FeedKatharer
ReligionBrockhaus 1882

Katharer (grch., d. i. die Reinen) ist der Name einer vom Ende des 10. bis zur Mitte des 15. Jahrh. in den meisten Ländern des südl. und westl. Europa verbreiteten Sekte, welche einen mehr oder weniger schroffen Dualismus, sowie strengste Ascese lehrte, und deshalb die heftigste Opposition gegen die verweltlichte Kirche erhob. Sie führten verschiedene Namen. K. nannten sie sich selbst. Daraus ward in der Lombardei 4Gazzariv, woraus das deutsche Wort Ketzery entstand. Weil ihre Lehre derjenigen der Manichäer verwandt ist, wurden sie häufig. (Manichäer genannt. Wegen des ersten Auftretens der K. in Bulgarien hießen sie „Bulgaren»ꝰ, woraus das franz. Schimpfwort «bougrer entstand. In Italien hießen sie «Patarenero oder den Niederlanden Piphleso. Ihre ersten Spuren findet man gegen Ende des 10. Jahrh. unter den slaw. Völkern der Balkanhalbinsel, besonders Bulgariens. Papst Innocenz III. schritt mit Kreuzzügen und Ketzergerichten gegen sie ein, doch wur-t den sie erst gegen Ende des 15. Jahrh. ausgerottet. l Unterdes hatten sie sich nach Westen hin weiter ausgedehnt. In Dalmatien war Trogir oder Tragurium ihr Hauptsitz. Von hier aus drangen sie nach Italien vor, wo sie in der Lombardei zahl-2 reiche und sogar in Florenz, Rom, Neapel verein-r zelte Anhänger fanden. Die Blutarbeit der Inqui-n sition beseitigte sie hier bereits im 14. Jahrh. Ihren Hauptsitz hatten die K. in Südfrankreich. Um die Mitte des 12. Jahrh. war das ganze mittlere Frankreich in mehrere Bistümer geordnet: Toulouse, Alby, Carcassonne u. a. Im J. 1167 hielten die K. unter dem Vorsitz des Bischofs Nicetas von Konstantinopel zu St.⸗Felir de Caraman in der Nähe von Toulouse eine große Synode. Aber auch hier schritt Innocenz III. gegen sie ein, die Aaant und blutigen Albigenserkriege brachen ihre Kraft und im 14. Jahrh. wurden sie völlig vernichtet. Nur vereinzelte Anhänger hatten die K. in England, im Norden Spaniens und in Deutschland am Rhein. Die Lehre der K. war ein dem Manichäismus ähnlicher Dualismus, doch gibt es strengere und mildere Dualisten. Beide lehrten zwei einander entgegenstehende göttliche Wesen, während aber jene den bösen Gott für gleich ewig hielten wie den %½„ sahen diese in ihm einen gefallenen Engel. er gute Gott schuf die himmlische Welt mit den himmlischen Menschen; der böse Gott schuf die materiellen Elemente und aus ihnen alle sichtbaren Dinge. Der gute Gott hat sich im Neuen Testament geoffenbart, der böse im Alten. Die Sünde hat ihren Grund in der Berührung der Seele mit dem Körper. Deshalb ist es die höchste Pflicht des Menschen, in peinlicher Ascese sich jeder Befleckung durch den Körper zu entziehen. Zur Kirche der K. gehörten streng genommen nur die „Vollkommenen »,‚ welche die Weihe des Consolamentum v erhalten haben. Sie erhielten durch Handauflegung den Heiligen Geist und sind verpflichtet, sich von jeder Sünde, d. h. jeder Berührung mit der Welt, frei zu halten. Den weitern Kreis bildeten die 4Gläubigen», welche die Wahrheit der katharischen Lehren anerkannten, aber das Consolamentum noch nicht empfangen hatten. Sie durften Güter besitzen, Krieg führen, heiraten und Fleisch essen. In heftiger Weise griffen die K. die kath. Kirche an, von der sie Rücktehr zu apostolischer Einfachheit verlangten. Vgl. Hahn, 4Geschichte der Ketzer im Mittelaltero (Bd. 1, Stuttg. 1845); Chr. Schmidt, Histoire et doctrine de la secte des Cathares ou Albigeoiso (2 Bde., Par. 1849).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 182Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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