FeedVorstellung
NaturlehreBrockhaus 1882

Vorstellung im psychol. Sinne ist der allgemeine Ausdruck für eine Grundform des seelischen Lebens, welche sich als ein einfaches Element unsers Erfahrungsinhalts nicht mehr definieren, sondern von der sich nur aussagen läßt, daß wir uns dabei stets einem bestimmten Inhalt gegenüber eben in der Weise verhalten, wie wir es durch das Wort vorstelleno ausdrücken. Jede B. setzt also einen gewissen Inhalt und nach der gewöhnlichen Auffassung auch ein an diesem Inhalte die Thätigkeit des Vorstellens ausübendes Wesen voraus: jenen nennt man das Objekt, dieses das Subjekt der V. Eine Grundeigenschaft jeder V. ist zunächst ihre Reproduktionsfähigkeit oder Erinnerbarkeit, d. h. ihre Fähigkeit, in demselben Bewußtsein, in welchem sie zuerst auftrat, unter geeigneten Bedingungen und in mehr oder minder modifizierter Form wieder aufzutreten. Danach ist eine Haupteinteilung der V. diejenige in ursprüngliche und erinnerte. Weiterhin unterscheiden sich die V. ihrem Inhalt nach in einfache und zusammengesetzte. Die ursprüngliche und einfache V. bezeichnet man als Empfindungz; die ursprüngliche, aus mehrern Empfindungen durch räumlich-zeitliche Beziehungen zusammengefaßte V. heißt Anschauung (s. d.); die auf erinnerte V. bezogene und dadurch bereits dem System des Bewußtseins sich einordnende Anschauung heißt Wahrnehmung. Die Reproduktion der V. hängt im wesentlichen von den Verhältnissen ab, in welchen sich dieselben miteinander verschmolzen oder associiert haben. (S. Ideenassociation.) Infolge der Thatsache aber, daß zusammengesetzte V. nicht ihrem ganzen Inhalt nach, sondern nur nach den der Aufmerksamkeit unterliegenden Momenten' reproduziert werden, bilden sich die Allgemeinvorstellungen, vermöge deren in der Wahrnehmungsthätigkeit die Apperception (s. d.) der Anschauungen erfolgt. Alle diese Vorgänge werden von einer Anzahl fester Gesetze beherrscht und bilden in diesem Sinne den Vorstellungsmechanismus. Demselben gegenüber stehen nun die sog. höhern Vorstellungsthätigkeiten, d. h. diejenigen, in welchen die Aktivität des Bewußtseins die Entscheidung für den Verlauf der V. bildet, und welche man im engern Sinne als Denken bezeichnet. Das erste Produkt dieser Aktivität ist die abstrakte V., d. h. eine solche, welche durch Bearbeitung des unwillkürlich gewonnenen Vorstellungsinhalts, durch Trennung oder Neuverbindung seiner Elemente gebildet worden ist; schließlich vollendet sich die V. durch die Verknüpfung der Begriffe zu Urteilen und Schlüssen. Neben der Untersuchung der verschiedenen Arten der V. kommen für die Philosophie, resp. die Psychologie hauptsächlich folgende Gesichtspunkte in Betracht: 1) die Entstehung der V. Die älteste und verbreitetste Meinung sucht dieselbe in der Einwirkung der sinnlichen Dinge auf das vorstellende Wesen; da diese nur durch Vermittelung der Sinne gedacht wird, so bezeichnet man diese Lehre als Sensualismus (s. d.). Da jedoch hieraus eine Anzahl von Funktionen namentlich der höhern Vorstellungsthätigkeit nicht erklärlich erschienen, so griff schon Plato zu der Annahme angeborener V., welche einen ursprünglichen Besitz der Seele enthalten sollten. Später sind namentlich im 18. Jahrh. lebhafte Streitigkeiten über die«angeborenen Ideen⸗ geführt worden: dabei muß das wenigstens als sicheres Resultat angesehen werden, daß auch die V., welche die Seele nicht von außen erhält, in ihr doch nur auf Anregung der Außenwelt entstehen und als Erfahrung von ihrem eigenen gesetzmäßigen Thun ihr zum Bewußtsein kommen. 2) Der Erkenntniswert der V., welcher mit dem Ursprunge derselben zwar im Zusammmenhange steht, aber danach allein nicht zu bestimmen ist. Die roheste, allgemeinst verbreitete Ansicht ist hier die, daß die V. Abbild oder Abdruck der äußern Wirklichkeit ist oder sein soll. Seitdem jedoch Physiologie und Psychologie zu dem gemeinsamen Resultat gekommen sind, daß schon die Empfindung nicht Kopie der Wirklichkeit, sondern nur ein „Zeichen» für dieselbe ist, seitdem man sich außerdem klar gemacht hat, daß für die meisten abstrakten Begriffe, wie z. B. Recht, Kraft, Pflicht u. s. w. von einer solchen Übereinstimmung der V. mit einem wirklichen Dinge nicht die Rede sein kann, muß man die Wahrheit (s. d.) der V. nach andern Gesichtspunkten betrachten. Wichtig ist dabei namentlich der Unterschied der Klarheit und Deutlichkeit. Klar heißt eine V., wenn sie ausreicht, ihren Gegenstand mit Sicherheit von andern zu unterscheiden und wiederzuerkennen; deutlich ist ein Merkmal der zusammengesetzten V., insofern die Seele sich aller ihrer Elemente und deren Zusammensetzungsweise klar bewußt ist. Die Klarheit und Deutlichkeit hielt man früher für eine Funktion der Vorstellungsstärke; jetzt sucht man dieselbe mehr in der Bestimmtheit und dem Reichtum des Vorstellungsinhalts. 3) Das Verhältnis der V. zum Bewußtsein. Da wir nämlich nur bewußte V. kennen, so lag die Ansicht nahe, daß es auch nur solche gäbe. Dagegen stellte schon Leibniz die seitdem in immer größerm Umfang durchgeführte Hypothese unbewußter V. auf. In der That lassen sich viele Erscheinungen des Anschauungs-und Wahrnehmungslebens, andererseits auch der höchsten Denkthätigkeiten nicht ohne die Annahme seelischer Zwischenglieder erklären, welche nicht ins Bewußtsein fallen, welche aber, wenn sie es thäten, die Form der V. haben müßten. Nur in diesem Sinne ist jedoch jene in neuester Zeit viel mißbrauchte Hypothese der unbewußten V. wissenschaftlich gerechtfertigt. 4) Das Verhältnis der V. zu den andern seelischen Thätigkeiten, dem Fühlen und Wollen. Auch hier führte der Umstand, daß die letztern uns nur durch V. und als V. ins Bewußtsein kommen, zu der Annahme, welche zuletzt noch Herbart verteidigt hat, die V. sei die psychische Grundfunktion überhaupt, und Gefühle sowohl als auch Willensbestrebungen seien nur als gewisse an und zwischen den V. auftretende Beziehungen und Verhältnisse zu betrachten. Andere Psychologen haben dagegen geltend gemacht, daß namentlich der Wille ursprünglich durchaus unbewußt ist und erst im Bewußtsein sich zu einem Vorstellungsinhalt gestaltet, um dadurch selbstin wesentlichen Beziehungen verändert zu werden. Einen engern Sinn hat das Wort V. in der allgemeinen Sprache erhalten, wenn es häufig in der Bedeutung von esinnlicher Anschaulichkeite dem abstrakten Denken gegenüber angewendet erscheint; so sagt man z. B., man könne sich etwas wie die Unendlichkeit des Raums oder wie die Unteilbarkeit des Atoms zwar denken, aber nicht vorstellen, d. h. man könne sich wohl einen Begriff, aber keine Anschauung davon machen.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 343Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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