Wilhelm I. der Eroberer, König von England 1066—87 und Herzog der Normandie seit 1035, geb. 1027, war der natürliche Sohn des Herzogs Robert II. (s. d.) des Teufels von der Normandie und einer schönen Kürschnerstochter, Herlotte oder Herleva, aus Falaise. W. wurde 1033, als Robert seine Pilgerfahrt antrat, von den zu Fecamp versammelten Ständen als Nachfolger anerkannt. Auf die Nachricht von des Vaters Tode 1035 wollten ihm Verwandte und Vasallen das Herzogtum entreißen; er fand jedoch an seinem Lehnsherrn und Vormund, Heinrich I. von Frankreich, eine kräftige Stütze. W. besuchte w1051 seinen Verwandten, Eduard den Bekenner, König von England, welcher ihm in Ermangelung eigener Nachkommenschaft die engl. Krone versprochen haben soll, und vermählte sich 1053 mit der Tochter des Grafen Balduin V. von Flandern, Mathilde (gest. 1083), die ihm eine zahlreiche Nachkommens Haft gebar. Durch roße Geistesgaben und außerordentliche Körperraft ausgezeichnet, tapfer bis zur Tollkühnheit, machte W. sich im weiten Umkreise bald angesehen und gefürchtet. Er bändigte seine Vasallen, erwarb die Grafschaft Maine und führte wiederholt glückliche Fehden gegen die benachbarten Fürsten, selbst gegen den franz. König. Als nach dem Tode Eduards 5. Jan. 1066 Graf Harald (s. d.) sich der engl. Krone bemächtigte, beschloß W. seine Ansprüche mit den Waffen geltend zu machen. Papst Alexander II. billigte den Plan, weil England seinem Gegner Cadalus anhing, und übersandte W. eine geweihte Kreuzfahne und Reliquien. Nachdem im Hafen St.⸗Valery an der Sommemündung etwa 700 Schiffe mit 60000 Kriegern gesammelt waren, ging W. unter Segel und landete 29. Sept. bei Hastings (s. d.). Hier kam es bereits 14. Okt. zur Entscheidungsschlacht, wo Harald fiel und die Angelsachsen eine vollständige Niederlage erlitten. ur einzelne Burgen und Städte leisteten noch Widerstand; doch binnen kurzer Zeit unterwarfen. sich alle. Bereits 25. Dez. 1066 wurde W. als König in London (Westminster) gesalbt und gekrönt. Seine Gemahlin Mathilde ließ zum Andenken der Eroberung die berühmte Tapisserie de Bayeux (s. d.) verfertigen. W.s erstes Verhalten war streng, aber keineswegs barbarisch. Zwar wählte er seine Beamten aus den Normannen und wies seinen Kriegern die Ländereien der erschlagenen engl. Großen, sowie einen Teil der Krongüter an; allein kein Engländer scheint damals aus seinem Besitz getrieben worden zu sein. Das Osterfest 1067 beging W. mit großer Pracht zu Fecamp in der Normandie, wohin ihn viele engl. Große als Geiseln begleiten mußten. Kaum hatte er sich entfernt, als sich die Bevölkerung des nördl. und westl. England erhob. Der König kehrte im Dez. 1067 zurück und dämpfte den Aufstand. Aber 1068 brach ein weit gefährlicherer Aufruhr in Northumberland aus. Gleichzeitig erhob der König Svend Estridson von Dänemark, als Neffe Knuts d. Gr., Ansprüche auf den engl. Thron und schickte seinen Bruder Osborne (Asbjörn) ab, der mit einer großen Flotte an der Humbermündung landete und eine furchtbare Verwüstung begann. W. schloß im Herbst 1069 einen Vertrag mit Osborne, in welchem er den Dänen die ganze Küste unter der Bedingung preisgab, daß sie nach Verlauf des Winters abzögen. Hierdurch gelang es ihm, seine ganzen Kräfte auf die Unterdrückung der Engländer zu verwenden. Zwar unternahm auch König Malcolm III. von Schottland nach dem Abzuge der Dänen einen Einfall; derselbe mußte aber bald wieder zurückkehren. Um die Northumbrier zu strafen, verwandelte W. das ganze Land zwischen der Humber und Tees in eine Einöde. Außerdem begann er die Ausrottung der angelsächs. Adelsfamilien über das ganze Land und die Einführung der normann. Feudalverfassung. Mit so gewaltigen Veränderungen verband W. auch die Einführung der normann.⸗franz. Sprache im öffentlichen Leben. Wiewohl es nicht möglich war, das Angelsächsische aus dem Geschäftsverkehr des Volks, so- wie aus den Kirchen und den niedern Gerichten auszurotten, fühlten doch die Eingeborenen die arge Verletzung der Nationalität und versuchten wiederholt, aber vergebens, das fremde Joch abzuschütteln. In der Normandie versuchte W.s ältester Sohn Robert, auf Anstiften des Königs Philipp J. von Frankreich, die Herrschaft an sich zu reißen. Der Krieg zwischen Vater und Sohn dauerte mehrere Jahre, bis endlich die Königin 1080 eine Aussöhnung zu Stande brachte. Auch mit dem schott. König Malcolm III. und den unabhängigen Fürsten von Wales hatte W. noch wiederholt zu kämpfen. In den J. 1085—86 ließ W. ein ausführliches Grundbuch über sein ganzes Königreich abfassen, das sog. Domesday-book (s. d.), das die wichtigste Geschichtsquelle für jene Epoche bildet. Um der Jagdlust zu fröhnen, ließ er in der Gegend von Winchester einen der blühendsten Striche des Landes im Umfange von mehr als 220 km in Wald verwandeln, und 1083 gab er einen äußerst strengen Forsteodex. Endlich fand W. seinen Tod auf einem Feldzuge gegen Philipp I. von Frankreich. Er brach im Aug. 1087 gegen Paris auf und verwüstete unterwegs alles mit Feuer und Schwert. Als er aber in den brennenden Trümmern von Mantes-sur-Seine, das er erobert, herumritt, that sein Pferd einen Sprung, der ihm eine starke Verletzung am Unterleibe zuzog. Man brachte ihn nach Rouen zurück, wo er 7. Sept. 1087 starb. Seiner Anordnung gemäß folgte ihm in der Normandie der älteste Sohn, Robert, welcher aber sein Land an seine Brüder verpfändete, um den ersten Kreuzzug mitzumachen; als er später das Herzogtum wiederzugewinnen suchte, wurde er 1106 gefangen und starb 1134 nach 28jähriger Haft. In England succedierte W.s Sohn, Wilhelm II. Vgl. Thierrys geistreiche, aber nicht immer unparteiische Histoire de la conquête de I'Angleterre par les Normandso (I. Aufl., 4 Bde., Par. 1842); Freeman, History of the Norman conquest of Euglande (6 Bdel, Lond. 1867—79); Planché, The Conqueror and his companionso (2 Bde., Lond. 1874); Green, „The conquest of Englando (Lond. 1884).