Legende (lat. legenda) hießen in der Kirche des Mittelalters Zusammenstellungen von Erzählungen aus der Lebens- und Leidensgeschichte der Heiligen, welche an deren Gedächtnistagen im Gottesdienst verlesen wurden. Später wurde dann die einzelne Erzählung dieser Art L. genannt. Unter den mittelalterlichen Legendensammlungen genoß die von dem genues. Erzbischof Jacobus de Voragine in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. veranstaltete, die den Namen WLegenda aurea (auch Historia Lombardicas, neue Ausg. von Gräße, Lpz. 1845) führt, vorzügliches Ansehen. Das umfassendste und wertvollste Werk über die Geschichte der Heiligen aber haben im 17. und 18. Jahrh. die sog. Bollandisten (s. d.) in ihren Acta sanctorumv (s. d.) geliefert. Aus der geistlichen Litteratur fand die L. frühzeitig auch in die nationale Poesie der christl. Völker Eingang. Bei den Deutschen war dies seit dem Anfange des 12. Jahrh. der Fall. In dieses gehören die Kaiserchronik, in welcher die L. einen sehr bedeutenden Bestandteil ausmacht, Werners 1172 gedichtetes Marienlebeno (herausg. von Feifalik, Wien 1860) u. a. m. Die Verfasser dieser Gedichte waren Geistliche. Aber wie schon aus derselben Zeit die L. vom heil. Oswald und eine unvollständig erhaltene Erzählung von Pilatus von Laien herrühren, so bot, als in der nächstfolgenden Blütezeit der mittelhochdeutschen Poesie die Pflege der Dichtkunst vornehmlich auf Männer des weltlichen Standes überging, auch diesen die L. den Inhalt für größere epische Dichtungen. So bearbeitete Hartmann von Aue die L. von „Gregoriusv, Konrad von Fußesbrunnen die von der Kindheit Jesuv, Rudolf von Ems die von Barlaam und Josaphato und «Eustachiuso, Reinbot von Turne die vom „Heiligen Georgv. Aus den spätern Jahren des 13. Jahrh. verdienen namentlich Konrads von Würzburg «Alexiuso und „Silvestero, des Bruder Hug von Langenstein Marter der heil. Martinav und von einem unbekannten Verfasser ein «Passionales in drei Teilen (herausg. von Hahn, 1845; von Köpke, Quedlinb. 1852) Erwähnung. Neben einer großen Anzahl gereimter längerer und kürzerer L., die, größtenteils ohne poetischen Wert, vom 14. bis 16. Jahrh. entstanden, kamen auch prosaische Bearbeitungen, wie in Hermanns von Fritzlar um 1343 abgefaßtem Buche Von der Heiligen Lebeno, auf und verdrängten jene allmählich. Im 16. Jahrh. endlich verschwand die L. aus der deutschen Poesie oder ging in die sittlich-lehrhafte, auch in die komische Erzählung über, in welcher Weise sie namentlich von Hans Sachs mit naiver Gemütlichkeit behandelt worden ist. Auf den reichen Schatz von Poesie sowohl als auf den religiösen und sittlichen Gehalt, der in der Legendenlitteratur verborgen lag, machte zuerst Herder wieder aufmerksam und führte durch eigene glückliche Versuche und durch Belehrung über den poetischen Charakter der L. dieselbe wieder in die neuere poetische Litteratur ein. An Herder schloß sich L. Th. Kosegarten in seinen Legendeno nicht ohne Erfolg an; mehr im Sinne des Katholizismus wurde die L. von den Romantikern behandelt. Meisterhaft in Hans Sachs' Ton ist Goethes L. von Sanct-Peter und dem Hufeisen, während durch die Art, wie Langbein und andere L. als scherzhafte Erzählungen bearbeiteten, meist der ursprüngliche Charakter dieser Dichtform zerstört wurde. Von neuern Legendendichtern sind noch Rückert, Schwab, Kerner und Simrock zu nennen.