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GeschichteBau-Lexikon 1881
maurischer Stil

maurischer Stil, m., frz. style mauresque, moresque, engl. moorish style. I. Entstetungsgeschichte. Nachdem der arabische Stil (s. d.) während der ersten Jahrhunderte mohammedanischer Herrschaft auf der Pyrenäischen Halbinsel seine Knospen entfaltet hatte und in großen, reichverzierten Bauten eine Vermischung altchristlicher, byzantinischer und persischer Elemente zwar mit großem Pomp und in vieler Hinsicht in charaktervoller Entwickelung darbot, aber doch noch nicht zu harmonisch vollendeter Durchbildung hatte gelangen können, wurde er in dieser eben begonnenen Durchbildung schon wieder durch das Hinzutreten neuer Elemente gestört. Die Monarchen von eom sbibliotnek Heidelberg und Kastilien griffen um 1085 das schon seit 1031 manchfach durch Bürgerkriege zerklüftete abendländische Kalifat an, und die Herrscher von Sevilla, Badajoz, Almeria etc. sahen sich genöthigt, afrikanisch-mohammedanischeStämme unter Jussuf ben Teschfin, dem Gründer von Maroklo, zu ihrer Unterstützung herbeizurufen, die denn auch schon 1086 die Schlacht bei Zalaea gewannen; 1090 das zweite Mal zu Hülfe gerufen, benutzte Jussuf die Gelegenheit, um die von ihm Unterstützten dann selbst zu unterjochen. Daraus resultirte nun eine Vermischung der afrikanischen Volksstämme mit den asiatisch-arabischen, die zuerst nach Spanien gekommen waren. Während der Kriege selbst hatte die Kunst brach gelegen. Nun nach Vollendung der Kämpfe begann sie unter dem Schutz der Almohaden wieder emporzuwachsen, trieb aber ganz andere Blüten als vorher. Der Grund dieser Umänderung liegt nicht nur in jenem Hinzukommen afrikanischer Stämme, welche aller-Fig. 2599. Calahorra, d. h. Brückenkopf der Guadalquivirbrücke dings manche Formen mitbrachten, die wir in derselben Zeit in Aegypten entstehen sehen; ein anderer gewichtiger Grund zu diesen Veränderungen liegt vielmehr in der häufigeren Berührung mit den spanischen Christen u. dem dadurch erwachsenen Kennenlernen normännischer u. spätromanischer Formen, sowie in den seit 949 ziemlich innigen Beziehungen des Kalifats von Cordova zu dem griechischen Kaiserreich. Recht deutlich kann man die Wirkung dieser Uebergangszeit, obschon in fast schmucklosen Formen, an der Calahorra, dem Brückenkopf der von den Römern erbauten, um 790 von Hischem I. restaurirten Brücke zu Cordova sehn. Diese Calahorra ist ums Jahr 1000 erneuert, 1369 reparirt und erweitert, s. Fig. 2599. Aus dem 11. Jahrhundert sind uns zu wenig Bauwerke geblieben, als daß man die Abänderungen in ihrer allmählichen Entwickelung gleichmäßig beobachten könnte. Der Aleazar von Sevilla wird zwar schon 1042 erwähnt, aber von seinen damaligen Formen hat er nichts bewahrt. Im 12. Jahrh. dagegen (1136 wurde das Schloß Alhambra angefangen) treten schon komplizirtere Ornamentalformen als früher auf,‚ hier u. da werden die Verhältnisse schlanker, die Kapitäle eleganter in der Komposition, sauberer in der Ausführung, an den festonnirten Bögen werden die Kreisabschnitte der Zacken kleiner, die Hufeisenbögen bekommen eine Spitze. Man fing an, buntfarbig emaillirte Backsteine, Azulejo's, mosaikartig zu Mustern zusammenzusetzen, Inschriften wurden vielfältiger als früher angewendet, dann wurden die Zacken der Bogen manchfacher verschlungen, die Gewölbflächen u. Laibungsflächen von Thür⸗ u. Fensterbögen wurden mit kleineren Stücken von Kreuzgewölbsmodellen verziert, die man reihenweise über einander stellte, so daß jede obere Reihe die untere überragt u. auf diese Weise das Ganze allmählich sich schließt, so ein Zellengewölbe bildend. Die durch diese Versuche und Fortschritte herbeigeführten Schwankungen in der Formgebung hörten nach und nach auf und mit Blick auf die Moschee zu Cordova, Aufnahme von O. Morhes. der maurische Stil stand mit der Vollendung des Alcazar von Malaga 1226 vollständig durchgebildet da und behielt seine Geltung, obgleich schon 1232 die vollkommene Herrschaft der Afrikaner in Spanien aufhörte. Zwar wurde 1236 Cordova von Ferdinand erobert und 1238 ergab sich Valencia; aber Mohammed Ben Nassar, gen. Alhamar, gründete das Königreich Granada, und dort entstanden von 1248 an bis um 1400 die schönsten Blüten des maurischen Stils, für den man keine passendere Bezeichnung finden kann als die, welche wir eines Tages aus dem Munde eines jungen Granadiners in den schönen Räumen der Alhambra hörten: „Die maurische Bauweise ist die Gattin des gothischen Stils.“ II. Konstruktiver Charakter. In Bezug auf Konstruktion bestand die Hauptaufgabe der maurischen Architekten darin, mit geringem Kraftaufwand Großes zu leisten. Die kräftigeren Leute brauchte man zu dem nie rastenden Kampf. Steinbrüche sind in den damals von den Mauren besessenen Ländern wenig vorhanden, desto mehr standen ihnen Thon,Gips, Kiesel v. zu Gebote; große Baumstämme waren selten. Die Kunsthistoriker haben bei dem Tadel, den sie gegen die maurische Konstruktionsweise oft aussprachen, dies nicht gehörig bedacht. Die Umfassungsmauern bestehen infolge eben dieser Umstände meist aus Pisee von Thon oder Lehm mit durchgreifenden Lagen von Kalk u. Kieseln, wohl auch mit Binsen, Holzsplittern und Baumzweigen vermischt. Decken und Hauptsimse bestehen aus oft erstaunenswerth schwachen Hölzern. Die Wände sind hier und da mit Bretern, häufig mit Gips bekleidet; die durchbrochenen Arkadenwände bestehen aus Holz, mit Gips umkleidet; selbst die Pfeiler, welche auf den Säulen der Arkaden aufstehen und die Decke tragen, sind so konstruirt. Wenn man nun rücksichtigt, daß die maurischen Archi-A tekten auf so schlechtes Material ange⸗ 850 wiesen waren, muß man sie wegen dieser Konstruktionsweise nicht nur nicht tadeln, sondern sogar bewundern, namentlich wenn man re — bei geaauerer Untersuchung selbst findet, daß sie ihr Material und alle seine Eigenschaften genau kannten und so vortrefflich benutzten, als es nur immer hochkultivirten, mit der Mathematik u. den Naturwissenschaften sehr vertrauten und technisch hocherfahrenen Leuten möglich war; sehr weite Räume finden wir mit auffällig schwachem Holz überdeckt u. oft andieses Holznocheine bedeutende Last von 4 Gips angehängt, ohne daß in6 Jahrhunderten eine gefahrdrohende Sen-A kung sich gezeigt hätte, wo nicht etwa durchschlechteUnterhaltung des Dachwerks das Holz gefault war. Die Vorzüge und Verwendung der Backsteine kannten sie afe sehr wohl, konnten dieselben aber nur AU selten anwenden, da sie durch die Seltenheit des Brenumaterials sehr theuer waren. Man findet jedoch namentlich die eigentlich tragenden scheitrechten Bogen, sowie hier u. da Klostergewölbe, mit bewundernswerther Akluratesse und Kühnheit fast immer in Backstein ausgeführt. III. Formensystem. Während aus Rücksicht auf die Eigenschaften der Materialien fast sämtliche Konstruktivformen aus lothrechten und wägrechten Linien zusammengesetzt waren, verlangte der Geschmack der Orientalen reiche, üppige und in phantastischem Schwung gestaltete Ornamentik. Diese ist nun auf das Manchfachste hergestellt, ohne doch die Konstruktion geradezu zu verbergen oder auf eine nicht vorhandene Grundform derselben hinzudeuten; in dem eigentlichen Viereck, welches jede Oeffnung, der Kon-HEIDELBERG O Universit stn uktion nach, ildet And welches als Grund form des mauris — 5 Stils Hithen ist, sitzt ein Ornamentalbogen von Gips oder Marmor, welcher aber nichts trägt und dieses Nichtstragen auch gleich auf den ersten Blick edt darlegt; diese Bögen sind nämlich nach den manchfachsten Linien geschlungen, sie erscheinen als Stichbogen, stehende Ellipsen, liegende Ellipsen, Spitzbogen, Rundudeen⸗ und stimmen sämtlich nur darin überein, daß sie unten am Widerlager eine sehr zarte Einziehung haben u. Hoft sogar in der Frontfläche ihrer Hintermauerung, sowie in der Laibung, durchbrochen sind. Die Laibung besteht auch manchmal aus Zellen; rare Räume sind ganz mit Zellengewölben überdeckt; dasselbe zeigt bei weitem manchfachere Formen als im 12. Jahrh., häufig hängen aus den auff steigenden Hauptgruppen dieser Gewölbchen ganze Gruppen derselben weit hinab, was den Namen Stalaktitengewölbe vollständig rechtfertigt. In der Gruppenvertheilung dieser Gewölbe 255 sich eine Kombinationsgabe, eine Leichtigkeit, geometrische Formen zu projiziren, in den Wandverkleidungen eine Routine in Verschmelzung geometrischer Formen mit Pflanzenverschlingungen, in den auf der Comarazia (s.d.) beruhenden Mosaikmustern der Sockel, Fußböden, Holzdecken und Thürflügel ein Talent zur Winkel⸗ und Polygonberechnung, welche wirklich eines bessern Materials würdig gewesen wären; denn wenn auch jenen Künstlern zur Dekoration die feinsten Farben, Gold, Silber, echte Perlen, Elfenbein u. Cedernholz in veicher; Fülle zu Gebote standen, an gutem Konstrüktionsmaterial fehlte es ihnen, wie eben erwähnt, fast stets. Wo ihnen solches zu Gebote stand, haben sie auch Staunenswerthes geleistet. Dies find einige Wasserleitungen, die Giralda zu Sepilla etc. Aber selost fehlte, nöthigten sie dem Material denn doch das Mögwoslichste ab. Die Fußböden bestanden meist aus glasirten Ziegeln (Almorrefas) oder aus Marmor; erstere, besonders die teppichartig gestalteten (AIombras), waren nach Mustern zusammengolegt, von denen einige in Fig. 1800-1802 auf S. 387 im 2. Bd.nachzusehen sind. Die Sockel bestanden aus glasirten Kachelstückchen (Kaulejos). Proben von Sockeln u. Wandmustern geben wir in Fig. 2601 und 2603 von dem Portal von S. Jago in Malaga u. in Fig. 2600 aus Alhambra. Fig. 2602 stellt eine Deckeneintheilung aus dem Hause der Grafen Mulina in Malaga dar; diese Decken sowie die oft ebenso komplizirten Thürflügel bestehen aus eingeschobenen Füllungen zwischen zart gegliederten Leistchen (oft hat ein Thürflügel mehr als 300 Füllungen), die Füllungen selbst sind mit Pflanzenornamenten ausgefüllt. — Von der Or-Fig. 2608. Maurischer Dachstuhl aus S. Felipe di Kativa namentik selbst gilt das in dem Art. Arabesken (s. d) Gesagte. Außerdem spielt auch die Muschel (Almeja) eine ziemliche Rolle in der Ornamentik, sauch Fig. 2604. Die Farbenvertheilung ist sehr fein und bei aller Manchfaltigkeit doch sehr gewählt; die Sauberkeit der Ausführung ist minutibs bis ins Kleinliche. Die Kapitäle behalten im allgemeinen die Hauptform der arabischen bei und erinnern im Anfang noch entfernt an das korinthische Kapitäl. Wir geben in Fig. 2605b das Fragment eines solchen Kapitäls aus dem vermuthlich um 1306 erbauten Mobliothek Heidelberg cheenhof in Alhambra, in Fig. 2605a aber eine vollständig entwickelte maurische Säule nebst Bogenanfang aus der wohl zwischen 1333 u. 1348 erbauten Casa del Ohapiin Granada, und endlich in Fig. 2606 ein ähnliches Kapitäl in geometrischer Ansicht. Noch kommt im Lauf des 14. Jahrh. eine neue Kapitälform hinzu. Fig. 26050 stellt ein solches Kapitäl aus dem 1391 zuerst urkundlich erwähnten Generalif (Ginut al Arif, Garten des Künstlers) bei Granada dar. Die Schäfte der Säulen sind sehr schlank und haben theils gar keine, theils eine sehr geringe Verjüngung. Das Holzwerk ist zwar in seinen geschnitzten Theilen bemalt, in den glatten aber meist nicht angestrichen. Die Dächer laden weit aus und haben eine Art Sparrenköpfe oder Stichbalken (alfagias), die aber vom Gebäude aus aufsteigen, so daß man die sternförmigen Füllungen dazwischen gut sehen kann; unter diesen läuft ein geschnitzter Bretfries an der Wand hin, und an den Bindern u. Ecken stehen lang herabreichende Knaggen. Das Dach ist ziemlich steil(zwischen 30 u. 40%) und stets abgewalmt, oft etwas ausgeschweift. Der Dachstuhl ist im Innern sichtbar und nur an den Bindern mit Balken (alardas) versehen, die eigentlich nicht als Balken, sondern als Zangen fungiren, was durch die doppelten, sich an der Ecke überkreuzenden Mauerlatten ermöglicht ist, die zugleich den schon erwähnten falschen Sparrenköpfen als Auflage dienen. Fig. 2607 und 2608 ist der Dachstuhl einer kleinen Moschee in S. Felipe di Kativa. Die Sparren liegen sehr nahe aneinander, die Sparren u. Kehlbalken bilden lange, schmale, oft durch Schnitzwerk reich verzierte u. in nicht todten, fast stets aber dunklen Farben bemalte Kassetten; die Bemalung der Stalaktitendecken u. der Wände hingegen ist in der Hauptfache stets hell. Die Sockel innerer Wände sind, wie schon erwähnt, in Mofaikmustern mit Azulesos belegt; die Obertheile der Wände sind jetzt meist nackt, Fig. 2610. Fig. 2611. Fig. 2612. wo festes Material reichlich zu Gebote stand, und auch da nur an den Thoren von Festungsthürmen, Ringmauern und Moscheen sowie an Cisternen, also nur da, wo es auf monumentale Repräsentation und große, lange Dauer abgesehen war. IV. Gebändearten. a) Nützlichkeitsbauten. Diese

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Fig. 2602. Decke aus
Fig. 2602. Decke aus
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Fig. 2603. Aus S. Jago in Malaga.
Fig. 2603. Aus S. Jago in Malaga.
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Fig. 2606.
Fig. 2606.
Fig. 2611.
Fig. 2611.
Fig. 2612.
Fig. 2612.
Illustrirtes Bau-Lexikon. Praktisches Hülfs- und Nachschlagebuch im Gebiete des Hoch- und Flachbaues, Land- und Wasserbaues, Mühlen- und Bergbaues, der Schiffs- und KriegsbaukunstHrsg. von Oscar Mothes, 4. Aufl., Leipzig und Berlin: Otto Spamer 1881–1884 · Bd. 3, S. 375Scan: Universitätsbibliothek Heidelberg · gemeinfrei

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