Leidenschaft bedeutet in der Sprache des gewöhnlichen Lebens jede heftigere Störung des normalen Verlaufs der Gedanken und Bestrebungen, und namentlich das Adjektivum aleidenschaftlichwird stets für Zustände des Affekts oder für Disposition zu leichten Ausbrüchen des Affekts gebraucht. Es ist das ein Rest des Irrtums der ältern Psychologie, welche unter dem Namen der Passionen oder der Gemütsstörungen (perturbationes animi) Affekte und L. unkritisch durcheinanderwarf und gemeinsam behandelte, wovon die Lehre Spinozas (s. d.) als Typus angesehen werden kann. Im genauern Sprachgebrauche der neuern Psychologie versteht man unter Affekten die durch Gefühle hervorgerufenen plötzlichen Störungen des Vorstellungsverlaufs, unter L. dagegen die entweder durch ursprüngliche Lebhaftigkeit oder durch Gewohnheit hervorgerufene Macht gewisser Triebe oder Begehrungen, vermöge deren dieselben sowohl in der Gestaltung des Vorstellungslebens als auch in der Bewegung des Willens eine dominierende Stellung einnehmen. Die werdende L. zeigt sich als Vorliebe, Neigung, Hang, Sucht; die fertige L. kann als dämonische Macht den Menschen völlig beherrschen und ihn gegen alle übrigen Vorstellungen und Triebe unempfindlich machen. So sehr nämlich die L., wie jedes lebhafte Begehren überhaupt, die intellektuelle Fähigkeit zur Auffindung der Mittel für die Erfüllung ihres Strebens und selbst die 10Ne Kräfte zur Ausführung desselben steigert, so sehr verdunkelt auf der andern Seite ihre das Bewußtsein allein für sich in Anspruch nehmende Lebhaftigkeit die sonstige Überlegung; die L. macht blind, unüberlegt und unvernünftig. Da jedoch somit die L. eine formale psychol. Bestimmung ist, so hängt der sittliche Wert der einzelnen L. von demjenigen des die L. begründenden Triebes oder Begehrens ab; es gibt eine edle L. für das Sittliche, Schöne und Wahre, und ohne eine solche ist noch niemals etwas Großes geschehen; aber es gibt ebenso eine niedrige L., wo der dominierende Trieb diese Schätzung verdient. Doch nennt man jene edle L. lieber Enthusiasmus 139. Wort L.. u. s. w. und braucht infolge dessen das Wort L. meistens von denjenigen L., in welchen ein zum Herrschen sittlich nicht berechtigter Trieb sich der dominierenden Stellung bemächtigt hat, und in diesem Sinne ist die L. immer etwas Krankhaftes, Innormales, welches von der sittlichen Charakterbildung und der überlegenden Vernunft bekämpft werden muß. Affekt und Gefühl.)