FeedKüstengeschütze
VerkehrBrockhaus 1882

Küstengeschütze bestehen in der Hauptsache aus langen Kanonen großen und größten Kalibers, 15, 21, 28 em und mehr, da diese flache Flugbahnen und Geschosse von großer Zerstörungskraft besitzen. Denn die Ziele der K. sind hauptsächlich Kriegsschiffe, namentlich gepanzerte, und bilden deren Bordwände die der Treffwirkung günstigsten, weil aufrecht stehenden Zielflächen, während dieselben durch die Panzer wieder eine sehr große Widerstandsfähigkeit besitzen. In Bezug auf letztere würde das minder geschützte Deck der Schiffe ein willkommeneres Ziel sein und hiernach Mörser ein sehr geeignetes Zerstörungsmittel abgeben; indes ist die Aussicht auf Treffwirkung gegen das horizontale Ziel eine sehr beschränkte, weshalb unter den K. nur ein geringer Prozentsatz schwerer Mörser vorkommt und da Anwendung findet, wo auf nicht zu großen Schußentfernungen die Schiffe durch Verhältnisse des Fahrwassers, künstliche Sperren u. s. w., in ihren Bewegungen gehemmt sind. Bezüglich der Geschützrohre s. Geschütz. Die Geschosse der K. sind gewöhnliche Granaten, sowie Panzergranaten, für 15 em-Kanonen auch Shrapnels. (S. unter Geschoß.) Die Lafettierung der K. richtet sich nach der Aufstellungsweise derselben. offenen Batterien erhalten die K. Rahmlafetten, .welche Küstenlafetten genannt werden; in Panzerbatterien und Drehtürmen erhalten sie Minimalschartenlafetten. Die Küstenlafetten sind zum Gebrauch auf festen Bettungen und für das Feuer mißt, sind unter C aufzusuchen. über hohe Brustwehren hinweg konstruiert. Die Anordnung der Küstenlafetten im übrigen bezweckt, ihren Geschützen eine große Elevations⸗, wie eine genügende Inklinationsfähigkeit zu geben, ferner eine möglichst große Feuergeschwindigkeit gegen bewegliche Ziele bei geringem Bedarf an Bedienungsmannschaften zu verleihen und dabei die gegebenen Deckungen möglichst auszunutzen. Sie haben Rücklaufsbremsen und selbstthätige Ausrennvorrichtung nach dem Schuß, Höhen-⸗ und Seitenrichtung ist schnell und leicht zu nehmen und kann bis unmittelbar vor dem Abfeuern des Geschützes den Bewegungen des Ziels entsprechend mit Leichtigkeit geändert werden. Maschinelle Einrichtungen und ein ebener horizontaler Geschützstand tragen zu einem geringen Bedarf an Bedienungsmannschaften bei. Eine anschauliche Abbildung eines Geschützes in Küstenlafette gibt Fig. 1 der Tafel: Geschütze II, den erläuternden Text s. Geschütz, Bd. VII, S. 894. Die Einrichtung einer Minimalschartenlafette zeigt Fig. 17 der Tafel: Geschütze I, Minimalschartengeschütz von Gruson C/80. Die Feuerhöhe ist eine geringe, das Geschütz hat seine seitliche Drehung um den Pivotbolzen unter der Mündung. Beim Elevieren bildet der vordere Teil des Rohrs, welcher in der Scharte steckt, den Drehpunkt desselben. Die Schildzapfen des Rohrs ruhen in zwei Lagern, welche in zwei an den eisernen Lafettenwänden angebrachten kreisförmigen Bahnen gleiten und vermöge einer Traverse durch einen hydraulischen Kolben gehoben werden. Die Veränderung der Elevation wird dadurch bewirkt, daß die aus Glyzerin bestehende Flüssigkeit entweder in den hydraulischen Cylinder hineingepumpt oder aus demselben abaelassen wird. Der Oberteil der Lafette gleitet beim Rücklauf auf der ansteigenden Bahn eines Rahmens und wird durch eine hydraulische Bremse gehemmt. Der hydraulische Druck in dem Hubeylinder kann entweder durch eine an der Lafette angebrachte Handpumpe oder durch eine Accumulatoreinrichtung hervorgebracht werden. Im letztern Falle geschieht das Heben des Rohrs zehnmal so schnell als bei der Handpumpe. Vgl. «Die Schiffs- und Küstengeschütze der deutschen Marine (Berl. 1876); Müller, Die Entwickelung der preuß. Küsten⸗ und Schiffsartillerie von 1860 bis 18785 (Berl. 1879, Küstenkrieg umfaßt den Kampf um befestigte Küstenpunkte, Küstenplätze und Kriegshäfen und zerfällt naturgemäß in die Verteidigung und in den Angriff derselben. „Die Elemente der Küstenverteidigung sind die eigene Kriegsflotte, die Küstenbefestigungen mit ihrer Geschützarmierung in Verbindung mit den Sperren und Seeminen und die Landtruppen. Die Thätigkeit der Kriegsflotte kann eine offensive, weit ausgreifende sein, indem Panzergeschwader den Gegner auf der hohen See aufsuchen und zum Kampf herausfordern und Torpedoboote bei Nacht und Nebel überraschende Unternehmungen gegen den ruhenden Feind ausführen, oder sie beschränkt sich auf eine mehr lokale Verteidigung mittels Panzerfahrzeuge und Kanonenboote im Anschluß an die Küstenbatterien und-Forts. Wenn der Angreifer nach Ausführung einer größern Landung zum förmlichen Landangriff auf Küstenplätze übergeht, so kann auch hier die Flotte in den Kampf eingreifen, die Blockade durchbrechen, die feindlichen Arbeiten ensilieren, im Notfalle auch durch Hergabe ihres Personals und Geschützmaterials die Landverteidigung ergänzen. Die Thätigkeit der Küstenarmierung richtet sich namentlich gegen die feindliche Flotte, dann auch, wenn es das Schußfeld gestattet, gegen die gelandeten Truppen des Angreifers. Letztern tritt die Landmacht des Verteidigers, aus allen drei Waffen bestehend, entgegen. Die Küste ist zu dem Ende in Bezirke geteilt, für welche Spezialreserven entweder hinter der Mitte des Bezirks oder in der Nähe des wichtigsten Punktes an der Küste selbst aufgestellt sind. Diese schieben Piketts in die Nähe besonders gefährdeter Punkte vor. Die direkte Bewachung und Beobachtung der Küsten geschieht entweder durch eine Kette von Feldwachen und Posten am Strande oder auf minder gefährdeten Strecken von Observatorien aus. Als Generalreserve für mehrere Küstenbezirke ist ein größeres Korps an einem Eisenbahnknotenpunkt in Bereitschaft. Für den Nachrichtenverkehr sorgen elektrische Telegraphen, optische und akustische Signale, für den Truppentransport längs der Küste und von rückwärts her nach derselben Eisenbahnen und Chausseen. Die Schiffahrtszeichen werden beseitigt. Die ortskundigen Küstenbewohner können als freiwillige Seewehr im Signal- und Kundschaftsdienst eine wichtige Unterstützung bilden. Der Angriff auf Küstenplätze kann entweder ein reiner Seeangriff (seitens der Flotte) sein, oder er kann im Zusammenhang mit einem Angriff seitens gelandeter Truppen stehen, beziehungsweise denselben vorbereiten. Der reine Seeangriff ist entweder Blockade oder Beschießung. Man blockiert namentlich Kriegshäfen, Flußmündungen, Seehandelsplätze, um die Verbindung mit der See abzuschneiden, Zufuhren abzusperren, feindliche Kriegsschiffe am Auslaufen zu verhindern, sowie den Handel zu schädigen. Beschießungen von der Seeseite aus werden gegen die Küstenwerke gerichtet, um die Geschütze derselben zum Schweigen zu bringen und dadurch Einfahrten in Buchten und Flußmündungen, Durchfahrten durch Meerengen zu erzwingen, oder man will durch Zerstörung der Werke, Hafenanlagen, Arsenale die feindliche Flotte ihrer Operationsbasis berauben und möglicherweise die Übergabe des Platzes herbeiführen. Solche Beschießungen richten sich unter Umständen auch gegen bewohnte Orte, namentlich wenn es gilt den Gegner einzuschüchtern, Repressalien zu Üben u. s. w. Der An-Kant seitens gelandeter Truppen oder seitens eines andheeres richtet sich gegen die Landfronten der Befestigung und zugleich gegen die Kehle der Küstenwerke und fällt mit dem gewöhnlichen Landangriff zusammen. (S. unter Festungskrieg.) Die Flotte übernimmt die Einschließung und Beschießung von der Seeseite her und vermag häufig die Landfronten zu enfilieren oder im Rücken zu fassen. Sie schneidet dem angegriffenen Platze die Verbindung nach der Seeseite ab, verhindert Zufuhren und Entsatz und sorgt zugleich für die Verbindung des gelandeten Heeres mit seinen Hilfsquellen, für die Versorgung desselben mit Subsistenz⸗ und Angriffsmitteln, unter Umständen hat sie auch dessen Wiedereinschiffung und Abzug zu decken. Durch die Einführung der mit Hohlgeschossen ausgerüsteten Bombenkanonen (s. d.) um 1825 war das hölzerne Kriegsschiff in ausgesprochenen Nachteil gegenüber den Küstenwerken getreten. Die bis dahin fast allein üblich gewesenen Vollkugeln hatten es nicht vermocht, den Schiffen empfindliche mißt, sind unter C aufzusuchen. Verletzungen beizubringen, ihre Verwendung in glühendem Zustande konnte immer nur in beschränktem Maße stattfinden, sie verloren dann zugleich an Schußweite und Treffwirkung und konnten auch leicht gelöscht werden. Mit der Einführung der Bombenkanonen war den Küstenbatterien ein höchst wirksames Zerstörungsmittel gegen die hölzernen Schiffe zuteil geworden; rechnet man hierzu die Unsicherheit des Feuers von der schwankenden Unterlage aus, welche die Schiffe bieten, die großen Ziele, welche die Küstenbatterien in jenen finden, während sie selbst nur wenig ins Auge fallen, so ist es begreiflich, daß die überzeugung von der Rich—⸗ tigkeit des Satzes Un canon par terre vaut un vaisseau par merv eine allgemein herrschende wurde. Besondere Bestätigung fand dieselbe, als 1849 in der Bucht von Eckernförde zwei große dän. Kriegsschiffe vor wenigen deutschen Küstengeschützen die Flagge streichen mußten, wie nicht minder durch die vergeblichen Seeangriffe der Alliierten im Orientkriege 1853—55 gegen die wohl armierten Küstenwerke der Russen in der Ostsee und im Schwarzen Meer. Erst die Panzerung der Kriegsschiffe, die Annahme der gezogenen Geschütze, namentlich der Hinterlader, die bedeutende Kalibersteigerung der Schiffsgeschütze, die ausgedehnte Anwendung der Dampfkraft haben seit 1860 das Verhältnis wesentlich zu Gunsten der Offensivkraft der Kriegsschiffe gegenüber den Küstenbefestigungen umgestaltet, wie dies insbesondere die Vorgänge im nordamerik. Bürgerkriege gezeigt haben. Es ist hierdurch ein wesentlicher Umschwung in der Küstenverteidigung herbeigeführt worden, der sich in der gleichfalls bedeutenden Steigerung der Geschützkaliber, der ausgedehnten Anwendung des Eisens als Schutzmittel, Vermeidung des reinen Mauerbaues und umfassenden Verwendung von Seeminensperren zeigt. (S. Küstenbefestigung.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 711Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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