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GeschichteBrockhaus 1882

Fersen, ein uraltes kattisches Ges lecht, aus der Grafschaft Katzenellbogen in Hessen⸗ assel stammend, von wo aus es sich fast ber ganz Nordeuropa verzweigte. Der Stammyvater der jetzt noch in Rußland und Schweden blühenden Linie ist Lorenz von F§. Derselbe war 1540 aus Hinterpommern nach Estland eingewandert und hatte daselbst das Landgut Raiküll erworben, aus welchem Hause alle nachfolgenden baltischen, schwed., russ. Herren, Freiherren und Grafen von F. hervorgingen. Ein Enkel im vierten Grade von Lorenz von F. ist der schwed. Feldmarschall Fabian von F., Freiherr ö 7. Febr. 1626 zu Reval geboren, trat 1643 als Hoffunker in die Dienste der Königin Christine von Schweden und kämpfte im schwed. Heere 1644 geen die Dänen und 1646—48 in Deutschland. dach dem Westfälischen Frieden kehrte 7 nach Estland zurück, bereiste darauf 1650 die Niederlande und Frankreich, und wurde 1654 vom König Karl X. im Kriege gegen die Polen zum Obersten ernannt. m J. 1657 zum Kommandanten von Krakau eroben, nahm er dann an dem bald wieder ausbrechenden Kriege gegen Dänemark hervorragenden Anteil, wurde in dem Seetreffen bei Kronenburg (29. Okt. 1658) lebensgefährlich verwundet und nach seiner Wiederherstellung zum Generalmajor befördert. In dieser Stellung verteidigte er mit Glück 1659 das von den Polen, Preußen und Ssterreichern bedrängte Stralsund, war dann bis 1662 Oberkommandant von Stralsund, wurde 1663 zum Gouverneur von Livland und Riga ernannt, hierauf als General der Infanterie nach Stockholm berufen und 1674 in den Freiherrenstand erhoben. Als der König von Dänemark mit seinen Alliierten Schweden wieder den Krieg erklärte, wurde F. als Generalfeldmarschall zum Generalgouverneur über die angegriffenen Herzogtümer Schonen, Halland und Bleckingen ernannt, schlug die Angriffe des Feindes auf Malmö zurück und zwang ihn schließlich, die Belagerung der Festung aufzugeben. F. wurde nun zum Reichsrat und Oberkommandeur über die schwed. Armee ernannt, die in Livland gegen Polen sich zusammenzog. Doch bevor er sein neues Amt antreten konnte, starb er zu Malmö 30. Juli 1677. Seine Leiche wurde *n Reval gebracht und in der Domkirche beigesetzt. Ein Neffe des vorigen ist der schwed. Feldmarschall Otto Wilhelm von F., Freiherr von Cronendahl. In Reval 29. Sept. 1623 geboren, kämpfte er seit 1643 in Deutschland, und trat nach dem Westfälischen Frieden in franz. Kriegs⸗ —¹ über. Im J. 1654 nach Stockholm gekehrt, wurde er zur schwed. Armee vor Krakau Ert nach und geriet in poln. Gefangenschaft. Erst nach Eroberung Krakaus 1655 erhielt er seine Freiheit wieder. Nachdem er unter Karl XI. (seit 1660) noch mehrere Feldzüge, besonders gegen Dänemark mitgemacht, wurde er 1673 Generallieutenant und 1674 mit seinem Vetter Fabian in den schwed. Freiherrenstand erhoben. Im J. 1677 zum General der Infanterie ernannt, geriet er infolge seines tollkühnen Vordringens 1579 in der Schlacht bei Lund in dän. Gesangenschast aus welcher er erst nach 11 Jahren schwerer Kerkerhaft befreit werden konnte. Lach seiner Befreiung vom König 1691 zum Gouverneur in Narwa über Ingermanland und Kerholm-Löhn ernannt, erhielt er 1693 den Feldmarschallstab im Kriege gegen die Russen. Als er im wieder ausbrechenden schwed.⸗ russ. Kriege 1700 von dem Heere Peters d. Gr. in Narwa eingeschlossen wurde, erlöste ihn Karl XII. nach der siegreichen Schlacht bei Narwa aus seiner gefährlichen Lage. F. nahm darauf seinen Abschied und starb 23. April 1703 auf seinem Erbgute Kurnal in Estland. Auch seine Leiche wurde nach Reval gebracht und in der Domkirche beigesetzt. Ein anderer Neffe Fabians von F. ist Reinhold, Freiherr zu Cronendahl, der dem Geschlecht den schwed. Grafentitel zuführte. Im J. 1646 geboren, trat er erst 1701 als Oberst in schwed. Dienste und wurde 1702 von Karl XII. zum Generalmajor und Kommandanten von Gotenburg ernannt. In des Königs Gunst steigend, erhielt er 1710 den Rang eines Generallieutenants und das Amt eines Gouverneurs von Wismar und wurde als Generalfeldzeugmeister und königl. Rat am 28. März 1712 zu Bender in den schwed. Grafenstand erhoben. Er starb als Präsident des schwed. Hofgerichts am 10. Dez. 1716 in Stockholm. Sein Sohn war Graf Hans Reinhold von F., Freiherr zu Cronendahl, der 1721 als schwed. Generallieutenant den verhängnisvollen Frieden zu Nystad unterzeichnen mußte. Geb. 2. März 1683 in Stockholm, starb er, wie sein Vater, daselbst als Präsident des schwed. Hofgerichts am 25. Mai 1736. Einer seiner Söhne, Graf Fridric Axel von F., Freiherr zu Cronendahl, geb. 5. April 1719 in Stockholm, war während der sog. Freiheitszeit eine der hervorragendsten polit. Personlichkeiten Schwedens und lange Zeit Führer der Partei der «Hüter. Besonders am Reichstage 1755—56 spielte er eine große Rolle im Streite gegen die Versuche zur Erweiterung der königl. Gewalt. Während der ersten Regierungsjahre Gustavs III. gehörte der stolze, aristokratische F. der königl. Partei an; als aber die Souveränetätsbestrebungen des Königs deutlicher hervortraten, ward F. der einflußreiche Führer der Opposition und als solcher beim Reichstage von 1789 verhaftet. Darauf zog er sich vom polit. Leben zurück und starb 24. April 1794. Seine Memoiren (Historiska Skriftero, Bd. 1—8, Stockh. 1867—72) sind von geringem Werte. Auf der militärischen Laufbahn avancierte F. zum Feldmarschall, auf der civilen zum Reichsrate. Hans Axel von F., des vorigen Sohn, geb. zu Stockholm 4. Sept. 1755, ging nach vollendeten Studien nach Frankreich, folgte als Adjutant dem Grafen Rochambeau nach Amerika und ward nach seiner Rückkehr zum Obersten des Regiments Royal Suédois ernannt. Bei Ausbruch der Französischen Revolution . er sich durch seine Anhänglichkeit an die königl. Familie aus. Er leitete deren Flucht nach Varennes ein, fuhr sie, als Kutscher verkleidet, aus Paris und suchte ihr während ihres Aufenthalts im Temple, allen Hindernissen trotzend, Trost und Linderung ihrer Leiden zu gewähren. Als er Frankreich hatte verlassen müssen, hielt er sich in Wien, Dresden und Berlin auf und kehrte endlich nach Schweden zurück, wo ihn der König nacheinander zum General, Kanzler der Universität Upsala und zum Reichsmarschall ernannte. Doch machte sich F. beim Volke verhaßt, und dieser 200 steigerte sich noch mehr durch den schnellen od des Kronprinzen Karl August, des Adoptiosohns von Karl XIII. Es verbreitete Piper, Gerücht, daß F., seine Schwester, die Gräfin Piper, und mehrere andere Große an dem plötzlichen Tode des Prinzen schuld seien. Als daher 20. Ron 1810 die Leiche des Prinzen in großer Prozession von Liljeholmen nach Stockholm gebracht wurde, warf das Volk mit Steinen nach dem Wagen F.s, sodaß er sich genötigt sah, in ein Haus zu flüchten General dah suchte ihn vom Tode, der ihm hier drohte, zu retten, indem er dem Volke das Bersprechen gab, ihn als Gefangenen nach dem Rathause abzuführen. Unter Steinwürfen wurde er dahin gebracht. Doch kaum hatte er die Treppe erstiegen, als ihm ein Haufe nacheilte, ihn herabstürzte und den Körper des Ermordeten zur allgemeinen Schau nackt auf die Mitte des Marktes brachte. Die uld Fe eingeleitete Untersuchung ergab die Unschuld F.s und seiner 1e erie Über seine Beziehungen zum franz. Hofe berichtet ein 1878 zu Paris erschienenes Memoirenwerk: Le Comte de F. et la cour de Francer (2 Bde.). Von der in Estland zurückgebliebenen Linie erwarb sich nur der Besieger Tadeus Kosciuszkos, Graf Hans Heinrich F., einen berühmten Namen. Geb. 1743 zu Allustfer in Estland und erzogen im Kadettenhause zu Petersburg, trat er früh in russ. Militärdienste und avancierte bis zum Generalmajor. Er schlug 10. Okt. 1794 die poln. Armee bei Mazejowitsch aufs Haupt und nahm Kosciuszko auf offenem Schlachtfelde gefangen. F. beteiligte sich darauf unter dem Oberbesehl Suworows beim Sturme auf Praga und wurde nach der Eroberung von Warschau zum Oberkommandeur der Stadt ernannt. Von hier aus zog F. mit der Armee nach Rodom und beendigte den poln. Feldzug. F. erhielt hierauf den russ. Reichsgrafentitel. Er starb als Direktor des 1. Kadettenkorps am 16. (28.) Juni 1800 in Petersburg. Die Mutter des russ. Reichskanzlers Fürsten Alexander M. Gortschakow, Helene Dorothea, war eine geborene Baronesse F., Erbherrin von Kirna in Estland.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 6, S. 710Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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