FeedHase
Haus & KücheAppetit-Lexikon 1894

Hase, „ein lieblich angenehmes Thierlein, das einem Menschen eine Lust und Freude machet, dann alle anderen Thiere werden mit Gefahr gefangen, allein der Hase schadet niemand“ (Colerus). Eben deshalb aber hackt alle Welt auf den armen Lampe los, und nur der brennende Eifer, mit dem er sich dem Fortpflanzungsgeschäfte widmet, hat seine Ausrottung noch immer hintangehalten. Zur Cäsarenzeit glaubte man, Hasenfleisch mache schön, im Mittelalter hielt man es umgekehrt für säfteverderblich und melancholieerzeugend, in der Neuzeit indessen lebt man der triftigen Erkenntniß, daß das gut gespickte Hintertheil eines Viermonatshasen einen recht braven, schmackhaften und gesunden Braten gibt, der freilich nur ein Bürgeressen, aber auch für Aristokratenmagen sehr verlockend ist. Rammler und Häsin müssen vor dem Braten marinirt werden, man zieht daher vor, sie gedämpft mit saurem Rahm oder aber en eivet, als Salmis, als Galantine (Hasenpudding), als Sulze (Hasenkuchen), in warmer oder kalter Pastete oder kalt in Aspik aufzutragen, während das Vordertheil oder sogenannte „Hasenklein“ (Kopf, Brust, Läufe und Lunge), in Oesterreich „das Junge“ genannt, das als Hasenschwarz oder Hasenpfeffer allgemein beliebte Gericht liefert. Kenner ziehen die dunkler gefärbten Berghasen wegen ihrer Größe (es finden sich nicht selten Exemplare von 7½—8 kg) den Flachlandhasen und alle Welt die jungen Hasen den alten vor. Der junge Hase, in der Küche auch Dreiläufer genannt (worunter aber eigentlich nur der Dreimonatshase zu verstehen ist), ist an der Hautfalte kenntlich, die sich beim Auseinanderziehen der Löffel auf dem Kopfe bildet, während bei den alten die Haut an dieser Stelle fest aufgewachsen erscheint und also keine Falte schlägt; auch lassen sich die Löffel des jungen Thieres leicht einreißen — diese Probe wird aber immer nur ein recht gutmüthiger oder recht unerfahrener Wildhändler gestatten. Von den Spielarten des Hasen sind besonders zwei beachtenswerth: der Stallhase, der sonst den ehrsamen Namen des Kanins führt, und der äußerst merkwürdige Dachhase. Bei der bedauerlichen Vernachlässigung der Naturwissenschaften in unsern Schulen wird nämlich namentlich in den Städten und vorzugsweise in gewissen Gasthausküchen der wahre Hase recht häufig mit einem andern, beinahe ebenso großen Vierfüßler verwechselt,‚ der auf den Dächern zu lustwandeln pflegt und den Zoologen schon seit längerer Zeit als Felis domestica L. oder Hauskatze bekannt ist. Diese Verwechslung ist in der Regel für die Katze tödtlich, und eine stark gepfefferte Sauce thut dann das Uebrige. Wie gesagt, ist aber nur die naturwissenschaftliche Unwissenheit, die magna ignorantia rerum naturalium an solchem Mißgriff schuld und diese im vorliegenden Falle um so leichter zu begreifen, da der Hase zu den allerseltsamsten Geschöpfen unter Gottes Sonne gehört. Er hat nämlich statt der Ohren Löffel, statt der Augen Lichter, statt des Schwanzes eine Blume, statt der Haare Wolle, statt der Vorderbeine Läufe und statt der Hinterbeine Sprünge und kann bei alledem weder laufen noch springen, sondern nur gehen, wobei er allerdings ein ganz ungewöhnlich beschleunigtes Verfahren liebt. Das Blei ist ihm aber seiner sprichwörtlichen Schwere zum Trotz doch über, und so werden im Durchschnitt jährlich im Königreich Preußen zwischen 2—2½ Millionen, in Oesterreich-Ungarn zwischen 11/¼½—1½ Millionen Hasen erlegt, von denen Wien sich jährlich 190 000 — 200 000 Stück gut schmecken läßt.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 221Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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