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TierreichAppetit-Lexikon 1894

Hecht, der geborene Herr Von und privilegirte Ritter von der Landstraße, findet sich in allen mittleren und nördlichen Ländern Europas, Asiens und Nordamerikas, und zwar mit Vorliebe in hartgründigen Gewässern, da deren Klarheit und Untrübbarkeit ihm das Handwerk erleichtern, wenn er hinter einem Busche Wasserpflanzen auf Beute lauert. Als solche gilt ihm jeder Schwächere, gleichviel ob Ratte, Vogel, Frosch oder Fisch, und wenn man ihm nur Zeit läßt, so wächst er bei dieser entmenschten Lebensweise zu einem Riesen von Am Länge und bis zu 35 kg Gewicht heran. Ein einigermaßen genügsamer Mensch ist indessen schon mit einem Hecht von 5 kg zufrieden, wenn ihm derselbe nur als Spießbraten in der gehörigen Form präsentirt, d. h. mit Aal oder Speck gespickt und möglichst noch mit Kraftbrühe angerichtet wird, denn dieser Ritter mit der spitzen Schnauze ist der ärmste unter allen fettarmen Flußfischen. Es gibt sogar sehr wackere Männer und gründliche Kenner, denen schon mit einigen gebackenen Grashechten von je ½ kg Schwere ganz zu ihrer Zufriedenheit gedient ist. Außerdem wird der Hecht gesotten mit holländischer, mit Sardellen- oder mit Paprika-Sauce, in Schnitten mit Majonnaise, mit Krebsragout, mit Marschanskern oder mit Kräutern, gefüllt mit Senfsauce, gezupft mit Buttersauce oder mit Sauerkraut, geschmort mit Kräutern, als Matelotte, als Salat, als kaltes Ragout, als warme Pastete und auf noch weitere zehn oder fünfzehn verschiedene Arten zubereitet und bildet in jeder dieser Gestalten wegen seines festen, weißen, grätenarmen, so zu sagen eleganten Fleisches ein gern gesehenes Gericht. Namentlich galt im 17. und 18. Jahrhundert die Hechtleber für eine Delicatesse ersten Ranges. Sie wurde in Schnitten mit der Milch oder dem Rogen an der Tafel herumgegeben, und jeder Tischgenosse hatte beim Zulangen einen „Leberreim“ nach ein für alle Mal feststehendem Muster zum Besten zu geben, etwa in folgender Weise: „Die Leber ist vom Hecht und nicht von Schulzens Schwester, Denn wäre sie von der, sie spräche gleich: „Mein Bester...“ Die Alten dachten vom Hechte, dessen Leber noch immer ihr Ansehen behauptet, weit geringer als die Neuern. Erst das Christenthum, das seiner als Fastenspeise bedurfte, brachte ihn zu Ehren, und schon die Schule von Salern zählte ihn daher ums Jahr 1100 zu den zehn gesunden Fischen. In England, wo man von jeher absonderlich war, wurde er im Mittelalter sogar über den Lachs geschätzt. Auch dem Oberösterreicher Freiherrn v. Hohberg galt er für „edler als der Karpfen“, und das hechtreiche Nordostdeutschland ließ sich diesen frommen Glauben gern gefallen, fing, räucherte und pökelte, soviel das Wasser nur immer hergeben wollte, und trieb mit seinen Rauchhechten und Salz- oder Pökelhechten einen schwunghaften Handel nach Süddeutschland, Oesterreich, Ungarn und Italien. Aus dem Rogen wurde Ketzin ( Caviar) bereitet, und zu Frankfurt an der Oder, das den Mittelpunkt dieses Handels bildete, bestand noch bis zu Ende des 18. Jahrhunderts eine eigene Zunft der „Hechtreißer“, die das Privilegium auf die Herstellung der gedachten drei Artikel hatte. Heute steht man dem Hechte etwas kühler gegenüber, ohne ihn deshalb zu unterschätzen, vielmehr gelten die Mittelhechte von 1—3 kg und auch die jungen Grashechte bis kg Gewicht mit gutem Grunde für ebenso gesund wie schmackhaft. Der Fisch bildet daher noch heute einen bedeutenden Gegenstand der Fischerei. Wien verbraucht jährlich zwischen 25 00030 000 kg und bezahlt das Kilo mit ½—3½ Mark, während es in Norddeutschland durchschnittlich ½2—2 Mark werthet. Die Laichzeit fällt in den März bis Mai, die Saison umfaßt daher die Monate Juli bis Februar — Zeit genug, um auch dem Saumseligsten Gelegenheit zur Bekanntschaft mit dem „Wasserwolf“ zu gewähren.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 225Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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