FeedGottschall (Rud. von)
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Gottschall (Rud. von), hervorragender deutscher Dichter und Schriftsteller, geb. 30. Sept. 1823 in Breslau, von wo 10. die Dienstverhältnisse seines Vaters, eines preuß. Artillerieoffiziers, früh nach Koblenz und Mainz — Schon auf dem mainzer Gymnasium fanden die von Laftet Mutter genährten Anfänge dichterischer Thätigkeit Anerkennung. Seit 1841 studierte G. in Königsberg die Rechte. Seiner lebhaften Beteiligung an der damaligen liberalen Bewegung Ostpreußens gab er in zwei Gedichtsammlungen, «Lieder der Gegenwarte (2. Aufl., Königsb. 1842) und Censurfluchtlinges (2. Aufl., Zür. u. Winterth. 1843), beide anonym erschienen, Ausdruck. ie jugendliche Frische, mit welcher der Modeton des polit. Liedes behandelt war, erwarb dem jungen Dichter rasch einen glänzenden Namen innerhalb der Partei. Ein studentisches Charivari mit polit. Färbung führte für ihn das consilium abeundi herbei, ein Jahr später Rach Verweisung von der Universität Bres⸗⸗ lau. Nach längerm Aufenthalte bei dem ihm befreundeten Grafen Reichenbach, während dessen er sein Drama «Robespierre vollendete, wurde ihm die Fortsetzung seiner Studien in Berlin gestattet; 1846 promovierte er in Königsberg als Doktor der Rechte. Sein Plan, sich zu habilitieren, scheiterte er Jahrecfris des Ministers Eichhorn, daß er binnen Jahresfrist Beweise veränderter Gesinnung beibringen sollte. Seitdem widmete sich G. gänzlich der Litteratur und Kunst, nebenbei in der königsberger städtischen Ressource polit. Vorträge haltend. Der dortige Theaterdirektor Woltersdorff übertrug ihm die dramaturgische Leitung seiner Bühne. In dieser Stellung schrieb er die mehrfach mit Beifall gegebenen Dramen «Die Blinde von Alcara und 4Lord Byronov; auf Baisons Veranlassung dramatisierte er aus der hamburgischen Geschichte Hieronymus Snitgerv. Von seinen Dramen «Die Marseillaisev und Ferdinand von Schillo wurde das letztere nach günstiger Aufnahme im Spätherbst 1850 von der Polizei in Berlin und Breslau von der Bühne verbannt. Andere dramatische Arbeiten G.s aus dieser Zeit sind Die Rose vom Kaukasus » und „Lambertine von Mericourtv. Letztere, seine bedeutendste Schöpfung aus jener Epoche, und „«Schillo erschienen gedruckt (Hamb. 1850 u. 1851), ebenso G.s «Gedichtev (Hamb. 1849). Mit «Die Göttino (Hamb. 1852; 2. Aufl., Bresl. 1876), einer poetisch kraftvollen und farbenreichen Episode aus der ersten franz. Revolution, schloß G. seine erste, mehr oder weniger von der Tendenz durchdrungene Sturm⸗ und Drangperiode ab. Den Weg einer objektiven Darstellungsweise, zum Teil mit anerkannten 3 (Perl. epischen Stils, betrat G. in Carlo Zeno» Berl. 1853; 3. Aufl., Bresl. 1876). Diesen beiden Werken gebührt einer der hervorragendsten Plätze unter den epischen Dichtungen der neuern deutschen Litteratur. G. nahm 1853 wiederum seinen Wohnsitz in Breslau, wo er seinen Studien und Arbeiten lebte. Letztere erstreckten sich auch auf Litteraturgeschichte und Poetik. Seine „«Deutsche Nationallitteratur in der ersten Hälfte des 19. Jahrh.» (2Bde., Bresl. 1853; 5. Aufl., 4 Bde., 1881) ergriff, namentlich gegenüber der einseitigen Auffassung Julian Schmidts, Partei zu Gunsten der jüngern Produktion und eines «modernen »,‚ in Form und Geist den Ideen des Jahrhunderts huldigenden litterarischen Prinzips, dessen ästhetische Berechtigung er nach allen Seiten in seiner „Poetik' (Bresl. 1858; 5. Aufl. 1882) durchzufhren suchte. In seinen Neuen Gedichten v (Bresl. 1858), denen man große Formvollendung nachrühmen muß; ist der Versuch bemerkenswert, die antiken Odenstrophen reimen. Gleichzeitig dichtete er mehrere Lustspiele und Trauerspiele, von denen einzelne über die meisten deutschen Bühnen gingen, andere nur in engern Kreisen Kritik und Publikum beschäftigten. Am meisten Glück machte das Lustspiel „Pitt und Foxo, welches, 1864 in das Repertoire der wiener Hofburg aufgenommen, zu den Lieblingsstücken der Wiener gehört. Mazeppav kam 1858 unter anderm am dresdener Hoftheater zur Aufführung. Von den Lustspielen sind noch zu erwähnen: „Die Diplomaten v, Die Welt des Schwindelso, «Der Vermittler v, «Der Vater auf Kündigungo, Der Spion von Rheinsbergo; von den Trauerspielen: «Der Nabobv, „König Karl XII.», „Katharina Howardo, «Herzog Bernhard von Weimary, «Arabella Stuarto, «Amy Robsarto; ein patriotisches Schauspiel ist das Drama «Auf roter Erde v. Vgl. die Sammlung seiner «Dramatischen Werke v (12 Bodchn., Lpz. 1865—80; 2. Aufl. 1884). G. verließ 1862 Breslau, um die Redaction der „Ostdeutschen Zeitung in Posen zu übernehmen, trat aber noch in demselben Jahre von dieser zurück. Nachdem er 1863 eine Reise nach Italien gemacht, die er in lebendigen Skizzen beschrieben (Reisebuch nach Italien v, Bresl. 1864), folgte er 1864 einem Rufe der Firma F. A. Brockhaus in Leipzig zur Übernahme der Redaction der (Blätter für litterarische Unterhaltungo und der Revue «Unsere Zeitv. Als eine weitere Frucht dieser journalistischen Thätigkeit können die Porträts und Studieno (6 Bde.; Bd. 1, 2, 5 u. 6: «Litterarische Charakterköpfe Bd. 3 u. 4: «Paris unter dem zweiten Kaiserreichv, Lpz. 1870—76) betrachtet werden, welche dem Verfasser einen Platz unter unsern ersten Essayisten einräumen. Als Lyriker eröffnete G. 1870 mit seinem in der «Kölnischen Zeitung abgedruckten Kriegslied den lyrischen Feldzug gegen Frankreich; er hat durch seine Kriegslieder, die fast in alle größern Sammlungen übergegangen sind, seinen Ruf als schwunghaft-feuriger und formbeherrschender Dichter bewährt. Seine frühern Lerzählenden Dichtungen» erschienen in einer Volksausgabe, welche „Carlo Zenov, Die Göttino und den farbenreichen Lotosblumenkranz „Maja v (Bresl. 1864; 2. Aufl. 1877) enthält. Eine satirisch-humoristische Dichtung ist König Pharaov. Neuerdings hat sich G. auch dem Roman zugewendet; sein erster geschichtlicher Roman: Im Banne des Schwarzen Adlerso (3. Aufl., 3 Bde., Bresl. 1876), wurde von der Kritik sehr günstig aufgenommen. Dasselbe gilt auch von den spätern Romanen «Welke Blättero (3 Bde., Bresl. 1877), «Das goldene Kalbo (3 Bde., Bresl. 1880), Die Erbschaft des Bluteso (3 Bde., Bresl. 1882), (Das Fräulein von Saint-Amaranthev (3 Bde., Berl. 1881) und 4 Die Papierprinzessino (3 Bde., Bresl. 1883). Im J. 1864 wurde er vom Großherzog von Weimar zum Hofrat, 1875 zum Geh. Hofrat ernannt, 1877 von dem Deutschen Kaiser in den erblichen Adelstand erhoben. G. ist ein reichbegabtes dichterisches Talent voll frischer Kraft und lebendiger Phantasie, Gedankenreichtum und vielseitiger Bildung. Seiner litterarhistor. und kritischen Thätigkeit verdankt die jüngere Litteratur doißts. fruchtbare Anregung. Vgl. Silberstein, Rudolf G. Studie zur Litteratur der Gegenwarto (Lpz. 1868).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 241Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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