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Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Virgilins der Zauberer ist die nach mittel⸗ Ur alterlicher Auffassungsweise sagenhaft verherrlichte l Gestalt des röm. Dichters. Der Dichter V. war als Gründer und Mittelpunkt der neuen Kunst-I schule, vor welcher alle ältern Erzeugnisse der röm. Muse in den Schatten traten, maßgebend geworden 1 und geblieben für die Form der gesamten röm. t Poesie nach ihm und für den größten Teil der spätern lateinischen. Sehr bald auch machte sich die Meinung geltend, daß in seinen Sch riften eine ganz besondere Weisheit verborgen sei. C ristliche Schrift-2 steller schon des 3. und 4. Jahrh., wie Minutius Felix, Lactantius und Augustinus, gaben sogar v ihrer Verehrung für V. eine christl. Wendung, indem sie dem Heidentum aus seinem Hauptdichter die Nichtigkeit des Polytheismus und die Wahrheit e des Christentums zu beweisen suchten, namentlich dadurch, daß sie den Anfang der vierten CEkloge als eine messianische Weissagung deuteten und so den V. zu einem Seher Christi machten. Diese Deutung, welche eine Zeit lang fast offizielle kirchliche Geltung gewann, setzte sich so fest, daß V. mit der Sibylle neben den alttestamentlichen messianischen Propheten in die kath. Liturgie Eingang fand und auch in den Mysterien des Mittelalters häufig unter den prophetischen Zeugen für den künftigen Messias erscheint. Auch nach dem Zeitalter der christl.-theol. Polemik brauchten Bibelausleger nicht selten Virgilische Verse zur Erläuterung von Bibelstellen, und die Scholastiker der spätern Zeit suchten sogar der ganzen Aeneis eine moralische Ausdeutung zu geben; ja selbst die biblische Schöpfungsgeschichte ward in einen Virgilischen Cento (s. d.) gebracht. Ein anderer aus gleicher Quelle entsprungener Gebrauch der Virgilischen Gedichte hatte ebenfalls schon in der Kaiserzeit begonnen und erhielt sich auch bei den Christen, sogar bis weit über das Mittelalter hinaus: die sortes

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 286Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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