FeedHanswurst
Literatur & SpracheBrockhaus 1882

Hanswurst ist die Benennung eines ehemals stehenden grotesk-komischen Charakters der deutschen Bühne. Es erscheint als eigentümlicher Zug, daß man in fast allen Ländern den Possenreißer im Drama nach dem Lieblingsgericht der niedern Volksklassen nannte. So gab es in Holland Pickelheringe, in Frankreich einen Jean Potage, in Italien Maccaroni, in England einen Jack Pudding, in Deutschland den Hans Wursty. Die älteste bekannte Erwähnung des H. kommt in der Form „Hans Worsto in einer niederdeutschen Übersetzung von Sebastian Brants Narrenschiff'‘ (Rostock 1519) vor; im Original steht dafür Hans Mistv. Luther braucht den Ausdruck H. erstmals in der Vermahnung an die Geistlichend (1530) und dann in der gegen den Herzog von Pder 9.v vom J. 1541. 8 gerichteten Schrift «Wider H.v vom J. 1541. Der H. blieb beutichen Volls ein Liebling des schaulustigen deutschen Volks und sprach anfangs wohl bloß aus dem Stegreif. Für die älteste Komödie, worin er vorkommt, gilt Peter Propsts Fastnachtsspiel „Vom kranken Bauer und einem Doktor » (1553; vgl. jedoch Fr. Schnorrs von Carolsfeld Vorbemerkung zu deren Wiederabdruck im «Archiv für Litteraturgeschichtev, Bd. 4). In Georg Rolls Komödie vom «Fall Adams» (1573) steht er und Hans Han neben Gott dem Vater und dem Sohne; in einem Stücke, Der verlorene Sohn », von 1692, prügelt er sich mit einem Heiligen und zwei Teufeln herum. Erst seit Anfang des 18. Jahrh. fanden sich Schauspieler, welche diesen Charakter, der bis dahin nur dem niedern Volksdrama angehört hatte, auch künstlerisch auszubilden beflissen waren. Unter großem Beifall stellte Jos. Ant. Stranizky (geb. zu Schweidnitz in Schlesien), der zu Wien 1708 als Nebenbuhler der ital. Komiker auftrat und ihre Buffonerien nationalisierte, den H. als das Zerrbild Harlekins unter der Tracht und dem Charakter eines einfältigpossierlichen salzburger Bauern dar. Über die Art seiner Darstellungen verbreitete er sich in seiner „Olla potrida des durchtriebenen Fuchsmundiv (Wien 1722). Nächst ihm war Gottfr. Prehauser aus Wien als Darsteller des H. berühmt, welcher 1720 zuerst die Pritsche nahm. Diese beiden besonders hatten den H. in Wien so populär gemacht, daß der Prinzipal Huber 1760 den Diener Mellefonts, Norton, in Lessings bürgerlichem Trauerspiel Miß Sara Sampson» in einen H. verwandelte. Unter den übrigen Schauspielern Deutschlands, die noch in dieser Rolle auftraten, zeichneten sich aus: Schönemann in Berlin, Bernardon (von Kurz) in Wien und — Schuch in Breslau. Als endlich das gelehrte Schauspiel die exrtemporüre Komödie zu verdrängen oder ihr wenigstens die Herrschaft streitig zu machen begann, wurde gegen den „der ohnehin immer mehr in Plumpheit und Gemeinheit ausgeartet war, von vielen Seiten ein ber letzt siegreicher Feldzug eröffnet. Den Hauptsieg u ihn errangen 1737 seine verbündeten Gegner Gottsched (s. d.) und die bekannte Schauspielerin Neuber (s. d.) in Leipzig. Auch Schönemann in Berlin, her selbst in der Rolle des H. berühmt, folgte em neuen Anstoße. V Wien wirkte im nämlichen Sinne Freiherr von Pendel, mehr noch Sonnenfels, welcher selbst den modifizierten H. des Stranizty von der Bühne vertrieb. Mit dem Namen verschwand jedoch nicht die Person, vielmehr tauchte H. als Kasperl, Larifari, Seppel, Lipperl, Thaddädl u. s. w. immer wieder auf. Seine zähe Lebenskraft bewährte sich noch in neuerer Zeit in Raimunds und andern wiener Zauberpossen, in denen stereope possierliche ½7 an den untergegangenen mahnen. Auch bei Raupach findet er sich in der Doppelgestalt des Schelle und Till. Als gelehrte Verteidiger des H. traten besonders Lessing und J. Möser auf, letzterer in seiner berühmten Schrift „Harlekin, oder Verteidigung des Grotesk-Komischen (1. Ausg. 1761), ersterer besonders im 18. Stück der KHamburger Dramaturgiey. Vgl. Cosack, „Materialien zur Hamburger Dramaturgies (Paderb. 1876).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 8, S. 834Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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