FeedAriosto (Lodovico)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Ariosto (Lodovico), der größte ital. Dichter des 16. Jahrh. und einer der bedeutendsten Dichter Italiens überhaupt, wurde 8. Sept. 1474 zu Reggio im ehemaligen Wepnddenl Ferrara geboren, woselbst sein Vater, Niccold degli Ariosti, einer altadeligen Familie angehörig, Kommandant der Citadelle war. A. besuchte die Schule zu Ferrara und widmete sich nach dem Wunsche seines Vaters, obgleich widerwillig, dem Studium der Rechtswissenschaft, dem er bis zu seinem 22. Lebensjahre oblag. Schon in frühester Jugend hatte sich eine entschiedene Neigung zur Poesie in ihm entwickelt, und als endlich sein Vater ihm die Wahl seines Studiums freistellte, ergab sich A. ganz den humanistischen Studien, ging nach Rom und machte r dort urch mehrere lat. Gedichte, namentlich aber durch die Dramen Cassariav und I Suppositio, wozu Plautus und Terenz ihm den Gedanken gegeben, bekannt. Ein lat. Gedicht Carmen Epithalamiumo, zur Feier der Vermählung des Herzogs Alfons J. mit Lucrezia Borgia scheint die Aufmerksamkeit des Hofs auf den jungen Dichter gelenkt zu haben. Der Kardinal Hippolyt von Este, Bruder des Herzogs Alfons, nahm 2. 1503 in seine Dienste. In dieser Zeit dichtete A. sein großes Epos „L'Orlando Furioso (Der rasende Rolando). Zehn Jahre lang, von 1505—15, soll der Dichter an dieser großartigen epischen Dichtung, die in 46 Gesänge zerfällt, gearbeitet haben. Im J. 1517 zerfiel A. mit dem Kardinal Hippolyt und trat in den Dienst von dessen Bruder, Herzog Alfons I. von Garfa Dieser sandte ihn 1521 als Kommissar na ern A. ern um jene Gegend von Banditen 6 säubern. A. verwaltete dieses Amt zur Zufriedenheit des dach de und der Provinz und kehrte nach drei Jahren nach Ferrara zurück (1525), wo er eine seiner Neigung angemessenere Beschäftigung fand. Es wurde ihm die Aufsicht über den Bau eines neuen Schauspielhauses übertragen, und seine Vermögensverhältnisse verbesserten sich so weit, daß er sich ein kleines Haus mit Garten kaufen konnte, welches noch jetzt in der Straße Mirasole in Ferrara Kset wird. Seine Muße verwendete er teils zur usarbeitung seiner fünf in Versen geschriebenen Lustspiele, teils zur Vermehrung und Verbesserung seines großen Epos, von welchem er 1532 die 17. Auflage besorgte. Nicht lange darauf starb A. an einer zehrenden Krankheit 6. Juni 1533. Er wurde in der Kirche des Benediktinerklosters zu Rien ion begraben. Vierzig Jahre nach seinem Tode ließ ihm Agostino Mosti, ein ferraresischer Edelmann, ein ansehnliches Monument errichten. Das noch jetzt in derselben Kirche bestehende ist von 1612. A.s Werke sind: 1) L'Orlando Furiosoo, zunächst eine Fortsetzung von Bojardos «Orlando innamorator, ohne welchen das Gedicht in vielen Teilen unverständlich bleibt und mit dem es Eine große Epopöe bildet. Der &Orlandoy fußt auf mittelalterlichen Heldengeschichten, die A. aber nicht in dem Tone eines objektiven Erzählers vorträgt, sondern in ironisierender Darstellung, welche den Leser keinen Augenblick in Zweifel daruber läßt, daß der Dichter an die Wirklichkeit seiner Schilderungen nicht glaubt, noch ders⸗ in dem Leser den Glauben an die Wirklichkeit derselben erregen will. Dadurch unterscheidet sich A. von seinen Vorgängern und zeigt sich, indem er sich den von ihm benutzten Quellen gegenüber skeptisch verhält, als echten Sohn der Renaissance. Ausgezeichnet durch Großartigkeit der Phantasie, vollendete Meisterschaft in der Behandlung der Sprache, durch eine unerschöpfliche Fülle der glänzendsten Bilder, reich an kunstvoll eingewebten Episoden, ist der Orlando Furiosop das Er913•1 eines reinen und durchgebildeten Kunstgeühls, wenn auch von keiner großen sittlichen, religiösen oder patriotischen Idee getragen. 2) &Commedies, nämlich zwei in Prosa, La Cassariao (Vened. 1525 u. öfter) und I Suppositip (Vened. 1525 u. öfter), und fünf in Versen: «II Negromauten (Vened. 15380),La Lenas (Vened. 1535), I Suppositio (Vened. 1542), (La Cassariap (Vened. 1546), La Scolasticao (Vened. 1547; Gesamtausgabe der Commedien, Vened. 1562 u. Flor. 1724). 3) 4Satire, wichtig für die Lebensgeschichte des Dichters, zuerst erschienen o. O. 1534. Das zuerst 1845 von cter dem bekannt gemachte und 1846 zu Florenz unter dem Titel Rinaldo ardito di L. Ariostop veröffentlichte Heldengedicht, welches den Kampf Karls d. Gr. mit den Sarazenen schildert, ist als unecht zu betrachten. Gesamtausgaben der Operer erschienen in zwei Bänden (Vened. 1730; Vened. 1739, 1741, 1753, 1766). Der „Orlando hat im ganzen nahezu ein ˙ Tausend Auflagen erlebt; Untet den heursten sind namenflich zu erwähnen die dn Molini (3 Boe., Flor. 1821), Pani (4 Bos,, Lond. 1824), Gioberti (2 Bde., Flor. 1846 u. Mail. 1870) und Camerini Eann 1869); er ist dreimal ins Lateinische, neunzehnmal ins Deutschel che, sechsmal ins Englische, siebenmal ins Deutsche (darunter am besten von Gries, 4. Aufl., Lpz. 1851; Streckfuß, 2. Aufl., 6 Bde., Halle 1849; Kurz, 2 Tle., Stuttg. 1855, neue Auflage, mit Illustrationen von Doré, Bresl. u. Lpz. 1880 fg.), je zweimal ins Spanische und Russi e übersezt worden. A.s „Satireno wurden von Ahlwart (Berl. 1794) ins Deutsche übertragen. Zahlreich sind auch die Wihmaraphen in einzelne ital. Dialekte. Die Hauptbiographen A.s sind Giambattista Pigna (dessen Vita di Lodovico A in der Ausgabe des Orlandos, Vened. 1556), Giacomo Garofolo lin der Ausgabe des«Orlando, Vened. 1584) und Simon Fornari (in der Valvassorischen Ausgabe des Orlandos, Vened. 1566), von deren Biographien die des Gaetano Barbieri (Ferrara 1773) einen Auszug enthält. Mit fritischer Benutzung der Arbeiten seiner Vorgänger schrieb K. L. Fernow sein Leben des Lodovico A.v, herausg. von L. Hain (Lpz. 1817). Von neuern Arbeiten ist zu erwähnen: G. Campori, WNotizie er la vita di Lodovico A. tratte da documenti neditio (Modena 1871). Das unvollendet geblie-Habriel, vollendet, welcher auch einen Band lat. edichte herausgab (Ferrara 1582). Eine Bibliographie nicht nur der Schriften A.s, sondern auch der über ihn und seine Werke erschienenen Bücher, Abhandlungen u. s. w. enthält die von Ferrazzi ail. 1881).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 1, S. 889Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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