FeedKarpfen
TierreichAppetit-Lexikon 1894

Karpfen gehört zu den alleransprechendsten und allereigensten Eigenschaften der Donau, denn im Schwarzmeer heimatberechtigt, ist der Edelfisch sicher auch von Alters her im Hauptzufluß desselben zu Hause. Südeuropa dagegen scheint ihn erst, wenn auch schon Jahrhunderte v. Chr. Geb., durch die Unternehmungslust griechischer und römischer Gastronomen zugeführt erhalten und das Rheingebiet ihn erst durch die Klöster empfangen zu haben — wenigstens wird er um 1070 am Bodensee als Klosterfisch zuerst genannt. In Nordfrankreich soll er noch zweihundert Jahre später unbekannt gewesen sein, gelangte aber von dort aus 1514 durch Leonhard Mascal nach England und 1560 durch Peter Oxe nach Dänemark. Nach Brandenburg brachte ihn 1585 von Schlesien her der Oberst⸗-Burggraf v. Nostitz (gest. 1588), aber erst 1769 kam er von der Mark nach Altpreußen und erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts nach den russischen Ostseeprovinzen. Seit 1850 ist er von Europa her nach den atlantischen Staaten der Union und seit 1875 auch nach Californien verpflanzt worden, immer mit dem überraschendsten und großartigsten Erfolge. Der brave Fisch ist aber nicht blos bei seiner Fruchtbarkeit und Zählebigkeit vorzüglich gut zu züchten, sondern bei seinem Fett und seinem Wohlgeschmack auch vorzüglich gut zu essen. Schon marinirt erregt er eine günstige Vorstellung, gebacken stille Befriedigung, in schwarzer Sauce allgemeine Anerkennung, als Ragout ungetheilte Zustimmung, gebraten lauten Beifall, in Gelee aufrichtige Bewunderung und blaugesotten endlich jenes tiefe, innige Entzücken, für das die Auserwählten überhaupt keine Worte haben, und das man daher kurz und bündig als „blaue Karpfen-Seligkeit“ bezeichnet. Ueber den blauen Karpfen im Ganzen gehen nur zwei Dinge: die höchst delicate Karpfenmilch, die auch gebacken als selbstständiges Gericht auftritt, und die noch delicatere Karpfenzunge, d. h. der Gaumen des Fisches, ein wahres quinto elemento, wie die Spanier sagen, dessentwegen selbst verschämte Feinschmecker nicht selten um den Kopf des Thieres zu betteln wagen. — Gevatter Karpfen kann ein Alter von 100 Jahren und dabei eine Länge von 1½ mund ein Gewicht von 35 kg erreichen, in der Regel ist er jedoch bescheidener und geht selten über Im Länge und 15 kg Schwere hinaus. Seine Laichzeit erstreckt sich über die Monate Mai, Juni und Juli, die Saison umfaßt daher den ganzen Herbst und Winter (October —April). Unter den drei landläufigen Spielarten, dem gewöhnlichen, rundschuppigen Edelkarpfen, dem gänzlich schuppenlosen Lederkarpfen und dem nur längs der Seiten mit einer geradlinigen Reihe großer Schuppen bekleideten Spiegelkarpfen oder Karpfenkönig, gilt der letztgenannte für den vornehmsten, doch ohne deshalb besser zu schmecken als die beiden andern. In Frankreich sind die Rhone⸗ und die Seine-Karpfen, in Deutschland die Rhein-Karpfen, in ganz Europa aber die Donau-Karpfen berühmt, die schon im 16. Jahrhundert zu Zehntausenden gefangen wurden, damals aber bei den ehrsamen Mitgliedern der Wiener Donaufischer-Genossenschaft sehr getheilte Gefühle erregten, da ihr reichliches Auftreten für ein Vorzeichen der Pest galt. Im Jahre 1890 verbrauchte Wien aus der Halle und vom Fischmarkt 476 475 kg Karpfen, der durchschnittliche Jahresconsum beträgt jedoch etwas weniger, nämlich 375 000 kg. Das Kilo werthet in Wien 160—2 Mark (1 Gulden), in Paris 0·85—1:50 Mark, in Berlin 0 60 bis 2·50 Mark.

Appetit-Lexikon. Ein alphabetisches Hand- und Nachschlagebuch über alle Speisen und GetränkeHrsg. von Robert Habs und Leopold Rosner, 2. Aufl., Wien: Gerold 1894 · Bd. 1, S. 263Scan: Wienbibliothek im Rathaus · gemeinfrei

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