FeedWickram (Jörg)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Wickram (Jörg), deutscher Dichter des 16.Jahrh., lebte, wie es scheint, als Meistersänger in seiner Vaterstadt Colmar im Elsaß, in der er 1549 eine Meistersingerschule stiftete, bis er um 1555 Stadtschreiber in Burgheim im Breisgau wurde. Sein Geburts⸗- und sein Todesjahr sind unbekannt. Durch seine rri „Gabriotto und Reinhardo (mehrmals gedruckt, zuerst um 1551), „Der jungen Knaben Spiegelv (1554 u. öfter), Von Oer G und bösen Nachbarno (1556 u. 1557) und Der Goldfadeno (1557 u. öfter; auch noch im 17. Jahrh. mehrmals gedruckt und von Clemens Brentano, Heidelb. 1809, erneuert), schuf er den deutschen Roman. Außerdem sind von ihm zu nennen die Fastnachtspiele „Das Narrengießeno (1537) und «Der treue Eckarto (1538), die Schauspiele«Von dem verlorenen Sohno (1540) und (Tobiaso (1551), die Bearbeitung der von Albrecht von Halberstadt im 13. Jahrh. verfaßten gereimten übersetzung der Metamorphosenv des Ovid (1545), das Rollwagenbüchleino (1555), eine Sammlung von Schwänken zur Unterhaltung im Reisewagen (mit Erläuterungen herausg. von H. Kurz, Lpz. 1865) und die gereimte, zwischen satirischer Didaktik und Roman die Mitte haltende Erzählung Der irrreitend Bilger» (1557). Vgl. A. Stöber, «Jörg W. und dessen vorzüglichste Schrifteno (2. Aufl., Mülhausen 1866); Scherer, „Die Anfänge des deutschen Prosaromans und Jörg W. von Colmar⸗ (Straßb. 1877). Wielif (John) war der bedeutendste Vorläufer der Reformation. über die erste Zeit seines Lebens ist äußerst wenig bekannt. Wie die genaue Schreibart seines Namens (Wycliffe, Wiclef, Wyclif u. s. w.; doch ist Wiclif die wahrscheinlichste), so ist auch Ort und Jahr seiner Geburt nicht sicher bekannt; gewöhnlich gibt man das Dorf Wiclif in der Grafschaft Hork und das Jahr 1324 an. Er studierte in Orford Theologie, ward Vorstand vom Balliol-College, erhielt 1361 die Pfarrei Fillingham in Lincolnshire, 1368 diejenige von Ludgershall in Buckinghamshire und 1374 die zu Lutterworth in Leicester, ohne jedoch sein Verhältnis zur Universität Oxford zu lösen, wo er als Doktor der Theologie Vorlesungen hielt. Sein erstes Auftreten war mehr ein kirchenpolitisches undpatriotisches, als religiöses. Im J. 1366 verteidigte er das Verfahren König Eduards III., welcher dem Papste den Lehnstribut verweigerte, 1369 die Besteuerung der Kirchengüter durch die Krone und 1374 wurde er mit einer königl. Gesandtschaft nach Brügge geschickt, um mit dem päpstl. Nuntius über die Beschränkung der visioneno zu verhandeln; auch gegen die Verderbnis des Klerus und namentlich gegen das Treiben der Bettelmönche richtete er seine scharfe und unerbittliche Opposition. Deshalb ward W. zur Verantwortung vor eine geistliche Kommission geladen, aber das Verhör im Febr. 1377 in der Paulskirche in London endete mit einem lauten Skandal zwischen dem Herzog von Lancaster, W.s Gönner, und dem Bischof von London. Auch ein zweites infolge des Eingreifens des Papstes abgehaltenes Verhör, 1378, blieb ohne Erfolg. Nun aber verlegte W. seine Thätigkeit immer mehr auf das reinkirchliche Gebiet, trat immer kühner und entschiedener als Reformator auf. Er bestritt die päpstl. Oberherrschaft, den Cölibat, die Verwandlung von Brot und Wein im Abendmahl, die priesterliche Schlüsselgewalt und die Notwendigkeit der Ohrenbeichte, kurz, er forderte die Wiederherstellung der reinen Christenlehre auf Grund der Heiligen Schrift und die Bildung einer von Rom unabhängigen, demokratisch aufgebauten engl. Nationalkirche. Diese Forderungen, für die er durch Reiseprediger unter dem Volk lebhafte Propaganda machte, gingen indessen seinen bisherigen Beschützern unter dem hohen Adel und selbst der Universität Orford zu weit; auch gelang es, dem jungen König Richard II. den Verdacht einzuflößen, als sei W. mitschuldig an dem Bauernaufstande Wat-Tylers (s. d.). Im J. 1382 verdammte eine kirchkiche Notabelnversammlung in London, das durch ein Erdbeben gestörte sog. Erdbebenkonzil, seine Lehren, und die Krone gab den Bischöfen Vollmacht, seine Anhänger zum Widerruf zu zwingen oder ins Gefängnis zu werfen. W. selber wurde von Oxford auf seine Pfarre zu Lutterworth verwiesen, wo er nun in aller Stille die größte That seines Lebens, seine engl. Bibelübersetzung, vollendete. Einer Aufforderung von Papst Urban VI. zur Verantwortung nach Rom leistete er keine Folge. W. starb am 31. Dez. 1384 infolge eines Schlags, der ihn während des Gottesdienstes getroffen hatte. Das Konstanzer Konzil erklärte ihn 4. Mai 1415 für einen Ketzer, verdammte 45 Artikel W.s und befahl seine Gebeine zu verbrennen, was 1428 geschah. Mit W.s Tode war seine Wirksamkeit indessen keineswegs erloschen. Die Zahl seiner Anhänger wuchs, namentlich unter den höhern Ständen, doch zeigte sich die Masse für eine Kirchenreformation noch nicht reif, und es 2½ Klerus mit Hilfe des weltlichen Armes, die Wiclifiten, die man als Lollharden (s. d.) brandmarkte, allmählich mit Feuer und Schwert auszurotten. Nur in einigen Familien erhielt sich seine Lehre bis zur Zeit der Reformation; dagegen fand sie in Deutschland und in Böhmen neue Anhänger, wo namentlich Huß (s. d.) für seine Aesormibestrebungen geweckt wurde und in seinen Ansichten vollständig unter W.s Einfluß stand. Die zahlreichen Schriften W.s befinden sich meist noch ungedruckt zu Oxford, Cambridge oder im Britischen Museum. Im J. 1882 hat sich in England eine Wiclif-Gesellschaft gebildet, um seine lat. Werke herauszugeben, als deren erste Publikation der KTractatus de civili dominio (Lond. 1885) erschienen ist; früher erschien bereits der „Trialogus v (1525; neueste Ausg. von Lechler, Lpz. 1879), ein Gespräch zwischen der Wahrheit, der Lüge und der Theologie, worin W. das Ganze seiner religiösen Weltanschauung niedergelegt hat; außerdem „De officio pastoralio (neueste Ausg. von Lechler, Lpz. 1863) und endlich „W.s lateinische Streitschriften » von Buddensieg (Lpz. 1883). Eine Auswahl seiner engl. Schriften veranstaltete Arnold unter dem Titel «Select English works of W.v (2 Bde., Lond. 1869 —71) und die übrigen noch ungedruckten engl. Werke gab Matthew (Lond. 1880) heraus. Ein Verzeichnis sämtlicher Schriften W.s findet sich bei Shirley, Catalogue of the original works of W.o (Lond. 1865). Von der Bibelübersetzung, die W. nach dem Texte der Vulgata 1383 vollendete und die hernach von Purvey revidiert wurde, gab zuerst Crowley 1555 den Prolog heraus, sodann Lewis (Lond. 1731), Baber (Lond. 1810) und Bagster (Lond. 1841) das Neue Testament in der revidierten Form und endlich Wilson (Lond. 1848) dasselbe in der ursprünglichen Gestalt. Die vollständige Bibelübersetzung W.s, je in zwei Kolumnen die ursprüngliche und revidierte Gestalt nebeneinander, erschien unter dem Titel The holy bible in the earliest English versions made by John W. and his followerso (4 Bde., Oxf. 1850). Vgl. Lewis, «The history of the life and sufferings of John W. (Lond. 1720; neue Ausg., Lond. 1820); Vaughan, «Life and opinions of John W.v (Lond. 1828; 2. Aufl. 1831); derselbe, „John W. (Lond. 1853); Lebas, Life of (Lond. 1832; 2. Aufl. 1846); Jäger, John W. und seine Bedeutung für die Reformationv (Halle 1854); Böhringer, «Die Vorreformatoren » (Zür. 1856; neue Ausg., Stuttg. 1878); Lechler, W. und die Vorgeschichte der Reformationo (2 Bde., Lpz. 1873; ins Englische übersetzt 1878 u. 1881); Burrows, „(W.'s place in historys (Lond. 1882); Loserth, Huß und W.y (Prag 1883; englisch w1884); Chapmann, The life of John W. (Lond. 1883); Watkinson, (Wiclifs (Lond. 1884); Wilson, „W. patriot and reformers (Neuyork 1885); Buddensieg, „W. und seine Zeite (Gotha 1885).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 602Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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