Birne, die Schwester des Apfels und ihrem Geschlecht entsprechend feiner, zarter und schmelzender, aber auch gegen jede Unbill empfindlicher als der Herr Bruder, stammt keineswegs (wie die Pomologen vorgeben) aus China, sondern ist im gemäßigten Europa, namentlich in Gallien daheim. Die Griechen kannten nur 2 oder 3, die Römer zu Christi Zeit 35, im 4. Jahrhundert nach Christus 46, die Franzosen um 1600 genau 62, um 1700 aber schon an 400 Sorten. Um 1775 zählte man 750 und gegenwärtig werden an 1500 Sorten unterschieden, wobei jedoch in der Nomenclatur die nämliche babylonische Verwirrung herrscht wie bei den Aepfeln. In Deutschland ist die Birnbaumzucht sicher uralt, und die Schafsnase, der Katzenkopf (aus dem weiland Henneberger Amte Sand), die Gernröder oder Claretenbirne, die Margarethenbirne, die Sieben auf ein Maulvoll (eine Muscatellersorte), der Gänsekopf, die Honigbirne u. a. m. sind entschieden deutschen Ursprungs. Dazu hat Italien die Ambretten und die Bergamotten (von der Stadt Bergamo in der Lombardei, sicher nicht von Bergamah in Kleinasien oder gar vom türkischen beg-armu, d. h. Fürstenbirne), England die Schwanenbirne und die Britische Königin, Helvetien die Eierbirne, Holland die Melonenbirne, die Ananasbirne und den Admiral gestellt. Die meisten und besten Sorten jedoch stammen aus Frankreich oder sind wenigstens durch die französische Schule gegangen, bevor sie ihre heutige Vollkommenheit erreichten. Dahin gehört z. B. die treffliche CEhristbirne (le bon chrétien, zu deutsch auch Apothekerbirne), die um 1490 durch Karl VIII. aus Italien nach der Touraine kam und von dort aus Europa erobert hat. Die Pomologen unterscheiden 15, die Gastronomen dagegen nur Klassen von Birnen: Kochbirnen und Tafelbirnen. Als Tafelbirnen dienen ausschließlich die Sorten mit süßem, schmelzendem Fleisch, großer Saftfülle und angenehmem Geruch; auf Schönheit der Form und der Farbe wird bei ihnen weit weniger gesehen als bei den Aepfeln. Hierher gehören vornehmlich: die Butterbirnen, und zwar in erster Linie die Diels-, die Blumenbachs-, die Clairgeaus-, die Liegels- und die Napoleons-Butterbirne, die sämmtlich zu den spätreifenden und am längsten haltbaren Winterbirnen gehören; die rothe Bergamotte; die Winter-Dechantsbirne; die äußerst zartfleischige, süße, würzhafte Luise von Avranches; die feinschalige, bergamottartig schmeckende Herrenbirne; die saftstrotzende, weinsäuerlich süße Venusbrust (teton de Vénus); die zimmtduftende Comperette; die hochgelbe Colmarbirne, die aber nicht nach der Stadt Colmar im Elsaß, sondern nach dem Flecken Colmars in der Provence heißt; die ungemein süße Rothbacke oder Sparbirne; die Schmalzbirne, die graue Honigbirne, die kleine Margarethenbirne, die spanische Christbirne, die große Wasserbirne u. s. w. — Die Kochbirnen sind schon wegen ihres faden, rübenartigen Geschmackes und wegen ihrer Härte roh einfach ungenießbar, zudem aber auch in diesem Zustande schwer verdaulich: Si coquis, antidotum pyra sunt, sed cruda venenum — Gekocht ist die Birne Arznei, doch roh ein gefährliches Gift Dir. Zu den gangbarsten Sorten dieser Klasse gehören: der trockene Märten (le Martin sec), der wie die Margarethenbirne nach dem Zeitpunkt seiner Reife (Martini) heißt; die Pfundbirne; die Jacobsbirne, die mit Senf eingemacht im Hannöverischen sehr beliebt ist; der große Katzenkopf, der Kuhfuß, der Langstiel, die Wadelbirne, die Liebesbirne, die Schneiderbirne, die Wolfsbirne, die Ganskräger, die Frankfurter Zuckerbirne re. Bei der größern Empfindlichkeit des Birnbaums gegen die klimatischen Einflüsse haben selbst die anerkannt guten Sorten ein weit kleineres Verbreitungsgebiet als die guten Apfelsorten. Um so reichhaltiger aber ist die Liste der Local-Lieblingsbirnen, von denen hier nur erwähnt sein mögen: für Zürich die „große Mailänderin“, für den Thurgau die „Thurgibirn“ (Schweizer Wasserbirne), für Bern die „Schweizerhose“, für Basel der „Isembart“ (Beurré gris), für Lothringen der „Misergent“ (Messire Jean), für Württemberg die „Grabenbirne“, für Schwaben das „Gaishirtl“, für Unterfranken die „Rohrlesbirn“, für Hannover die „Jacobsbirne“, für Meißen und Leipzig die „Rettig⸗“ und die „Lorenzbirne“ u. a. m. Die Birnen werden zur Zeit ihrer Reife hauptsächlich roh zum Nachtisch gegessen; im Mittelalter speiste man sie auch, wie heute die Ananas, zum Wein und behauptete rundweg: Sine vino sunt pyra virus — ohne Wein sind die Birnen Gift. Bei der schnellen Vergänglichkeit der schönen Frucht aber verfehlen die meisten Tafelbirnen ihren Zweck und kommen entweder gleich der profanen Menge der Kochbirnen als Compot auf den Tisch, oder sie wandern in die Obstdarren, um später als Hutzeln zu uns zurückzukehren, oder sie werden in den Conserve-Fabriken zu Gelée verarbeitet Ter Mer & Weymar zu Klein-Heubach bei Miltenberg kochten 1876 nicht weniger als 4525 9 Birnen ein), oder sie tauchen in die Einmachkrüge unter, um nachmals als Sulzbirnen eine willkommene Auferstehung zu feiern, oder sie werden endlich zu Birnenkraut zerquetscht, wobei nicht zu vergessen, daß auch der größere Theil des Apfelkrautes aus Birnen besteht. Der Handel mit Tafelbirnen hat bei der Schwierigkeit der Aufbewahrung fast nur für Frankreich, das Stammland der vorzüglichsten Sorten, eine größere Bedeutung: Marseille versendet noch im Februar und März köstliche Beurrés bis nach Petersburg. Freilich kostet aber auch ein solches Prachtstück nicht selten bis zu 20 Mark, die ein Feinschmecker, der nicht zugleich Millionär ist, unter allen Umständen besser anlegen kann. Erwähnt sei noch, daß die Tiroler Birnen sich schon um 1700 des besten Rufes erfreuten und als „Brixer weiße, rothe und graue“ im Reiche sehr gesucht waren.