Meerrettig, in Oesterreich Kren, der nächste lebende Verwandte des Löffelkrauts und zugleich mit der Brunnenkresse verschwägert, ist im ganzen Osten vom Weißen Meere bis zum Kaspi-See heimisch und hat sich von dort aus über Westeuropa verbreitet, wo er jetzt, von den drei südlichen Halbinseln und der Bretagne abgesehen, allenthalben verwildert vorkommt. Griechen und Römer kannten den Meerrettig nicht, und noch heute ist sein Verbrauch in Südeuropa gleich Null. Nord- und Mitteleuropa dagegen ziehen ihn nicht nur in fast jedem Hausgarten, sondern auch im Großen, namentlich darf Böhmen nicht blos als Kronland, sondern auch als Krenland bezeichnet werden. In Süddeutschland, wo er sich unter Karl den Großen zuerst genannt findet, sind Bamberg, Schweinfurt, Nürnberg und besonders Niederbühl bei Rastatt, das seine Rettigstangen bis Paris versendet, in Norddeutschland Lübbenau im Spreewald mit einer Jahresproduction von 3—3½ Millionen, Berlin mit einer solchen von 1½ Millionen Stangen als Rettigstädte berühmt. Sogar in Amerika, im Staate New-York, hat der Krenbau seit etwa 1865 einen großartigen Umfang angenommen. Dies Vordringen des Meerrettigs steht im genauen Verhältniß zum Zurückweichen des Knoblauchs, so daß man den Kren mit Fug und Recht den lachenden Erben des Knoblauchs nennen kann. In der That ist der Kren weit mehr Gewürz als Gemüse. Als letzteres kommt er auf dem feinen wie auf dem bürgerlichen Tische Oesterreichs und Deutschlands überhaupt nicht vor, und auch in der Schweiz und Frankreich gehört Meerrettig-Gemüse, in Fleischbrühe oder in Milch gekocht, nicht gerade zu den alltäglichen Gerichten. In ersterer Eigenschaft dagegen figurirt nicht nur der rohe geriebene Meerrettig als Stellvertreter des Senfs bei den „brennheißen Frankfurtern“, beim Pökelfleisch und andern einfachen Fleischgerichten, sowie als Hauptbestandtheil einer sehr beliebten Fischsauce, sondern er wird auch theils roh, theils gedünstet in mannigfacher Verbrüderung mit Mandeln, Korinthen, Eidotter, Citrone, Muscatnuß, Pfeffer, Knoblauch u. s. w. zu Saucen verwendet. Gekochter Kren ist bekanntlich minder scharf und pikant als roher, weil durch das Kochen ein guter Theil des durchdringend scharfen Senföls verflüchtigt wird, auf dem der eigenthümlich beißende Geschmack des Krens beruht. Da der Meerrettig — in jeder vernünftigen Küche wenigstens — nur zerrieben gegeben wird, so gibt er zu Klagen über Unverdaulichkeit keinen Anlaß und ist also in dieser Hinsicht seinem Bruder Rettig bei weitem überlegen.