Kontagium (lat.) nennt man den unbekannten spezifischen Stoff, welcher sich bei gewissen Krankheiten im menschlichen oder tierischen Organismus mißt, sind unter C aufzusuchen. erzeugt und dessen übertragung auf gesunoe Judividuen eine gleiche Erkrankung der letztern zur Folge hat, sofern überhaupt die Disposition zur Krankheit vorhanden ist. Wird dagegen der Ansteckungsstoff außerhalb und unabhängig von einem vorher erkrankten Organismus im Boden erzeugt und durch die Luft oder das Wasser weiter verbreitet, sodaß man erkranken kann, ohne einem bereits erkrankten Menschen begegnet zu sein, so spricht man von einem Miasma (s. d.). über die kontagiösen Krankheiten s. unter Ansteckung. Die Übertragung des K. oder Ansteckungsstoffs heißt die Kontagion, die Ansteckungsfähigkeit einer Krankheit die Kontagiosität, die Zeit zwischen der erfolgten Ansteckung und dem ersten Auftreten krankhafter Erscheinungen die Inkubation, die bei den verschiedenen kontagiösen Krankheiten eine sehr verschiedene Dauer hat, bei Blattern und Masern etwa 9 Tage, bei Syphilis etwa 28 Tage etc. Die Kontagien sind entweder fixe oder flüchtige; ersteres, wenn sie nur mittels fester oder flüssiger Stoffe, an denen sie festhaften (Eiter, Stuhlentleerungen u. s. w.), übertragen werden können; letzteres, wenn sie sich auch gasförmigen Stoffen, also z. B. der ausgeatmeten Luft, der Hautausdünstung, mitteilen und also mittels der von ihnen geschwängerten Luft anstecken. Ein fixes K. ist z. B. das der Syphilis, welches sich nicht der Luft mitteilt, sondern am Eiter der syphilitischen Geschwüre haftet und nur mittels dieses Eiters übertragen werden kann. Flüchtige Kontagien sind die der Masern, des Scharlachs, der Pocken, des Keuchhustens, welche Krankheiten anstecken können, sobald man die Luft atmet, welche von den Ausdünstungen des Kranken erfüllt ist. Die flüchtigen Kontagien können also auf doppelte Weise übertragen werden, erstens durch die Ausdünstungen des Kranken, zweitens durch flüssige oder feste Stoffe, in welchen das K. gelöst ist. So findet sich z. B. das K. der Pocken in der serösen Flüssigkeit, welche die Pockenpusteln enthalten, ehe sie in Eiterung übergegangen sind. Dasselbe kann nun teils dadurch übertragen werden, daß man ein wenig dieser serösen Flüssigkeit oder Löymphe in das Blut oder unter die Haut eines Gesunden bringt, oder auch dadurch, daß das K. in die Luft ausdunstet und von einem Gesunden eingeatmet wird. Ähnliches gilt vom K. der Masern und des Scharlachs. Die Entstehungsart des K. ist unbekannt, d. h. wir wissen zwar, daß nach der Ansteckung eines gesunden Organismus in letzterm dasselbe K.eentsteht, durch welches er angesteckt wurde, aber wir wissen nicht, wie dies zu Stande kommt, noch wie das K. das erste mal entstanden ist. Von den Kontagien der Pocken, der Masern und der Syphilis glaubt man, daß sie sich gegenwärtig nie mehr von selbst erzeugen, sondern nur durch immer erneute Ansteckung fortwuchern (permanente Kontagien), während man in Betreff anderer Kontagien zweifelhaft ist, ob sie nicht unter gewissen, übrigens unbekannten Umständen von selbst, d. h. ohne hervorgegangene Ansteckung, entstehen können. Je nachdem die Kontagien eine größere oder geringere Dauerhaftigkeit haben, spricht man von ihrer größern oder geringern Tenacität. Kuhpockenlymphe kann man ein Jahr und länger, eingetrocknet oder unter luftdichtem Verschlusse, aufheben, ohne daß sie ihr Ansteckungsvermögen verliert. In Zimmern, in welchen Kranke gelegen hatten, die am exanthematischen Typhus litten, erfolgte noch Ansteckung, nachdem die Zimmer sieben Monate leer gestanden hatten; das Gleiche ist von der Cholera und von der Diphtheritis bekannt. Die Aufnahme des K. seitens der Gesunden kann auf verschiedene Weise geschehen, je nachdem das K. fix oder flüchtig ist. So geschieht die Ansteckung mit der Syphilis durch die Haut oder durch die Schleimhaut der natürlichen Höhlen in der Nähe ihrer Offnung. Dagegen erfolgt die Ansteckung mit Blattern, Masern, Scharlach, Keuchhusten gewöhnlich durch die Lungen, wobei indes das K. auch durch feste oder flüssige Stoffe auf die Haut und die Schleimhaut übertragen werden kann, z. B. beim Impfen der Kuhpocken. In welchem Stadium der kontagiösen Krankheit das K. erzeugt wird, d. h. wann die Ansteckungsfähigkeit am größten ist, ist nur wenig bekannt; bei Masern, Scharlach und Pocken vor dem Ausbruch des Exanthems und während desselben, bei Typhus und Cholera wahrscheinlich während der Zeit der reichlichen Stuhlentleerungen. Die Kenntnisse über das Wesen der Kontagien sind noch immer ziemlich mangelhaft. Früher hielt man alle ansteckenden oder Infektionskrankheiten für die Wirkung rein chem. gasiger Produkte, welche einen eigentümlichen Gärungsprozeß im Blute und damit eine schnelle Zersetzung der Blut- und Körperbestandteile zur Folge haben sollten (chem. Theorie) und sprach somit von Gärungs- oder zymotischen Krankheiten. Mehr Anerkennung hat indessen in der neuern Zeit die schon im Mittelalter ausgesprochene Ansicht eines lebenden K. gefunden, nach welcher alle Infektionskrankheiten durch die Aufnahme kleinster mikroskopischer Organismen in die Blutbahn entstehen, durch deren Einwirkung in den organischen Substanzen des Körpers ähnliche Zersetzungsprozesse eingeleitet werden, wie wir sie z. B. bei der Alkoholgärung durch die Sporen der Hefepilze entstehen sehen (parasitäre Theorie). Besonderes Aufsehen erregte in dieser Beziehung die wichtige Entdeckung Davaines, daß im Blute solcher Tiere, die am Milzbrand (s. d.) gestorben waren, konstant gewisse ganz charakteristische Pilzformen, die sog. Bacterien, vorhanden sind und daß man mit dem solche Pilzformen enthaltenden Blut den Milzbrand auf vorher gesunde Tiere übertragen kann. Später hat sodann Hallier in Jena behauptet, daß überhaupt jede kontagiöse Krankheit durch die Einwanderung eines ganz bestimmten charakteristischen Pilzes bedingt sei, und so z. B. einen spezifischen Cholera⸗, Blattern⸗ und Typhuspilz beschrieben und abgebildet, blieb aber den experimentellen Beweis schuldig; ebenso hat Salisbury 1866 die Entstehung der Wechselfieber auf die Einatmung kleinster, in der Sumpfluft enthaltener pflanzlicher Organismen, der sog. Palmellen, zurückgeführt. Späterhin fanden Obermeier (1873) bei der Febris recurrens (s. d.) im Blute der Kranken eigentümliche spiralige Bacterien (sog. Spirillen), Klebs in den Membranen der Diphtheritiskranken kleinste stäbchenförmige Spaltpilze (Microsporon diphtheriticum), R. Koch in dem Auswurf der Tuberkulösen die eigenartigen Tuberkelbacillen und neuerdings (1883) in der Darmschleimhaut der Choleraleichen die sog. Kommabacillen (s. d.) und sprachen diese mikroskopisch kleinsten Spaltpilze als die Träger der Kontagien der genannten Krankheiten an. Wenn auch andere Forscher nicht alle diese Angaben als unumstößlich erwiesen mißt, sind unter C aufzusuchen. erachten, so sprechen doch viele gewichtige Umstände, wie z. B. die ganz unbegrenzte Vermehrungsfähigkeit der Kontagien, ihre ganz spezifische Wirkung, wonach ein jedes K. immer nur eine ganz bestimmte Krankheit zu erzeugen vermag, ferner das Stadium der Inkubation, sowie die außerordentliche Ahnlichkeit der Infektionskrankheiten mit verschiedenen, nachweislich auf parasitären Pilzbildungen beruhenden Hautkrankheiten, sehr zu Gunsten der parasitären Theorie, und es steht zu erwarten, daß dieselbe mit der fortschreitenden Vervollkommnung der Mikroskope und der mikrofkopischen Technik bald auch ihre allseitige experimentelle Bestätigung finden wird. Vollkommen gelungen ist bis jetzt der experimentelle Beweis nur von den Milzbrandbacterien (s. Milzbrand) und den Tuberkelbacillen (s. Tuberkulose). Gegenüber chem. Reaggentien und der Hitze verhalten sich die Kontagien wie organische Stoffe überhaupt: große Hitze und eingreifende chem. Stoffe, z. B.Säuren, Alkalien, Chlor, Brom u. s. w., zerstören sie. Daher der Nutzen der Chlorräucherungen in Zimmern, die von ansteckenden Kranken bewohnt sind oder waren, des starken Erhitzens der Kleidungsstücke, der Waschungen der Haut mit Ammoniak, Carbolsäure, Sublimatlösung, Schmierseife etc. nach Berührung ansteckender Stoffe. Vgl. Uhle und Wagner, „Handbuch der allgemeinen Pathologies (7. Aufl., Lpz. 1876); Griesinger, Infektionskrankheitens (2. Aufl., Erlangen 1864); Liebermeister, Infektionskrankheitend (in Ziemssens Handbuch der Pathologie und Therapier, 2. Aufl., Lpz. 1876); R. Koch, «Untersuchungen über die Atiologie der Wundinfektionskrankheiten) (Lpz. 1878), und in den Mitteilungen aus dem kaiserl. Gesundheitsamtes. [Geometrie.