Virgilianae, eine Schicksalsbefragung (Stichomantie), bei der man die ersten sich darbietenden Verse des aufs geratewohl aufgeschlagenen Buchs als Orakel annahm. Die Griechen hatten in dieser Weise den Homer benutzt; die abendländ. Christen brauchten neben der Bibel den von den Römern überkommenen V. Eigentliche, für diesen besondern Zweck verfaßte Lo sbücher kamen aber erst gegen Ende des Mittelalters in Übung und fanden während des 15. und 16. Jahrh. große Verbreitung. Aus solcher histor. Entwickelung der Auffassung V.s ist es erklärlich, wie Dante darauf geraten ist, in seinem großen Gedicht dem V. gerade jene bestimmte Rolle eines Repräsentanten der wahren erleuchteten Vernunft, eines zwischen Heiden⸗ und Christentum stehenden hochbegabten Geistes zuzuteilen. Übrigens hatte sich diese hohe, halbreligiöse Verehrung V.s schon sehr früh eingestellt. Bald nach seinem Tode wurden ihm Bildsäulen gesetzt, sogar in den Hauskapellen der Kaiser; sein Geburtstag ward gefeiert, Schwangere und Dichter pilgerten zu seinem Grabe, und schließlich knüpften sich an ihn allerlei Sagen. Doch läßt sich eine eigentliche Zaubersage von V. nicht vor dem 12. Jahrh. nachweisen; denn was in der «Vita Virgiliie des Donatus (aus der Mitte des 4. Jahrh.) an Zauberei streift, beruht auf späterer Interpolation. Die Zaubersage lehnt sich vorzugsweise an Orte, die in dem Leben des Dichters eine hervorragende Rolle spielen: Neapel, Rom und Mantua. Doch hat nur die auf die erste Stadt bezügliche volkstümlichen Charakter; alles andere ist auf litterarischem Wege in Frankreich zunächst entstandene Übertragung anderer Sagen auf V. Veranlassung zur Ausbildung der neapolit. Volkssage scheint ein engl. Gelehrter gegeben zu haben, der um die Mitte des 12. Jahrh. das Grab des Dichters aufsuchte. Die früheste positive Kunde gab Johannes von Salisbury in dem Policraticuso (1159), dann 1211 nach dem, was er mündlich zu Neapel vernommen, der Engländer Gervasius von Tilbury in den «Otia imperialiao und Konrad von Querfurt in einem Schreiben an Propst und Konvent von Hildesheim (1194). Diesen folgten der gleichzeitige Helinandus, dessen Erzählung Vincentius Bellovacensis in das sechste Buch seines aSpezulum historiales aufnahm, und der ebenfalls gleichzeitige engl. Mönch Alexander Neckam in seinem Buche De naturis rerume, woraus die betreffenden Stellen übergingen in des Gualterus Burläus wiederholt gedruckte Vitae philosophorum und die 1382 zum Abschluß gebrachte Cronica di Partenopen. Aus diesen Hauptquellen haben die Spätern vorzugsweise geschöpft, selbst die beiden ausführlicher vom Zauberer V. handelnden Italiener Buonamente Aliprando (in seiner zu Anfang des 15. Jahrh. in Terzinen abgefaßten Chronik von Mantua) und der sog. Pseudo-Villani (Le croniche dell' inclita eittà di Napolio, Neap. 1526). Zu einem Ganzen wurden die Sagen vereinigt in dem seit dem Anfang des 16. Jahrh. wiederholt gedruckten franz. Volksbuche »Paictz marcueilleux de Virgilles, zuerst bei Jehan Trepperel zu Paris, aus welchem bald darauf das englische hervorging (deutsch durch Spazier, Braunschw. 1830), und wenig später auch das niederländische (deutsch in von der Hagens „Erzählungen und Märchene, Prenzl. 1838), dem dann die noch ungedruckte isländ. «Virgilius-Sagas sich anloß. Vgl. Zappert, «Virgils Fortleben im Mittelalters (Wien 1851); Siebenhaar, De fabulis, quae media aetate de Virgilio circeumferebanturo (Berl. 1837); Edelestand du Meril, 4De Virgile Venchanteuro, in dessen Mélanges archéologiques et littéraireso (Par. 1850);: Gräße, Zur Sage vom Zauberer Virgiliuso, in dessen Vorträgen zur Litteratur und Sage des Mittelalters»(Dresd. 1850); Roth in Pfeiffers Germania⸗ (Bd. 4, 1859): Milberg, Mirabilia Vergiliana (Meißen 1867); die erschöpfendste Behandlung der Sage bei Comparetti, KVirgilia nel medio evos (Livorno 1872; deutsch von Dütschke, Lpz. 1875).