FeedGegenkaiser
GeschichteBrockhaus 1882

Gegenkaiser wurden in der röm. Kaiserzeit sehr häufig von der Prätorianergarde oder von den unzufriedenen Truppen einer Provinz erhoben, sind aber meistens wieder umgebracht worden, bevor sie zur allgemeinen Geltung gelangten. Im deutschen Mittelalter war der erste G. Rudolf von Schwaben, welcher am 17. März 1077 von den mit Heinrich IV. unzufriedenen Fürsten erwählt wurde, aber schon 15. Okt. im Kampfe fiel. Der 1081 ebenfalls gegen Heinrich IV. aufgestellte Hermann von Luxemburg entsagte 1088 und Heinrichs aufrührerischer Sohn Konrad starb 1101. Man nennt alle diese und die spätern G., obwohl sie zunächst nur zu Gegenkönigen erwählt und gekrönt wurden; aber die Absicht ihrer Wähler war doch, daß sie einst auch Kaiser werden sollten. Aus der spätern Zeit sind als G. zu nennen: der Staufer Konrad III. gegen Lothar III., Otto IV. gegen Philipp von Schwaben, Friedrich II. gegen Otto IV., Heinrich Raspe von Thüringen und nach seinem Tode Wilhelm von Holland gegen Friedrich II. und dessen Sohn Konrad IV., Albrecht I. gegen Adolf von Nassau, Ludwig von Bayern gegen Friedrich (III.) von Ssterreich, Karl IV. von Luxemburg gegen Ludwig, Günther von Schwarzburg gegen KarlIV., und Ruprecht von der Pfalz gegen Wenzel von Böhmen. Es ist merkwürdig, daß sämtliche von 1128 bis 1400 erwählte G. schließlich wirklich zur alleinigen Regierung gelangten, mit Ausnahme Raspes, welcher bald starb, und Günthers, welcher sich von Karl IV. abfinden ließ. Im Jahre 1410 bestand die Absicht, auch gegen Ruprecht wieder einen G. zu erheben; doch Ruprecht starb vorher und es ist seitdem, besonders da seit dem Tode Sigismunds 1437 die Kaiserwürde, wenn auch nicht rechtlich, so doch faktisch als Erbteil des Hauses Habsburg behandelt wurde, kein G. mehr aufgestellt worden. Als der Mannsstamm der Habsburger 1740 mit Karl VI. erlosch, wurde zwar der Wittelsbacher Karl VII. zum Kaiser erwählt. Jedoch nach seinem Tode 1745 kehrte man wieder insofern zu dem alten Hause zurück, als der Schwiegersohn Karls VI., Franz von Lothringen-Toscana, der Gemahl Maria Theresias, zum Kaiser erhoben wurde. Ihm folgten seine Söhne Joseph II. (1765 —90) und Leopold II. (1790—92). Des letztern Sohn Franz II. legte w1806 die röm.⸗deutsche Kaiserwürde nieder, nachdem Napoleon I. sich als Protektor des Rheinbundes in gewissem Sinne zum G. gemacht hatte.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 7, S. 652Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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