Cavour (Camillo Benso, Graf von), der bedeutendste ital. Staatsmann der Neuzeit, geb. 10. Aug. 1810 zu Turin, stammte aus einer altaristokratischen Familie Piemonts, die mit Kaiser Friedrich I. aus Deutschland gekommen sein und von diesem Lehen erhalten haben soll. Sein Vater war der Marchese Michele di C., seine Mutter, die Tochter des Grafen Sellon, eine feingebildete Genferin. Als der jungere Sohn wurde Camillo für die militärische Lausbahn bestimmt und kam im Alter von 10 J. auf die Militärakademie in Turin, wo er sich ausgezeichnete Kenntnisse namentlich in den mathem. Wissenschaften erwarb, sodaß er schon im Alter von 16 J. zum Genieoffizier befördert ward. Als solcher arnhbmerte er zu Genua, nahm aber, da seine liberalen Prinzipien mit seiner militärischen Stellung unvereinbar waren, im Sommer 1831 seinen Abschied. Er widmete sich nun der Bewirtschaftung der Familiengüter, unternahm häufige Ausflüge nach Genf und 1835 eine Reise nach Paris, von da nach London. Im folgenden Jahre besuchte er Oberitalien und ging 1843 wieder nach Paris und nach England, dessen landwirtschaftliche, industrielle und sozial-polit. Verhältnisse er diesmal einem eingehenden Studium unterwarf. C. gründete 1842 die Associazione agraria, welcher Verein bald den großartigsten Aufschwung nahm. Infolge der Reformbewegung, die 1846 im Kirchenstaat und in Toscana begann, stiftete C. mit Cesare Balbo und andern gemäßigten Männern die Zeitschrift 4Il Risorgimentos (seit Dez. 1847), in welcher er selbst die volkswirtschaftlichen und auswärtigen polit. Fragen erörterte. Als Anfang 1848 die polit. Stürme ausbrachen, suchte C. der Bewegung Halt und Regelung zu geben, indem er an der Spitze der turiner Presse vom Könige die Verleihung einer konstitutionellen Verfassung verlangte, die dieser, auch zugleich von anderer Seite gedrängt, endlich bewilligte. Im Parlament, in welches er von einem turiner Wahlbezirk gewählt worden war, schloß er sich zunächst der Rechten an. Nach der Katastrophe von Novara unterstützte C. das gemäßigte Ministerium Massimo d'Azeglios und gelangte nun bald zu einer bedeutenden Stellung in der Kammer. Bei den Verhandlungen im März 1850 über die Siccardischen Gesetze (Aufhebung des geistlichen Forums) entfernte er sich von der zum Teil klerikalen Rechten und nahm fortan seinen Platz im rechten Centrum. Mit dem Tode des Grafen Santa Rosa übernahm C. an dessen Stelle 11. Okt. 1850 das Portefeuille des Handels, der Industrie, des Ackerbaues und der Marine, und im April 1851 ging das von ihm gewünschte Ministerium der Finanzen aus Nigras in seine fähigen Hände über. Kaum hatte er festen selben, und die Regierungsthätigkeit nahm nach allen Seiten hin einen mächtigen Aufschwung. Während er verschiedene wichtige Gesetze zur Entfesselung des Besitzes und der Arbeit durchsetzte, schloß er eine Reihe von Handels⸗ und Schiffahrtsverträgen ab, teils um der polit. Isoliertheit Sardiniens vorzubeugen, teils um Industrie und Verkehr zu beleben und das Land auf den Weg der „Handelsfreiheit zu führen. Als allmählich die reaketionäre Richtung im ital. Parlament an Einfluß rgewann —— C. zur Kräftigung des konstitutio⸗ „nellen Ministeriums eine Fusion des rechten und linken Centrums herbei, welche Vereinigung fortan die liberale ministerielle Majorität des Parlaments bildete. Aber ein Zwiespalt mit seinen Kollegen rmißt, sind unter K aufzusuchen. veranlaßte schon im Mai 1852 (zugleich mit Farini und Galvagno) seinen Rücktritt von der Regierung. Während er die nächste Zeit zu einem Ausfluge nach Belgien, England und Frankreich benutzte und in Paris die erste Zusammenkunft mit dem Prinz-Präsidenten Napoleon hatte und damals schon in ihm den Mann erkannte, der für Italien etwas thun könne und werde, führte ein Konflikt mit dem päpstl. Stuhl wegen eines Civilehe-Gesetzentwurfs den Sturz des Ministeriums d'Azeglio herbei. Nach längerm Schwanken wurde C. mit der Bildung eines neuen Kabinetts beauftragt. Dasselbe kam 4. Nov. 1852 zu Stande. C. übernahm die Präsidentschaft und die Tneral Ta General Dabormida das Auswärtige, General La Marmora behielt das Kriegswesen. Ungeachtet der vielfachen Umgestaltungen, die sein Ministerium in der Folge erfuhr, konzentrierte sich doch seitdem die innere und äußere Staatsleitung in seiner kraftvollen Hand. C. richtete zunächst sein Augenmerk auf die Herstellung des finanziellen Gleichgewichts; aber die äußern Verhältnisse, die seine Thätigkeit mehr und mehr in eichen. Aicher der ließen ihn dieses Ziel nicht erreichen. Neben der Spannung mit Rom drückte das Potitt un Verhältnis zu Esterreich, dessen innere Politik und dessen Stellung und Tendenzen in Italien die Existenz und Entwickelung des konstitutionellen Piemont bedrohten. In der Gütersequestration gegen die lombard.venet. Emiration nach dem 18.3705 chen Insurrektionsversuch vom 6. Febr. 1853 sah C. von seiten Ssterreichs eine Verletzung der piemont. Souveränetät und des Friedens von Novara, und seinen Reklamationen folgte alsbald die gegenseitige Abberufung der Gesandten. Erst als die orient. Verwickelung herannahte, fanden die Ratschläge der angerufenen Westmächte in Bezug auf Piemont beim wiener Kabinett einiges Gehör. Nach dem mächten de des Orientkriegs schloß C. mit den Westmächten den Vertrag vom 26. Jan. 1855, wonach Piemont ein Hilfskontingent stellte, England dagegen eine Anleihe zugestand. C. wollte durch diesen Schritt Osterreich zuvorkommen oder, wenn es sich der Teilnahme am Kriege ganz enthielte, dessen Isolierung bewirken. Im Nov. 1855 begab er sich mit dem König nach Paris und London. Der Vertrag fand im Lande selbst nur eine geteilte Zustimmung, und anscheinend trug auch das schwere Opfer nichts weiter ein, als daß Piemont 1856 den pariser Friedensverhandlungen beiwohnen durfte. Dennoch hatte C. einen kühnen Meisterzug gethan. Er brachte auf dem Kongresse die den europ. Frieden bedrohende Lage Italiens zur Sprache, schilderte die röm. und die eapoli. Mißstände und stellte geschickt den nahen Verzweiflungskampf Piemonts gegen Österreich in Aussicht. Napoleon III., den die Ausschließung Osterreichs aus Italien sowie die Vernichtung der Verträge von 1815 anlockte, zeigte, wenn auch mit Reserve, seine Teilnahme für Piemont; Lord Clarendon dagegen erweckte Hoffnungen auf engl. Unterstützung in einem Kampfe zwischen Piemont und Ssterreich. Auf Napoleons Rat begab sich C. unverweilt nach London, um genaue Rücksprache mit Palmerston zu nehmen, erhielt aber hier nur unbestimmte Aussichten auf moralische Beihilfe. Er eilte nach Paris zurück, und hier scheint er con damals, wie sein alsbaldiges Auftreten bewies, den Kaiser für die Unterstützung Piemonts gewonnen zu haben, falls dieses von Osterreich angegrissen würde. Mit kühner Beredsamkeit rechtfertigte er im Parlament seine Politik, und seine Außerungen versetzten ganz Italien, namentlich aber die Bevölkerung Lombardo-Venetiens, in Enthusiasmus. Um die Situation volltändig zu beherrschen, fügte er zu seinen beiden ortefeuilles noch das des Auswärtigen hinzu. Während die Westmächte in Rom und Neapel ninni Vorstellungen gegen das bisherige Reierungssystem machten, ja mit Ferdinand II. gänzich zerfielen, begann C. seinerseits Osterreich auf die verschiedenste Weise zu reizen und in der piemont. Presse wie auch diplomatisch als den Grund aller Übel und Mißstände auf der Halbinsel darzustellen. die Ausrüstung der Festung 30 Kanonen nahm er die Nationalsubskription auf 100 Kanonen an und ebenso eine Sammlung der Lombarden zur Errichtung eines Denkmals in Turin zu Ehren des iemont. Heers. Letztere Angelegenheit führte im ärz 1857 abermals den diplomatischen Bruch mit dem wiener Kabinett herbei. Es war dies der erste Schritt zum Kriege, dem C. nunmehr mit Absicht entgegenging. Als sich bei den Neuwahlen Ende 1857 das klerikale Element das Y machte, übernahm er von Rattazzi noch das Ministerium des Parlan⸗ um Wentgtens in den Nachwahlen zum arlament der Regierung den Sieg zu verschaffen, während er das Finanzministerium an Lanza abtrat. Auch das Attentat Orsinis im Jan. 1858 haden Napoleon wußte er zu seinen Gunsten auszubeuten, indem er darauf hinwies, daß Zustände, wie sie in Italien herrschten, solche Thaten hervorrufen müßten. Im Juli reiste C. nach Frankreich und hatte zu Plombieres mit Napoleon die entscheidende Unterredung, in welcher die Hinausdrängung Ssterreichs aus Italien, die Gründung eines nordital. Königreichs und die Abtretung Savoyens und Nizzas an Frankreich ausgemacht wurde. Auf dem Rückweg hatte er in Baden-Baden eine Zusammenkunft mit dem Prinz-Regenten Wilhelm von Rerum 2 Bald darauf, als in Berlin das Ministerium Manteuffel gestürzt und der ürst von Hohenzollern an die Spitze des neuen Kabinetts getreten war, sandte er einen Verwandten desselben, den Marchese Pepoli, nach Düsseldorf, um mit dem dort verweilenden Fürsten über eine nähere Verbindung Preußens mit Sardinien zu unterhandeln. Daß diese Allianz, welche damals noch nicht möglich war, in baldiger Zukunft kommen müsse, sagte er damals richtig voraus. Gegen Ende 1858 hatte die Spannung zwischen Piemont und Ssterreich den höchsten Grad erreicht. Das wiener Kabinett begriff längst, um welches Ziel es sich handelte, und ließ nach Napoleons Neujahrsansprache 1859 sofort Verstärkungen nach Italien abgehen. Im Februar erfolgte die Verlobung des Prinzen Napoleon mit der Tochter Victor Emanuels und zugleich durch den General Niel der förmliche Abschluß eines Definitivbündnisses, das Kaiser Napoleon auf C.s Andringen eigenhändig unterschreiben mußte. Mit Freuden empfing er 23. April das Ultimatum des wiener Kabinetts, dessen Abweisung am 29. den Einmarsch der Ssterreicher über den Ticino zur Folge hatte. Nach der Schlacht von Magenta erließ er eine Cirkulardepesche an die Höfe, in welcher er die Ausschließung der Osterreicher aus der Halbinsel als das Ziel des Kriegs bezeichnete und die Verzichtleistung Napoleons auf jede Entschädigung erklärte, sodaß das europ. Gleichmißt, sind unter K aufzusuchen. len ut elbst bei Errichtung eines Königreichs Itaien nicht gestört werden würde. Verstimmt über diese Cirkulardepesche machte Napoleon nach der Schlacht von Solferino am Mincio Halt und schloß rasch den Vertrag von Villafranca ab, welcher die Hoffnungen Piemonts keineswegs erfüllte. Nieder-Rorngt überließ C. die Leitung der Geschäfte an attazzi, trat aber nach dem Züricher Friedensschlusse 16. Jan. 1860 wieder an die Spitze eines neugebildeten Ministeriums. on der innern Lage Osterreichs und der europ. Situation überhaupt begünstigt, betrieb er zunächst die Einverleibung der Emilia (Pama, Modena und Romagna), sowie Toscanas, während er an Napoleon Nizza und Savoyen abtreten mußte. Sowohl Ferdinand II. als Drann II. von Neapel waren durch C. Anträge zur Aaohang eines Bündnisses für Herstellung der Unabhängigkeit Italiens gemacht worden, doch vergeblich. In solcher Lage unterstützte C. insgeheim die Expedition Garibaldis bead Sicilien, hauptsächlich um diesen von einem beabsichtigten Einbruch ins päpstl. Gebiet abzuhalten, der bei der Anwesenheit der Franzosen in Rom die größten Wirren hervorgerufen haben würde. Allerdings hielt C. die Beseitigung der weltlichen Herrschaft des Papstes zur dedeleiimwandfur eine Notwendigkeit, aber es sollte diese Umwandlung im Frieden ges 5½½ der Kirchenfürst, in allem Glanze der geistlichen Macht, seinen Sitz im Vatikan behalten und durch seine Gegenwart das Ansehen und die Bedeutung Italiens erhöhen. Sein Ziel war die afreie im freien Staatev. Die Kurie wies jedoch seine Anerbietungen zurück und organisierte unter General Lamoriciere ein Fremdenheer. C. richtete nun 7. Sept. 1860 ein Ultimatum an den päpstl. Stuhl und ließ, da dieses zurückgewiesen ward, im Einverständnis mit Napoleon, ein piemont. Korps in Umbrien und die Marken einrücken, welches ohne Mühe die päpstl. Armee aufrieb. Wiewohl er das eigentliche, von den Franzosen besetzte Patrimonium Petri schonte, erfolgte doch der diplomatische Bruch mit Frankreich. Zugleich brachte er, von England moralisch unterstützt, die Dinge im Süden zum raschen Abschluß, indem die Piemontesen, Garibaldi Hilfe eilend, ins Neapolitanische einrückten, wo Victor Emanuel ald 8. Nov. die Unionsakte vollzog, während Garibaldi die Diktatur niederlegte. Alle diese bedeutungsvollen Schritte hatte C. im Fluge unternommen, teils um die Einmischung der Mächte zu hindern, teils um der oranisierten . Gaiald das übergewicht über die Bestrebungen Garibaldis und der Actionspartei zu sichern. Bereits 26. Dez. 1860 erschien das Dekret, welches Neapel, Sicilien, Umbrien und die Marken mit dem Königreiche Italieno vereinigte, sodaß 18. Febr. 1861 in Turin das erste vereinigte Parlament Wetor Emmnuet konnte, welches auf C.s Antra ictor Emanuel als König proklamierte. Die au C.s Schultern ruhende ungeheure Arbeitslast hatte jedoch seine Gesundheit zerrüttet; er verfiel 30. Mai 1861 in ein hitziges Fieber, das am Morgen des 6. Juni seinen Tod herbeiführte. Seine letzten vernehmlichen Worte waren: «Frate, frate, libera chiesa in libero statoly (Bruder, Bruder, die freie Kirche im freien Staate). Von mittlerer, aber kräftiger Gestalt, rasch und sicher in seinen Bewegungen, besaß C. ein leicht erregbares Temperament, einen schen und weitblickenden Geist, einen thatkräftigen, esten, zähen Willen. Italiens Unabhängigkeit und Einheit waren der große Gedanke seiner Politik, dessen Verwirklichung alles andere untergeordnet und dienstbar gemacht wurde. Mit den ausschlagdahalt e Persönlichkeiten der extremen Parteien ehielt er patriotische Owuhie r mit Ausnahmegesetzen zu regieren verschmähte er. Als Redner war ihm eine einschneidende Dialektik, seinen Feinden gegenüber — bitterer Sarkasmus eigen. Der Streit mit Garibaldi über die politisch notwendige Abtretung Nizzas hat ihm besonders wehe gethan. Trotz eines reichen Besitzes, den er musterhast verwaltete, lebte er einfach und nüchtern. Im Umgange war er gesellig und voll sprudelnden Humors. Am 8. Nov. 1873 wurde ihm zu Turin auf der Piazza Carlo Emanuele ein von Dupré Marchese Denkmal gesetzt. Sein Bruder, der Marchese Gustavo di C., hat 10 als Schriftsteller auf ökonomischem und statisti chem Gebiete einen geachteten Namen Ainare Der Neffe und Erbe C.s, der Marchese inardo C. (geb. 1833, gest. 1875) hat das von seinem Oheim ererbte Vermögen dem klerikalen Grafen de Sales, einem Seitenverwandten, vermacht. C.s hinterlassene polit. Papiere sind im Staatsarchiv zu Turin niedergelegt. Vgl. De la Rive, Le Comte de C., récits et souvenirse (Par. 1863); Massari, II conte di C. Ricordi biographicis (Tur. 1873; deutsch von Beold, Lpz. 1874, und von Rüffer, Jena 1874); derselbe, Discorsi parlamentari del conte Camillo di C.5 (Bd. 1—4, Tur. 1863; Bd. 5—10, Flor. 1866—71; Bd. 11, Rom 1872; das Werk ist nicht im Buchhandel erschienen; Bd. 12, C. als parlamentarischen Redner darstellend, wird den Schluß bilden); Sassi, II conte Camillo Benso di C. (Tur. 1873); Reyntiens, Bismarck et C. et l'unité de bItalies (Brüss. 1875); Vera, C. et I'église libre dans l'état libres (aus dem Italienischen, Neap. 1874); Speyer, «Camillo, Graf von C. v (im „Neuen Plutarch', Bd. 2, Lpz. 1875).