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ReligionBrockhaus 1882

Freie Gemeinden heißen diejenigen religiösen Gemeinschaften, welche sich von den prot. Landeskirchen losgelöst haben. Den Anlaß zur Entstehung dieser Gemeinden gab die Bedrückung der rationalistischen oder überhaupt freisinnigen Richtung innerhalb der prot. Kirche durch die namentlich seit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. in Preußen zur Herrschaft gelangte Orthodoxie. Der äußere Anstoß zu der ganzen Bewegung war ein scheinbar geringfügiger. Im J. 1841 enthielt eine Kunstausstellung zu Magdeburg ein Bild, das eine Bauernfamilie vor einem Crucifix betend darstellte. Das gab dem Prediger Sintenis zu Magdeburg Veranlassung, gegen die Anbetung Christi zu sprechen, weshalb das Konsistorium ihn zur Verantwortung zog. Infolge dieser Maßregelung verband sich der Prediger Uhlich (damals in Pömmelte, in der Nähe von Magdeburg) auf einer Besprechung zu Gnadau (29. Juni 1841) mit 15 andern Geistlichen der Provinz gegen die Gewaltthätigkeit des Pietismus zu einem Verein der Lichtfreunde oder, wie er selbst sich nannte, der Protestantischen Freunde. Derselben ahm durch öftere Versammlungen in den Städten der Provinz Sachsen rasch an Mitgliederzahl zu; auch Laien traten immer mehr bei, sodaß die Versammlung zu Köthen Serbst 1844) bereits von 2—3000 Gesinnungsgenossen besucht war. Auch litterarisch war der Verein thätig, teils durch das vom Archidiakonus Fischer in Leipzig herausgegebene Erbauungsblatto, teils durch die Mitteilungen für Protestantische Freunde », das gemeinsame Organ für die Angelegenheiten sämtlicher Vereine. Bisher überwog unter der Führung Uhlichs der ältere Rationalismus, und wie dieser nur gegen den Symbolzwang opponierte, dagegen die Schrift, wenn auch mit der Forderung einer vernunftgemäßen Auslegung, als Grundlage des Glaubens anerkannte, so erklärten auch die Protestantischen Freunde als ihren Zweck, auf dem Grunde des Cvangeliums und im Geiste der evang.⸗prot. Kirche das noch unvollendete Werk der Reformation vollenden zu wollen. Eine entscheidende Wendung trat ein, als in der Versammlung zu Köthen 1844 der Prediger Wislicenus (s. d.) aus Halle, welcher dem an Hegel sich anschließenden philos. Rationalismus angehörte, in seinem Vortrage 4Ob Schrift, ob Geist? offen mit der Überzeugung hervortrat, daß nicht die Schrift entscheidende Norm unsers Glaubens sei, sondern der in uns lebendige Geist der Wahrheit und Liebe, welcher selbst erst die Schrift hervorgebracht habe. Nachdem Guerike aus Halle in Hengstenbergs Evang. Kirchenzeitungo ihn wegen unchristl. Ansichten denunziert hatte, zog ihn das Konsistorium der Provinz Sachsen zur Verantwortung und entsetzte ihn 1846 seines Amts. Allenthalben regte sich jetzt die rationalistische Partei, welche nicht ohne Grund die freie Forschung in der prot. Kirche bedroht sah. Aber die Antwort, welche die männliche Eingabe des berliner Magistrats vom 22. Aug. 1845 von seiten des Königs fand, zeigte deutlich, daß die Zeiten der orthodoxen Parteiherrschaft in Preußen angebrochen waren. Ein großer Teil der freier gesinnten Geistlichen schwieg, andere versuchten eine Vermittelung anzubahnen, während die Führer der Bewegung, von einem großen Teile ihrer Gemeindeglieder unterstützt, aus der Landeskirche hinausgedrängt, zur selbständigen Gemeindebildung fortschritten. Eine der ersten dieser Freien Gemeinden scharte sich 1846 um G. A. Wislicenus. Nachdem zuerst die sächsische, danach auch die preuß. Regierung die Versammlungen der prot. Freunde verboten hatte (1845), gewann die separatistische Bewegung sowohl an ihrem Hauptsitz in der Provinz Sachsen wie auch außerhalb immer mehr Boden und erhielt durch die gleichzeitig in der kath. ber 2 aufkommende geistesverwandte Bewegung der Deutschkatholiken (f. d.) innere Stärkung. So ward 1847 Uhlich, seit zwei Jahren Prediger in Magdeburg, wider seinen Willen mit seinen Anhängern zur Separation getrieben. In Königsberg hatte sich bereits 1846 eine separierte Freie Gemeinde gebildet unter dem Prediger Rupp; ebensolche gründeten Baltzer in Nordhausen, Adolf Wislicenus zu Halberstadt, Schünemann zu Quedlinburg u. w. Eine Regelung der gemeinsamen Angelegenheiten unternahm besonders die Konferen; . ordhausen (Sept. 1847); als Band der Einheit 5 Glaubens bei aller Abweichung der Ansichten ward das Bekenntnis aufgestellt: «Ich glaube an Gott und sein ewiges Reich, wie es von Jesus Christus in die Welt eingeführt wurdey; betreffẽ der Kirchenverfassung bahnte man vollständige Autonomie der einzelnen Gemeinde an. Friedrick Wilhelm IV., der den Austritt der rationalist. Rich tung aus der Kirche zu fördern suchte, erteilte durch das Toleranzedikt vom 30. März 1847 den Freien Gemeinden in Preußen freie Religionsübung. Das J. 1848 brachte einen mächtigen Umschwung: die liberalen polit. Bestrebungen kamen zur zeitweiligen vollen Herrschaft und mit ihnen auch die freiheitlichen religiösen; die Häupter der Freien Gemeinden, Baltzer, Blum, Uhlich, Wislicenus, saßen im frankfurter Parlament und in der preuß. Nationalversammlung; in ganz Deutschland wurden neue Gemeinden gegründet und ihnen freie Religionsübung, vielfach auch die Mitbenutzung evang. Kirchen eingeräumt. Als aber die polit. Bewegung ihrem Untergang entgegenging, galten die Freien Gemeinden als Sammelplätze des polit. Radikalismus. Die Reaktion schritt zunächst mit allerlei Polizeimaßregeln gegen sie ein, und nachdem sie sich 1850 auf dem Konzil zu Köthen mit den Deutschkatholiken zur Religionsgesellschaft freier Gemeindenv vereinigt hatten, ward die Bedrängung durch den Staat immer schwerer. Zunächst verloren sie das Recht, öffentliche Vorträge zu halten, dann alle kirchlichen und bürgerlichen Rechte, da sie nicht mehr als Christen gelten könnten; Sachsen und Hessen verboten ihr Bestehen gänzlich, Preußen gab erleichternde Bestimmungen über ihren Rücktritt zur Kirche (1851). Seitdem sind viele Gemeinden eingegangen; doch belief sich ihre Zahl 1879 noch auf 144 Vereinigungen in Deutschland.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 264Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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