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ReligionBrockhaus 1882

Gnosis und Gnostiker (grch.). Gnosis bezeichnet bei den alexandrinischen Juden und bei den ältesten Christen eine tiefere (esoterische) Erkenntnis der religiösen Wahrheiten, wie man sie ähnlich auch im griech. Mysterienwesen zu besitzen glaubte, im Gegensatze zum religiösen Volksglauben. Ihr äußeres Merkmal war die allegorische Auslegung Werwe. Urkunden, deren Autorität man auch bei zerwerfung ihres buchstäblichen Sinnes noch festhielt. Als im Laufe des 2. Jahrh. das Christentum in Berührung trat mit der griech. Philosophie und sich auch vor dieser als die Vollendung aller Gottesoffenbarung zu legitimieren suchte, beschäftigte sich die Gnosis nicht bloß wie zur Zeit der Apostel mit der allegorischen Ausdeutung des Alten Testaments, sondern suchte auch die apostolische Überlieferung selbst mit den philos. Ideen der Zeit in Einklang zu setzen. Schon die sog. Iucerihrer noch mehr aber die alexandrinischen Kirchenlehrer versuchten dies, und letztere unterschieden Pistis (Glauben) und Gnosis (Wissen) als die niedere und die höhere Stufe religiöser Erkenntnis. Angeregt wurden sie hierbei durch eine Reihe von tiefsinnigen, aber phantastischen und den christl. Gemeinglauben schwer bedrohenden Systemen, welche in der Kirchengeschichte den Namen der gnostischen im engern Sinne führen, und deren «häretischer Gnosis jene alexandrinischen Theologen durch eine ckatholisches, die kirchliche Glaubensregel festhaltende, zu verdrängen suchten. Diese häretische Gnosis, gewöhnlich Gnostizismus genannt, ging ursprünglich von einem verwandten Streben aus. Mit Zu-Eurcharen kosmogonischer Theorien und orient. Mythologie suchten die ältesten Gnostiker die absolute Bedeutung der christl. Religion vornehmlich im Unterschiede vom Judentum festzustellen und dadurch das Christentum nicht bloß als höchstes Heilsprinzip, sondern auch als absolutes Weltprinip zu erweisen. Der Gedankenkreis dieser Gnostiker alttestamentliche Religionsgeschichte, deren allegorische Deutung zugleich den Schlüssel bieten sollte, um die — — robleme über Weltschöpfung, Weltentwickelung und Weltvollendung, über Ursprung, Fall und Erlösung des endlichen Geistes zu lösen. Je mehr aber die Philosophie bei diesem Unternehmen ihrer eigenen Kraft sich bewußt ward, desto größeres Gewicht ward auf das Wissen als solches gelegt. Die Wissenden oder Gnostiker, wie sie sich selbst nannten, meinten eben in diesem ihrem Wissen zugleich die Bürgschaft ihrer höhern Abkunft, im Unterschiede von den gemeinen Gläubigen, zu finden, und die ganze Weltentwickelung schien für sie nur darauf hinauszulaufen, den auserwählten pneumatischen Samen zur Gnosis und damit zum Bewußtsein seines wahren göttlichen Wesens zu führen. Auch das Wesen der Erlösung ward immer ausschließlicher in die Mitteilung dieser höhern Erkenntnis gesetzt, und die geschichtlichen Heilsthatsachen, welche die Kirche glaubte, verflüchtigten sich zu bloßen Zeichen und Bildern für die Geschichte der Befreiung des Geistesmenschen aus der Herrschaft der Materie und materiellen Gewalten. Die mytholog. Darstellung dieser geistigen Geschichte war dem Zeitalter überhaupt unentbehrlich, aber das Hereinziehen heidnischer Vorstellungen bedrohte bald selbst die Grundlage des jüd.⸗christl. Offenbarungsglaubens. Um die wesentliche Neuheit des Christentums zu begründen, wurde der höchste Gott von dem Weltschöpfer und Gesetzgeber unterschieden und letzterer als ein untergeordnetes, ja als ein feindseliges Wesen beschrieben, welches die der obern Welt entstammten Geister gewaltsam an seine Herrschaft zu fesseln suchte, bis die Erscheinung eines höhern Geistes, Christus, das Mittel ward, die Geistesmenschen durch Mitteilung der Gnosis zu erlösen. Da die dualistische Entgegensetzung von Geist und Materie keine wirkliche Menschwerdung Christi zu gestatten schien, so wurde bald gelehrt, daß Christus nur einen Scheinkörper angenommen habe und scheinbar gekreuzigt worden sei, bald daß er sich nur zeitweilig mit dem Menschen Jesus verbunden habe. Mit besonderer Vorliebe aber vertieften sich die Gnostiker in die Geheimnisse der gobern Welte», welche sie, angeregt durch alte kosmogonische Vorstellungen, als eine gegliederte Vielheit (Pleroma) von Geisteswesen (Aeonen) beschrieben, die aus dem unbekannten, unsichtbaren Urgotte oder Urgrunde hervorgegangen lemaniert) seien. Die Entstehung der materiellen Welt und der sie beherrschenden niedern Mächte ward meistens durch einen Fall eines untergeordneten Wesens aus der obern Welt, zuweilen auch durch einen Lichtraub erklärt, und die Bildung des Sternenhimmels (des Ortes der Mittev) und der irdischen Welt als eine Nachahmung des obern Pleroma durch die untern Mächte, um die gefallenen Geistesfunken unten zu fesseln, beschrieben. Im einzelnen sind diese gnostischen Lehren überaus mannichfach ausgestaltet, daher eine Menge gnostischer Systeme entstanden, deren eins immer das andere durch noch tiefere Erkenntnis der himmlischen Dinge zu überbieten suchte. Man pflegt eine ö syrische und eine alexandrinische Gnosis zu unterscheiden; jene trägt einen strenger dualistischen Charakter, während für diese die Materie nicht sowohl der positive Gegensatz des Göttlichen, sondern das Wesenlose oder Nichtige im Gegensatze zur göttlichen Lebensfülle ist. Die ältesten uns bekannten Systeme sind die des I des Menander, des Saturnin und der vielgegliederten Ophitensekte; dieselben gehören im wesentlichen der syr. Gnosis an. Ihren Höhepunkt erreichte die Gnosis dagegen erst unter dem Einflusse griech. Philosophie durch die Systeme des Valentin und der Basilidianer. Die alten kosmogonischen und astralen Traditionen sind hier durch stoische und platonische Ideen zu einer mytholog. Geschichte der Entwickelung des Geistes überhaupt verklärt, der gemeinkirchliche Boden aber so gründlich aufgegeben, daß die Gnostiker als «Pneumatikero allein sich im Besitze des Heils wähnten und auf die einfach Gläubigen als 0 Eliad »,‚ die nur zu einem beschränkten Grade der Seligkeit bestimmt sind, heruntersahen. Neben der alttestamentlichen Religionsgeschichte wurden von ihnen auch die Aussprüche Jesu und die neu-Luunken albegt Schriften, soweit sie dieselben anerkannten, allegorisch gedeutet. Im letzten Stadium der gnostischen Bewegung wurde zwar der Gegensatz zwischen Pistis und Gnosis wieder gemildert, die gnostische Grundanschauung aber nicht aufgegeben und die mythische Einkleidung der Gedan eher noch weiter ins Phantastische ausgesponnen. Die ältere orient. Gnosis versuchte in der Lehre des Marcion mit philos. Ausdeutung der paulinischen Ideen zugleich eine Kirchenreform, und hat es wenigstens zu einer vielverbreiteten Sekte gebracht, während die hellenistischen Gnostiker fast nur Schulen gegründet haben. Später verschmolzen die Marcioniten mit den Manichäern (s. d.) und pflanzten ihre Ideen bis tief ins Mittelalter fort. Die kath. Kirche, die im Kampfe mit dem Gnostizismus zuerst eine festere Form erhielt, hat denselben natürlich in allen seinen Gestalten eifrig bestritten, ohne sich jedoch seiner Einflüsse völlig erwehren zu können. Litteratur. Neander, «Genetische Entwickelung der vornehmsten gnostischen Systemey (Berl. 1818); Matter, AMHistoire critique du gnosticisme (2. Aufl., 3 Bde., Par. 1843; deutsch von Dörner, 2 Bde., Heilbr. 1833); Baur, Die christl. Gnosis v (Tüb. 1835); Lipsius in Ersch und Grubers «Allgemeiner Encyklopädiev (Sekt. 1, Bd. 71, Lpz. 1860); derselbe, „Zur Quellenkritik des Epiphanios v (Wien 1865) und Die Quellen der ältesten Ketzergeschichter (Lpz. 1875); Nitzsch, Dogmengeschichter (Bd. 1, Bresl. 1873); Harnack, Zur Quellenkritik der Geschichte des Gnostizismusv (Lpz. 1873); Mansel, «The gnostic heresies (herausgeg. von Lightfoot, 1875).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 138Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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