aufl., Par. 1886), Conington und Nettleship (teils in 2., teils in 3. Aufl. 1876—83), Kappes (zum Teil in 2. und 3. Aufl., Lpz. 1876—84). Die kritische Hauptausgabe ist von Ribbeck (4 Bde., Lpz. 1859—68) mit „Prolegomena critica (Lpz. 1866) und Appen-⸗ dix (Lpz. 1869). Derselbe gab eine kleine Textausgabe (Lpz. 1867) heraus. übersetzungen lieferten: Voß (2. Aufl., Braunschw. 1821), Neuffer und Osiander (3 Bde., Stuttg. 1830 —35), Osiander und Lertzberg (Stuttg. 1853 fg.), Binder (3 Bde., Stuttg. 1856 fg.). Vgl. Comparetti, &V. nel medio evoy (Livorno 1872; deutsch von Dütschke, Lpz. 1875). r BVirgil (Grab des), s. unter Posilipo.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 285Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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