Apfel, die Frucht des „Wirthes Wundermild“ (vgl. Uhland's Gedichte), der sicher zu den bejahrtesten Hoteliers in Europa und insbesondere in Deutschland gehört, da schon die Asen in Walhalla Aepfel speisten. Den Griechen galt der Baum gleich der Rebe für ein Geschenk des Dionysos, und Theophrast führt schon 4, Plinius gar schon 21 verschiedene Spielarten an. In Deutschland waren zur Zeit Karls des Großen 4 oder 5, um 1650 an 200, im Jahre 1855 aber 1263 Sorten bekannt. Es hat auch nicht nur jedes Land, sondern fast jede Landschaft ihren Lieblingsapfel, Zürich seinen Breitaar, Basel seinen Hans Uli, Schwaben sein Kreidebüchsle, das Elsaß sein Pomeränzle, Frankreich seinen Calville, Lothringen seinen Moulin, Württemberg seinen Luiken, Franken seinen Konstanzer, Thüringen und Meißen seinen Bors dorfer, Böhmen seinen Marschansker, den Taffet-Apfel, Oesterreich seinen Rosmarin und Tiroler aus der Gegend von Meran u. s. w. Richtig behandelt, sind alle Aepfel genießbar. Die Obstverständigen haben höchst verzwickte Systeme der Apfelkunde aufgestellt, für den Gastronomen jedoch genügt die einfache Eintheilung in Compot-, Tafel- und Wirthschaftsäpfel, um sich in dem Sortenlabyrinth zurechtzufinden. Zur Klasse der Compotäpfel gehören vorzugsweise die rein süßen und mehligen Sorten, wie der rothe Taubenapfel, der rheinische Bohnapfel, der Gerstenapfel, der kernlose Paternoster, der braune Süßapfel, die Winterparmäne re. Von den Tafeläpfeln wird mehr und überhaupt das meiste und höchste verlangt: Saftfülle, würziger Duft und fein weinsäuerlicher Geschmack, überdies aber möglichste Schönheit an Gestalt und Farbe, denn sie sollen nicht blos den Gaumen laben, sondern auch das Auge erfreuen. Einen Apfel, der gedachten Anforderungen entspricht, mit stählernem Messer zu berühren, ist die That eines Unmenschen, ihn als Compot- oder Wirthschaftsapfel zu verwenden, geradezu wider Gottes Gebot, denn es steht geschrieben, man soll die Perlen nicht vor die Säue wersen. Unter diesen Granden des ganzen Geschlechts ragen an Schönheit und Tugend namentlich folgende Sorten hervor: der Edelborsdorfer (der aber nicht nach Borsdorf bei Leipzig oder Porsdorf bei Dresden, sondern nach dem ehemaligen Klostergut Porstendorf bei Jena heißt), der Gravensteiner, der Danziger Kantapfel, die Casseler, die Canada- und die Carmeliter-Reinette, der Meißner Citronenapfel, der Malvasierapfel, der Wiener Sommerapfel, der Astrachan, der Erzherzog Johann, der doppelte Agatapfel u. a. m. Die Herren Engländer bevorzugen übrigens die kleineren Sorten als Dessertäpfel, weil es ihnen unschicklich scheint, einen Apfel an der Tafel in Stücke zu zerlegen — chacun à son goüt! Die Klasse der Wirthschaftsäpfel endlich umfaßt die herben, sauren, harten, überhaupt unschmackhaften und roh ungenießbaren Sorten und liefert das Material zur Herstellung von Apfelwein, Agrest, Essig und Branntwein. Der Apfelbaum ist von Europa aus über die anderen Erdtheile verbreitet worden und in manchen überseeischen Ländern, z. B. Chile, bereits verwildert, bringt aber dort, das nördliche China ausgenommen, nur höchst mittelmäßige Früchte, denen namentlich das eigenthümliche Aroma unserer guten heimischen Sorten abgeht; man bevorzugt deshalb dort die aus Europa eingeführten Tafeläpfel. Der Apfel bildet aber auch in Europa selber einen bedeutenden Handelsartikel und der Apfelbau in England, Frankreich, der Schweiz, Oberitalien, Oesterreich, dem südlichen Rußland, Deutschland und Dänemark einen wichtigen Zweig der Landwirthschaft. Oesterreich allein importirte im Jahre 1890 an frischen Aepfeln und Birnen für 776 190 Mark und exportirte gleichzeitig für 6 403 138 Mark, u. a. auch nach der Türkei und nach Aegypten, das namentlich aus der Gegend von Görz mit frischen Aepfeln versehen wird. Wien versorgt sich hauptsächlich mit heimischer Waare, namentlich aus Tyrol und Böhmen, verzehrt aber auch jährlich mehrere Tausend Metercentner süddeutsches Obst und mehrere Hundert Metercentner „Maschansker“, d. h. Borsdorfer aus dem Königreiche Sachsen; der Gesammtverbrauch der Stadt an frischen Aepfeln und Birnen betrug im Jahre 1891 rund 20 Millionen Kilogramm. Berlin wird aus seiner Obsteolonie Werder, aus Süddeutschland und aus Dänemark, Paris aus dem eigenen Lande, aus Belgien, aus der Schweiz, aus Algier und vom Rhein, London aus dem eigenen Lande, aus der Normandie, der Provence, vom Rhein und aus Dänemark mit Aepfeln verproviantirt. Petersburg bezieht seine gesuchtesten Tafeläpfel aus der Krim zu beinahe fabelhaften Preisen: ein einziger Borsdorfer kostet an der Newa 1—1:50 Mark. Gedörrte Aepfel und Apfelkraut (Apfelgelée, nur zur Hälfte aus Aepfeln, zur anderen Hälfte aus Birnen bereitet) kommen namentlich vom Rhein und aus Süddeutschland (Ter Mer & Weymar zu Klein-Heubach bei Miltenberg) in den Handel. Noch sei bemerkt, daß ein feiner, saftiger Tafelapfel nach dem Souper eine gediegene Nachtruhe sichert (Wirkung der Obstsäure!), und daß der Apfel im Allgemeinen leicht verdaulich ist, daß aber die von manchen Feinschmeckern mit träger Verdauung beliebte Apfeleur (15—30 rohe Aepfel pro Tag) eine Pferdecur darstellt, die den Magen unausbleiblich ruiniren muß. Vgl. Cider und Birne.