Wolf (Friedr. Aug.), genialer Altertumsforscher und Kritiker, der Begründer der Altertumswissenschaft als solcher, geb. 15. Febr. 1759 zu Haynrode unweit Nordhausen, wurde von seinem Vater, der daselbst Kantor und Organist war, mit großer Strenge erzogen und später dem Gymnasium zu Nordhausen übergeben. Hier entwickelte sich in ihm, besonders unter der Anregung des Rektors Hake, ein rastloser Eifer für das Studium der alten Sprachen und zugleich die vorherrschende Neigung zum autodidaktischen Wissen. Auf der Universität zu Göttingen, die er 1777 mit dem Vorsatze bezog, ausschließend Philologie zu studieren, hörte er die Vorlesungen nur unregelmäßig, da er das Selbststudium schon zu sehr gewohnt war. Von Heyne, der ihn von der Teilnahme an einem Kollegium über Pindar ausgeschlossen hatte, hielt er sich ganz fern. Doch legte er ihm kurz vor seinem Abgange 1779 als erforderte Probearbeit einen Aufsatz vor, der seine damaligen Ansichten über die Homerischen Gesänge enthielt, welche Heyne indes kalt zurückwies. Hierauf kam er als außerord. Lehrer an das Pädagogium nach Ilfeld und begründete von hier aus zuerst seinen Ruf durch Herausgabe des Platonischen (Symposiumo mit Anmerkungen und Einleitung in deutscher Sprache (Lpz. 1782). Nachdem er 1782 Rektor der Stadtschule zu Osterode am Harz geworden, erhielt er 1783 den Antrag als Professor der Philosophie in Halle. Schon damals verfolgte er den Grundsatz, daß das klassische Altertum vorzüglich als Vorbild eines auf den edelsten und größten Ideen beruhenden öffentlichen und Privatlebens betrachtet und von dieser Seite als Bildungsmittel auf Hochschulen benutzt werden müsse. Zur Hauptaufgabe seines Amts machte er es sich, den vaterländischen Schulen tüchtige Lehrer und Vorsteher zuzuführen und das Schulwesen womöglich für immer von der wissenschaftelnden Praktik der Pädagogen zu befreien, und beispiellos war seine Wirk—⸗ samkeit als Lehrer während der 23 Jahre, die er zu Halle verlebte. Dabei veröffentlichte er in dieser Zeit neben einer Bearbeitung der Demosthenischen „“Oratio adversus Leptinemo (Halle 1789) die Prolegomena in Homérumv (Halle 1795), in denen er seine Gedanken von der ursprünglichen Gestalt der Homerischen Gedichte, ihren mannigfachen Schicksalen und der Art und Weise ihrer Wiederherstellung niederlegte. Von diesem Werke, worin er den Satz begründet, daß die Odyssee und Ilias in ihrer gegenwärtigen Gestalt nicht das Werk Homers, sondern mehrerer Rhapsoden seien, nahm die neue histor.⸗kritische Forschung und eine lebensvollere Auffassung der Litteraturgeschichte nicht bloß der Griechen, sondern der Litteratur aller Kulturvölker, ja der Geschichte überhaupt ihren Ausgang. Auch auf unsere klassische Litteratur selbst war W. von großem Einfluß. Namentlich stand er mit Goethe in fruchtbarem Wechselverkehr. Die Außerungen mihrerer Gelehrten, auch Heynes, daß ihnen längst gleiche Gedanken vor der Seele geschwebt, veranlaßte die geistreichen Briefe an Heyne, eine Beilgze zu den neuesten Untersuchungen über Homerp (Berl. 1797). Einige Jahre nach dem Erscheinen der Prolegomenav suchte W. die schon früher von Markland angefochtene Echtheit von vier Reden des Cicero Post reditum in senatus, «Ad Quirites post reditumo, Pro domo sua ad pontificeso, De haruspicum responsiso, sowie die Rede Pro Marcellop in einer Ausgabe mit Vorrede und Kommentar (Berl. 1801) darzuthun. Nachdem er 1796 einen Ruf nach Leiden, 1798 nach Kopenhagen und 1805 nach München abgelehnt hatte, wurde seine Stelle allmählich sehr bedeutend verbessert und er selbst erhielt 1805 mit einer neuen Erhöhung seiner Einnahmen den Titel als Geheimrat. Nach Aufhebung der Universität u Halle siedelte er 1807 als Mitglied der Akademie er Wissenschaften nach Berlin über, wo er an der neuen Einrichtung der Universität eifrigen Anteil nahm. Da aber seine Wünsche nicht völlige Berücksichtigung fanden, blieb er nur kurze Zeit im eigentlichen Staatsdienst als Direktor der wissenschaftlichen Deputation und Mitglied der Sektion für den öffentlichen Unterricht im Ministerium des Innern. Die andern amtlichen Pflichten eines ord. Professors lchung er von vornherein ab, er wollte nur Vorlesungen an der Universität halten ohne weitere Verpflichtungen. Auch seine Beziehungen zur Akademie, die ihn seit 1812 zu ihren Ehrenmitgliedern zählte, gestaltete sich nicht nach seinen Wünschen. Zur Wiederherstellung seiner Gesundheit unternahm W. im April 1824 eine Reise nach Südfrankreich, wo er 8. Aug. 1824 zu Marseille starb. Unter seinen Schriften sind noch zu erwähnen die Ausgaben der &Theogoniav des Hesiod (Halle 1783), einzelner Schriften Lucians unter dem Titel „Luciani libelli quidamo (Halle 1791), der Historiaes des Herodian (Halle 1792), mit einer kritischen Vorrede und trefflichen Einleitung, der „Quaestiones Tusculanaen des Cicero (Lpz. 1792; 3.Aufl. 1825), ferner des Sueton (4 Bde., Lpz. 1802), mit den Anmerkungen von Ernesti und Casaubonus, Platos Dialogorum delectuso (Berl. 1812 u. 1820), welcher den Euthyphrono die Apologie des Sokrateso und den «Kritono in einer neuen Textrecension und mit einer klassischen lat. übersetzung enthält, sowie die Erklärungen Zu Platos Phädono (Berl. 1811). Auch besorgte er eine von ihm vielfach bereicherte Ausgabe der Schrift von Reiz: „De prosodiae Graecae accentus incelinationes (Lpz. 1791). Als trefflicher übersetzer und feiner Kenner des antiken Lebens bewährte er sich in der Bearbeitung eines Teils von Aristophanes' Komödie Acharnere, griechisch und deutsch, mit einigen Scholien (Berl. 1811) und «Wolkenv, griechisch und deutsch (Berl.1812), ebenso von Horaz' erster Satire⸗ (Berl. 1813). Seine litterarische Thätigkeit erstreckte sich aber auch auf weitere Kreise des klassischen Altertums. Dahin gehören besonders seine „Geschichte der röm. Litteraturv, als Leitfaden zu Vorlesungen (Halle 1787), das mit Buttmann herausgegebene«Museum der Altertumswissenschaften (2 Bde. in 6 Heften, Berl. 1807—10), worin namentlich auch die grundlegende Abhandlung Darstellung der Altertumswissenschafte enthalten ist; ferner das «Museum antiquitatis studiorumvo (Bd. 1, Berl. 1808—11), die «Litterarischen Analektend (4 Bde., Berl. 1817—20), die Vermischten Aufsätze in lat. und deutscher Spracher (Halle 1802). Nach seinem Tode erschienen, meist aus Kollegienheften zum Teil mangelhaft entnommen, seine (Vorlesungen über die vier ersten Gesänge von Homers Iliaso von Usteri (3 Bochn., Lpz. 1831), seine Anmerkungen zu Ciceros «Quaestiones Tusculanae in der besondern Ausgabe derselben von Orelli (Zür. 1829) und zu Hesiods «Scutum Herculisop in der Ausgabe von Ranke (Quedlinb. 1840), ferner die Encyklopädie der Philologies von Stockmann, d. i. Bergk (Lpz. 1830; neue Aufl. besorgt von Westermann 1845), „Vorlesungen über die Altertumswissenschafts von Hoffmann (Opz. 1833) und „Consilia scholastican von Föhlisch (2 Hefte, Wertheim 1829—30). Eine Sammlung der Kleinen Schrifteno veranstaltete Bernhardy (2 Bde., Halle 1869). Aus seinem Nachlaß gab sein Schwiegersohn Körte die Ideen über Erziehung, Schule und Universitäto (Quedlinb. 1835) heraus. Vgl. Hanhart, «Erinnerungen an Friedrich August W.» (Bas. 1825); Körte, Leben und Studien Friedrich August W.s, des Philologend (2 Bde., Essen w1833); Gottholdt, «Friedrich August W., die Philologen und die Gymnasien» (Königsb. 1843); O. Schulz, «Erinnerungen an Friedrich August (Berl. 1836); Arnoldt, «W. in seinem Verhältnisse zum Schulwesen und zur Pädagogiko (2 Bde., Braunschw. 1861—62). über das Verhältnis von W. zu Goethe handeln Lothholz, Das Verhältnis Wi.s und Wilhelm von Humboldts zu Goethe und Schillers (Lpz. 1863), und M. Bernays, «Goethes Briefe an W.» (Berl. 1868). Vgl. noch Volkmann, „Geschichte und Kritik der Wolfschen Prolegomena