FeedDostojewskij (Fedor Michailowitsch)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Dostojewskij (Fedor Michailowitsch), durch seine sozial-polit. Tendenzen bekannter russ. Schriftsteller, 1822 zu Moskau geboren, wo sein Vater als Arzt beim Marienhospital angestellt war, kam 1837 nach Petersburg in die Hauptingenieurschule, wo er fünf Jahre blieb, und trat dann als Unterlieutenant in Militärdienste, welche er aber schon 1842 verließ, um sich litterarischer Beschäftigung zu widmen. Er schloß sich namentlich an Bjelinskij an, dessen Ansichten und Bestrebungen er teilte. Seine erste Novelle, «Die armen Leute » (1846), in welcher er das Elend des russ. Beamten- und Kleinbürgerproletariats zeichnete, erregte außerordentliches Aufsehen. Es folgten mehrere Novellen, die jedoch hinter den Erwartungen zurückblieben, die sein erster Versuch hervorgerufen hatte. Nebst mehrern Gleichgesinnten sozialistischer Umtriebe angeklagt, wurde er 1849 zum Tode verurteilt, aber dann zu zehnjähriger Strafarbeit in Sibirien begnadigt. Aus der Strafanstalt ward er 1854 erlöst, aber nur um als Gemeiner in die Armee einzutreten, worauf er in Sibirien bis zur Regierung Alexanders II. diente, die ihm (1856) Begnadigung und die Erlaubnis zur Rückkehr erst nach Twer, dann nach Petersburg brachte. Hier griff er sogleich wieder zur Feder und legte in den Lapiski iz mertvago doma (KMemoiren aus dem Totenhause», Petersb. 1858; deutsch übersetzt, Lpz. 1864) die Eindrücke und Erfahrungen seines sibir. Exils mit erschütternder Wahrheit, aber zugleich mit einer edeln Ruhe und seltenen Objektivität nieder. Nachdem er noch eine Ausgabe seiner frühern Schriften (2 Bde., Mosk. 1860) hatte erscheinen lassen, trat er 1861 mit einem umfangreichern Roman «Unizennyje i oskorblennyjqje (Petersb.), hervor, der einen ähnlichen Vorwurf behandelt, wie ihn Victor Hugo zur Grundlage seiner Misérableso genommen hat. Sein schriftstellerisches Talent trat besonders wieder hervor in dem Romane Prestuplenije i nakazanijes (Verbrechen und Strafe », Petersb. 1868 u. öfter; deutsch nach der 4. Aufl. von W. Henckel unter dem Titel „Raskolnikowo, 3 Bde., Lpz. 1882), dessen Reiz in einer feinen psycholog. Analyse besteht. arauf schrieb er den Idioto, Bésy (Die Teufelv), &Podröstoky (4& Der Volljähriger, 1875). Sein letzter Roman war „Bratja Karamazovy . Brüder Karamasowo, 1881). Die Eigentümichkeit des Verfassers zeigt sich auch hierin, allein er verfällt rücksichtlich des Verständnisses seiner Zeit nicht selten in eine schon durch die Wahl krankhafter Charaktere hervortretende Einseitigkeit. In den letzten Jahren seines Lebens trat er als Publizist auf in seinem «Dnevnik Pisateljao (Tagebuch eines Schriftstellerso), wo er einen sehr konfusen patriotischen Mystizismus mit großer Intoleranz gegenüber der europ. Bildung und den liberalen Ideen der russ. Gesellschaft entwickelte. Er starb 9. Febr. (28. Jan.) 1881. Michail D., Bruder des vorigen, machte sich gleichfalls in der russ. Litteratur einen Namen, unter anderm durch seine Übersetzung von Schillers „Don Carloso (1848) und Goethes Reineke Fuchss (1861). Seine Zeitschrift Vremjas wurde 1863 wegen eines Artikels über den poln. Aufstand unterdrückt; er hatte eine neue, Epochay, begonnen, als er 22. (10.) Juli 1864 zu Pawlowsk starb.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 5, S. 502Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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