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NaturlehreBrockhaus 1882

Kraft bezeichnet im allgemeinen jede Ursache einer Wirkung, und daher gebraucht man dieses Wort sowohl bei den Vorgängen in der geistigen als auch in der materiellen Welt. Die den Erscheinungen zu Grunde liegenden Kräfte werden niemals unmittelbar, sondern immer erst durch Rückschlüsse aus deren Wirkungen, also mittelbar erkannt. Erst in der Neuzeit wurde bewiesen, daß die verschiedenen Naturkräfte, wie z. B. die Schwerkraft, die elastische K., die magnetische und elektrische K., die chem. Anziehungskraft u. s. w., auf das innigste zusammenhängen und daß sich die eine in die andere in äquivalenter Weise umwandeln, daß sich aber keine K. vernichten lasse; alle Naturkräfte entspringen einer einzigen Grundkraft und sind nur als Modifikationen dieser einen Grundkraft anzusehen, wobei nicht die kleinste K. im Weltall verloren gehen kann; die K. des Weltalls ist sowie die Materie des Weltalls unvernichtbar. Schon die altgriech. Philosophen: Leucipp (510 v. Chr), Heraklit (500 v. i Demokrit (470 v. Chr.), Aristoteles (350 v. Chr.), Epikur (305 v. Chr.), und ebenso die Denker seit mehr als 200 Jahren: Descartes, Newton, Huyghens, Bacon u. a. m., haben die Unzerstörbarkeit der Atome und der an der Materie sich äußernden Kräfte geahnt; aber erst gegen Ende des 18. Jahrh. eng Lavoisier (1772—86), Wenzel (um dieselbe Zeit bis 1777) und Richter (1792) mittels der verfeinerten Wage die Unzerstörbarkeit, also die Erhaltung der Materiev, und im 19. Jahrh. haben J. R. Mayer (1842—51) und P. Joule (1843 —49) den Satz von der Unzerstörbarkeit, d. i. von der keichzeltianat der Kraft, experimentell erwiesen; gleichzeitig hat Colding mittels Spekulation darauf hingewiesen. Der Satz von der Erhaltung der K. spricht aus, daß die im Weltall wirkende Kraftsumme eine unveränderliche sei, so sehr auch die Posten dieser Summe in ihrer gegenseitigen Größe und Stellung sich ändern mögen. Hierbei ist die K. entweder «lebendige K.ey oder Energie der Bewegungo und wird durch das halbe Produkt aus der Masse in das Quadrat ihrer Geschwindigkeit gemessen, wie 3. B. bei der Energie eines fallenden Steins u. s. w., oder sie ist cvorrätige Arbeite (s. Effekt), Spannkraft oder Energie der Lager, wie z. B. bei einer gespannten Feder u. dgl. m. Die Summe der vorrätigen Arbeit, d. i. der möglichen oder potentiellen Energie, und der wirklichen Bewegungs- oder dynamischen Energie im Weltall ist konstant. Dieser Satz hängt mit der neuen Wärmelehre innig zusammen. (S. Wärme. Obschon nun dieser Satz von der Konstanz der Weltkraft sämtliche Gebiete der gegenwärtigen Naturforschung beherrscht und auch in die Philosophie Eingang gefunden hat, so ist doch seine Gültigkeit auf geistigem Gebiete noch nicht erwiesen, und es sind daher die geistigen Kräfte, wie die logie, Logik, Moral u. s. w. noch weiter zu ergründen. Die Kräfte als bewegende Ursachen behandelt die Dynamik (s. d.). Die Naturkräfte wirken riellen Punkten (Atomen, Molekülen) zu verkleinern oder zu vergrößern suchen, wobei ihre Größe im umgekehrten Verhältnis der Quadrate der Ent⸗ „fernungen jener materiellen Punkte steht. Suchen die Kräfte die Entfernung der Punkte zu vergrößern, so heißen sie abstoßende; im entgegengesetzten Falle heißen sie anziehende. Unter Richtung einer K. versteht man diejenige Gerade, in welcher dieselbe ihre Wirkung äußert oder eine Bewegung hervorzubringen strebt. Der Angriffspunkt einer K. 1heißt der Punkt, in welchem sie als unmittelbar »rmißt, sind unter C aufzusuchen. wirkend gedacht wird. Wenn zwei mechan. Kräfte auf einen Punkt wirken, so lassen sich beide völlig erseten durch eine einzige K., welche dasselbe leistet, wie die beiden ursprünglichen, und den Namen der resultierenden K. oder Resultierenden führt, während die beiden ursprünglichen Kräfte als Seitenkräfte oder Komponenten bezeichnet werden. Wenn die beiden gegebenen Kräfte einen Winkel miteinander bilden, findet man die resultierende K., indem man aus den beiden gegebenen Kräften als Seiten ein Parallelogramm konstruiert und die Diagonale von dem Angriffspunkte nach der Spitze des gegenüberliegenden Winkels zieht; die Diagonale ist dann die Resultierende. Durch das umgekehrte Verfahren läßt sich auch eine gegebene K. in zwei andere zerlegen. In dem besondern Falle, wo die gegebenen Kräfte in einer geraden Linie liegen, ist die Resultierende gleich ihrer Summe, wenn sie nach derselben Seite, dagegen gleich ihrer Differenz, wenn sie nach entgegengesetzten Seiten wirken. Sind mehr als zwei Kräfte gegeben, so lassen sich dieselben ganz nach demselben Gesetze in eine einzige Resultierende vereinigen, indem man zuerst für zwei der Kräfte die Resultierende sucht, dann für diese Resultierende und die dritte K. wieder eine Resultierende u. s. w., bis zuletzt alle Kräfte in einer einzigen Resultierenden vereinigt sind. Wenn die Größe einer solchen resultierenden K. gleich Null ist, so heben sich alle gegebenen Kräfte in ihren Wirkungen auf, und der Körper, welcher ihren Angriffen unterworfen war, bleibt in Ruhe, es findet Gleichgewicht statt; erhält aber die Resultierende eine gewisse Größe, so bewegt sich der Körper mit einer dieser angemessenen Geschwindigkeit in der Richtung dieser Resultierenden.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 562Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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