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MusikBrockhaus 1882

Lasso (Orlando) oder Orlandus Lassus, neben oder nächst Palestrina der größte Tonsetzer des 16. Jahrh., geb. zu Mons im Hennegau 1520, hieß ursprünglich Roland Delattre. Als Chorknabe an der Kirche St.⸗Nicolas in seiner Vaterstadt machte er durch seine schöne Stimme Aufsehen, wurde in seinem 12. Jahre von Ferdinand Gonzaga (Vizelönig von Sicilien und kaiserl. General in den Niederlanden) mit nach Italien genommen und zuerst in Mailand, dann in Sicilien musikalisch ausgebildet. Mit 18 Jahren kam er nach Neapel und 1541 nach Rom, wo er Kapellmeister an der Kirche San-Giovanni in Laterano wurde. Er verwaltete dieses Amt bis 1549, machte dann mit Giulio Cesare Brancaccio Reisen nach Frankreich und England und lebte 1554—56 in Antwerpen. Von hier aus wurde er an den Hof nach München berufen, wo seine Glanzzeit begann. Er war zuerst Dirigent der herzogl. Hofmusik, dann seit 1568 erster Kapellmeister und starb zu München 14. Juni 1594. L. erhielt von seinen Zeitgenossen, gleich Palestrina, den Beinamen Fürst der Tonkunsto. Beide waren gleich berühmt und geehrt; Palestrina ist einfacher und im kirchlichen Sinne erhabener, L. mannigfaltiger. Kaiser Maximilian II. erhob ihn 1570 in den Reichsadelstand und der Papst ernannte ihn 1571 zum Ritter vom Goldenen Sporn. Nach ungefährer Schätzung hat er 1572 kirchliche Stücke und 765 profane (lat., deutsche, franz. Gesänge, ital. Madrigale u. s. w.) komponiert. Das meiste davon ist schon bei seinen Lebzeiten nach dem damaligen Gebrauch in einzelnen Stimmbüchern im Druck erschienen und seine bedeutendsten Kirchenstücke sind bald nach seinem Tode als Magnum opus musicum in einer großen Gesamtausgabe in München 1604 von seinen Söhnen mit Unterstützung des Hofs herausgegeben. Handschriftlich besitzt das meiste von ihm die königl. Bibliothek in München in Bänden von großer Pracht und kalligraphischer Schönheit. In neuerer Zeit druckten Commer und Proske in ihren großen Sammlungen eine Reihe seiner kirchlichen Kompositionen in Partitur. Zwei von L.s Söhnen, Ferdinand und Rudolf, waren ebenfalls Tonkünstler von Ruf und in der münchener Kapelle angestellt. Ferdinand starb 1609 und Rudolf 1625. Auch ein Enkel Orlandos, Ferdinand, gest. 1636, machte sich als Kirchenkomponist bekannt.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 10, S. 830Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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