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GeschichteAppetit-Lexikon 1894

Champagner, einst der Wein der Könige, jetzt der Wein beider Welten, der jedem Alter, jedem Geschlecht, jeder Zunge und jedem Magen zusagt, dessen prickelnde Süße die zarte Weiblichkeit und dessen sprudelndes Ungestüm die Männerwelt mit der Allgewalt der Liebe anzieht, dem daher allenthalben die Herzen zufliegen, und dem allenthalben mit der gleichen Begeisterung gehuldigt wird wie in seinem Vaterlande. Denn mögen andere Weine den Sohn der Champagne in mancher Hinsicht übertreffen, in der Schnelligkeit und in der Art der Wirkung kommt ihm keiner gleich. Wie der Sonnenball sich morgens fast im Schwunge über den Horizont erhebt und das Gefilde plötzlich mit goldigem Glanze übergießt, so schießt der Champagner im Nu durch die erschlafften Nerven, entflammt im Handumdrehen das träge Gehirn zu lebendigster Thätigkeit und zeigt Menschen und Dinge in rosigem Licht. Schon der Knall der Pfropfen wirkt erweckend wie ein erster Frühlingssonnenstrahl, die Gedanken erhalten Flügel, und mit dem ersten Glase beginnt die Rede lauter, aber auch frischer, launiger, pointenreicher zu werden. Vinum acuit ingenium, Wein gibt Witz, keiner aber mehr als der Champagner, und selbst von Grund aus schwerfällige Naturen unterliegen diesem Zauber. Champagner ist Wunderwein in des Wortes verwegenster Bedeutung. Diese Vorzüge erklären die Schnelle, mit der der „Teufelswein“ der Mönche von Haut— Villers (bei Epernay) alle andern Weine in der Gunst des Publicums überflügelt hat. Denn die Popularität des Champagners datirt erst vom Jahre 1814 ab. Seine Erfindung freilich reicht höchst wahrscheinlich in's 14. Jahrhundert, in die Heroenzeit der Alchemie zurück, da schon Karl VI. von Frankreich und König Wenzel von Böhmen bei einer Zusammenkunft zu Rheims im Mai 1397 sich an schäumendem Wein erbauten. Wilhelm Hamm hat allerdings diese Nachricht angezweifelt, weil die Flaschenverkorkung bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts unbekannt gewesen sei — in diesem Falle aber irrt der große Oenologe. Die Alchemisten des Mittelalters kannten die Verkorkung sehr gut, und die Mönche von Haut-Villers waren Benedictiner, d. h. grundgelehrte Häuser, die sich sicher auch mit alchemistischen Versuchen befaßten. Auf diesem Wege mögen sie zur Champagnerbereitung gelangt sein, bewahrten aber gleich ihren Brüdern von Fécamp das köstliche Geheimniß, und der Aberglaube der albernen Menge, die in dem „Pfropfentreiber“ ein Produet der Hölle witterte, sicherte ihnen den Nießbrauch ihrer Erfindung weit zuverlässiger, als irgend ein Patent oder Privilegium. Erst unter Ludwig XIV., zur Zeit des kunstverständigen Kellermeisters Dom Pérignon (1670—1715), gelangte der „Knallwein“ (vin pétillant) von Haut-Villers zur Kenntniß weiterer Kreise. Um 1700 war er bereits in Paris zu haben, fand aber wenig Anklang — nach Hamm, weil sich die Leute noch immer vor ihm gefürchtet hätten, in Wahrheit weil er nicht bei Hofe vorgestellt und weil die rechte „Dosirung“ (Versetzung mit Liqueur) bei der Fabrication noch nicht erfunden war. Selbst um 1750 bildete er noch keinen integrirenden Bestandtheil eines Pariser Banquets, denn Casanova gedenkt seiner unter diesem Jahre nicht. Allmählich aber hob sich der Verbrauch, und im Jahre 1780 konnte die alte Firma Most in Epernay sich bereits zu der außergewöhnlichen Production von 6000 Flaschen versteigen. Von da ab, namentlich aber seit Anfang des 19. Jahrhunderts in Folge der napoleonischen Kriege, nahm der Consum einen immer raschern und größern Aufschwung. Den bedeutsamen Wendepunkt in der Geschichte des Champagners jedoch bildet das Jahr 1814, als Deutsche, Oesterreicher, Engländer, Russen und Schweden bei der ersten Invasion die Bekanntschaft des Wunderweines machten. Es kamen damals unter seinem Einflusse seltsame Dinge vor. Beim Sturm auf Chälons z. B. (4. Februar 1814) gerieth General York in nicht geringe Verlegenheit, als die Gewehrsalven eines Bataillons ostpreußischer Füsiliere, das die Vorstadt Saint Memnie behaupten sollte, mit der Zeit immer dünner und seltener wurden. Der Oberst v. Valentini erhielt daher Befehl, die Leute persönlich anzutreiben, fand aber die Sache bei seiner Ankunft in der Vorstadt einfach unmöglich. Die braven Preußen waren über ein Champagner-Depot gerathen und hatten sich so kanonenvoll getrunken, daß keine Gewalt der Erde sie wieder auf die Beine bringen konnte. Die Stadt Chälons bezifferte ihren damaligen Verlust auf 47 000 Flaschen, und in Epernay büßte das Haus Moöt allein auf ähnliche Weise 600 000 Flaschen ein — bei alledem aber überwog am Ende der Vortheil den Schaden. Die Ausländer hatten Geschmack am Champagner gefunden, die Bestellungen häuften sich, und schon nach sechs Jahren war nicht blos der Verlust der Champagne verwunden, sondern auch aus dem Tausender- ein Millionenhandel geworden. Die jährliche Produetion ist sehr ungleich und daher schwer zu schätzen; um 1865 soll sie 30 Millionen Flaschen betragen haben. Das Lager belief sich 1885 auf 57 Millionen Flaschen und dürfte jetzt etwa 80 Millionen Flaschen betragen im Werthe von rund 350 Millionen Franes — oder mehr! Zur Ausfuhr gelangten 1885 21½ Millionen Flaschen, wovon auf Amerika 10, auf England 5, auf Rußland 2, auf Deutschland und Oesterreich 1½, auf Holland und auf Belgien je ½ Million entfielen. Im Jahre 1890 führte Deutschland 5510, Oesterreich 5948 g9 Champagner in Flaschen ein. Der Champagnerhandel rechnet durchgängig nach „Körben“, die aber ebenso oft Kisten und in den einzelnen Ländern von verschiedener Größe sind. Im Pariser Kleinhandel enthält Korb 6, im Großhandel 25 Flaschen. In Deutschland, Oesterreich, Rußland und Scandinavien 25 oder 50 Flaschen. Die Fabrication des Champagners vertheilt sich zur Zeit auf etwa 100 Fabriken in den Präfecturen Rheims, Epernay, Saint-Ménéhould, Chälons und Vitry des Marne-Departements. Die bedeutendsten Firmen darunter sind (zum Theile mit Angabe der Production des Jahres 1884 in Millionen Flaschen) in Rheims: H. G. Mumm & Co. (3), Perriet Jonet (2), Charles Heidsieck (1½), Pommery & Greno (2), Louis Roederer (1), Heidsieck & Co., P. A Mumm & Co., Jules Mumm, N. H. Schreider, Ruinart pêre & fils, Ch. Farr, Krug & Co., Fissé, Thirion & Co., L. Jaunay & Co., Wachter & Co. und — last not least — Werlé & Co. (06), Clicquot Ponsardin's seliger Witwe Nachfolger, der Schwiegersohn und Erbe der bräysten aller Frauen (gest. 1866), die in ihrem Leben Millionen Körbe ausgetheilt und doch Millionen Männer beseligt hat, deren Name daher in den Annalen der Culturgeschichte eine Stelle verdient, und derer auch die kommenden Geschlechter noch in Heiterkeit gedenken werden. An diese Firmen schließen sich als ebenbürtig in Epernay: Moöt & Chandon (4½), Chanoine Fréêres, Bazille, Gaignière & Co., De Venoge & Co. und J. Roitel; ferner in Ay: Ayala & Co., Deutz & Geldermann, Renaudin, Bollinger & Co. und Dresel & Aubert; sodann in Chälons-sur-Marne: J. Perrier Fils & Co., Chanoine & Dagonet und die Société vinicole (früher Jacquesson et fils); dazu in Mareuil: Duc de Montebello, A. Sergent & Co., Boll & Co., B. & S. Irroy, Foucher, Olivier & Co. und Bruch, Foucher & Co.; endlich in Avize: Giesler & Co., Koch Fils und F. Bumiller; in Pierry: Dutemple & Schultheis u. a. m. Die Weine heißen in der Regel nach der Firma mit kurzer Bezeichnung der Qualität (vin sec, erémant rosé etc.). Bisweilen führen sie auch einen Phantasienamen, wie z. B. der Jockey-Club von Deutz & Geldermann oder Heidsiecks Monopole. Aber was ist Champagner? Kurz gesagt: natürlicher Schaumwein, dem die Kohlensäure nicht von außen her gewaltsam eingequetscht, sondern der auf künstlichem Wege nur genöthigt wird, das bei der Gährung entwickelte Gas bis zum Augenblicke des Verbrauchs bei sich zu behalten. Die Kohlensäure aber ist die Seele des Champagners: ihr verdankt er nicht nur sein Mousseux und seine anregende Wirkung, sondern auch den besten Theil seines Aromas und einen guten Theil seines Geschmacks, der im Wesentlichen allerdings durch den Zusatz von sogenanntem „Liqueur“ (einer Lösung reinen Candiszuckers in Champagner mit Cognac, Burgunder, Kirschsaft u. s. w.) bestimmt wird. Der größere oder geringere Gehalt an Kohlensäure begründet auch den Unterschied zwischen den drei Arten des Champagners, von denen die erste, der Crémant (Rahmwein), den geringsten Gasgehalt hat und nicht eigentlich sprudelt, sondern nur einen reizenden weißen Schaumkranz im Glase entwickelt. Die zweite Art, der Mousseux (Sprudelwein), rumort schon stärker und braust beim Abspringen des Korkes lustig über die Flaschenmündung empor. Die dritte Art endlich, der Grand Mousseux (Doppelsprudel), schleudert den Pfropfen mit scharfem Knall in's Weite und schäumt auch meist noch beim Einschenken über das Glas hinaus, ist aber gerade dieses lärmenden Uebermuthes wegen, der ihm in Herrenkreisen stets einen guten Empfang sichert, an der großen Tafel schon seit zwanzig Jahren verpönt und das mit Recht, denn es schickt sich wahrlich nicht, in Gegenwart der Damen Pistolenschüsse im Speisesaale abzufeuern. Der Farbe nach, die schon durch die Etiquettes angezeigt wird, unterscheidet man weißen (carte blanche), rothen (carte noire), gelben (carte jaune) und blaßrothen (rosé), von denen die letztgenannte Art durch ein Weinfärbemittel, das sogenannte „Fismes“, erzeugt wird. An Stelle des Rosé war früher der mehr bräunliche sogenannte „Rebhuhn“ (oeil de perdrix) sehr beliebt, ist aber schon seit etwa vierzig Jahren als minderwerthig erkannt * und einstimmig hinausballotirt worden. Was endlich die Hauptsache, das Trinken des edlen Weines anlangt, so stehen sich in diesem Punkte — abgesehen von den mehr oder weniger komischen Einfällen vereinzelter Querköpfe — eine englische und eine französische Schule ziemlich schroff gegenüber. Die Franzosen erklären es für eine himmelschreiende Scheußlichkeit, eine Todsünde gegen allen Geschmack, neben diesem Süßwein etwas anderes als Bisquit und Confect oder höchstens einmal zur Abwechslung Austern zu genießen. Sie nehmen daher ihren Créömant nur zum Dessert und befinden sich dabei um so besser, da der Cham⸗ 2 pagner in diesem Falle kraft seiner lieblich erregenden Wirkung einen verklärenden Schimmer auf die ganze Sitzung wirft und zum Schlusse noch jedem Tischgenossen die Möglichkeit bietet, sich von seiner vortheilhaften Seite zu zeigen und dann heitern Sinns von der Gesellschaft zu scheiden. Die Engländer dagegen behaupten, der Champagner errege nach dem Mahle Uebelkeit (wvas man ihnen bei dem Stande ihrer Kochkunst ohne Weiteres glauben darf), und serviren ihn daher seit etwa einem Menschenalter gleich von Anfang der Mahlzeit neben jedem Gerichte. Der wahre Grund dieser Abweichung vom französischen Brauche ist jedoch nicht gastronomischer, sondern galanter Natur: die englischen Damen verlassen bekanntlich unmittelbar nach dem letzten Gange den Tisch und den Speisesaal und würden also um den ruhigen Genuß des Champagners kommen, wenn derselbe ausschließlich zum Dessert erschiene. In andern, nicht weniger wichtigen Punkten dagegen sind die beiden feindlichen Schulen und so ziemlich alle Welt durchaus einig. Es steht nämlich fest, erstens, daß der Champagner am besten aus durchsichtigen, umgekehrt kegelförmigen Spitzgläsern zu trinken und das Glas möglichst sofort nach dem Einschenken in einem Zuge zu leeren ist; zweitens daß der Wein vor dem Genusse „frappirt“, d. h. auf Eis gekühlt werden muß, daß aber seine Temperatur dabei nicht unter + 50 C. sinken darf; drittens daß zur Erhaltung dieser Temperatur die Flasche beim Einschenken nicht mit den Händen berührt werden darf, sondern mit einer angefeuchteten Serviette zu umwickeln oder mit dem sogenannten „Flaschenhalter“ zu fassen ist; endlich viertens aber, daß der Champagner sogar dann noch vortrefflich schmeckt, wenn auch alle diese Regeln im Drange der Umstände bei Seite gesetzt werden müssen. Der „Sect“ — diesen in Norddeutschland eingebürgerten Namen legte der geniale Schauspieler und Trinker Ludwig Devrient (gest. 1832) dem Champagner bei — wird aber nicht nur rein getrunken, sondern bildet auch ein wesentliches Ingredienz zahlreicher Bowlen, Cobblers, Cocktails u. s. w., denen allen er erst den rechten Schliff und Chie gibt. Deutscher und österreichischer Champagner ist kein Champagner, sondern gehört unter die Rubrik Schaumwein.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 97Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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