FeedLachmann (Karl)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Lachmann (Karl), ausgezeichneter Kritiker und Philolog, geb. 4. März 1793 zu Braunschweig, erhielt daselbst seine Gymnasialbildung und widmete sich seit 1809 zu Leipzig unter Hermann, dann in Göttingen philol, sowie unter Benecke altdeutschen Studien. Nachdem er einige Zeit in Braunschweig privatisiert, habilitierte er sich 1815 in Göttingen, wo er seine Ausgabe des Properz vollendete (Lpz. 1816; 2. Aufl. 1829). Doch verließ er diese Stellung und wohnte als freiwilliger Jäger in preuß. Diensten dem Feldzuge von 1815 bei. Zu Ostern 1816 wurde er Kollaborator an dem Werderschen Gymnasium in Berlin und habilitierte sich an der dortigen Universität mit der Abhandlung über die ursprüngliche Gestalt des Gedichts von der Nibelungen Noto (Berl. 1816). Ein Jahr später erfolgte seine ECrnennung zum Oberlehrer am Collegium Fridericianum zu Königsberg, 1818 zum außerord. Professor an der dortigen Universität. Im Sommer 1824 wandte sich L. wieder nach Berlin, wo er Ostern 1825 eine außerordentliche, 1827 eine ordentliche Professur erhielt und 1830 in die Akademie der Wissenschaften aufgenommen wurde. Er starb zu Berlin 13. März 1851. L. hat sich ebenso wohl um die klassische wie um die altdeutsche Philologie die größten Verdienste erworben. Insbesondere ist es die strenge methodische Kritik, durch die sich seine Leistungen auf beiden Gebieten auszeichnen. Musterhaft sind in dieser Beziehung namentlich seine Untersuchungen über das Nibelungenlied (Zu den Nibelungen und zur Klagev, Berl. 1836) und über Homer (Betrachtungen über die Iliasv, mit Zusätzen von Haupt, Berl. 1847; 3. Aufl. 1874). Doch fanden beide Schriften keineswegs unbedingten Beifall, und besonders die Nibelungenlieder-Theorie L.s ist durch neuere Untersuchungen von Holtzmann, Uhland, Bartsch u. a. stark erschüttert worden. In seiner Ausgabe des Neuen Testaments (Berl. 1831; 3. Aufl. 1846) und der großen Ausgabe des Neuen Testaments mit der Vulgata (2 Bde., Berl. 1846 u. 1850) erstrebte L. die Herstellung des Textes, wie er namentlich in der orient. Kirche im 3. und 4. Jahrh. überliefert worden. Der klassischen Philologie gehören an: die metrischen Untersuchungen (De choricis systematis tragicorum Graecorum libri quatuoro (Berl. 1819) und De mensura tragoediarump (Berl. 1822) und mehrere Ausgaben röm. und griech. Schriftsteller. Auf dem Gebiete des Altdeutschen veröffentlichte er: Auswahl aus den hochdeutschen Dichtern des 13. Jahrh. » (Berl. 1820), Specimina linguae Francicaer (Berl. 1825), die Ausgaben des Nibelungenliedes und der Klager (Berl. 1826, 10. Aufl. 1881), Walthers von der Vogelweide (Berl. 1827: 5. Aufl. von Müllenhoff, 1875), die mit G. F. Benecke besorgte Ausgabe von Hartmanns Iweinv (Berl. 1827; 4. Aufl. 1877), die Ausgaben von Wolfram von Eschenbach (Berl. 1833; 4. Aufl. 1879), von Hartmanns Gregorv (Berl. 1838), von Ulrich von Lichtenstein (Berl. 1841), sowie die Abhandlungen «über die Leiche der deutschen Dichter des 12. und 13. und Be (1829), «über althochdeutsche Betonung und Verskunsto (1831), «über das Hildebrandsliedo (1833), Über Singen und Sageno (1833) und «über den Eingang des Parcivalo (1835). Außerdem sind seine übersetzungen von Shakspeares Sonetteno (Berl. 1830). und Macbetho (Berl. 1829) und seine treffliche kritische Ausgabe von Lessings „Sämtlichen Schrifteno (13 Bde., Berl. 1838 —40) zu erwähnen. L.3 „Kleinere Schrifteno gaben Müllenhoff und Vahlen (2 Bde., Berl. 1876) heraus. Vgl. Hertz, «Karl L., eine Biographiey (Berl. 1851); J. Grimm, «Rede auf L.v (in Grimms Kleinern Schriftenv, Bd. 1, Berl. 1864).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 729Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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