Majuskeln nennt man die großen Buchstaben; dieser Ausdruck umfaßt in gleicher Weise die Quadrat⸗ und Kapitalschrift (dem inschriftlichen Charakter nahestehend) und die durch ihre abgerundeten Formen ausgezeichnete Uncialchrift. Der Name M. fehlte im Altertum, weil die Sache fehlte, d. h. der Gegensatz zwischen großen und kleinen Buchstaben; alle waren ursprünglich gleich, erst später ragten einige nach oben und unten hervor. Auch die Initialen pflegten durch Größe und Farbe ausgezeichnet zu werden. Im Gegensatz zu dieser schwierigen und künstlichen Bücherschrift bildete :sich eine Schrift des täglichen Lebens, die Kursive. Bei der starken Umbildung der kursiven Buchstaben entwickelte sich allmählich der Gegensatz zwischen großen und kleinen Buchstaben. Erst überwogen noch die M. in der Kursive, später dagegen die Minuskeln; daher der Name Ma juskel⸗ und Minuskelkursive. Die verfallenen und aufgelösten Formen der letztern drohten immer unleserlicher zu werden. Da trat fast zu gleicher Zeit, um 800 n. Chr., bei den Byzantinern und im Abendlande eine Reform ein durch Einführung der Minuskel; die Schrift wurde nicht nur sorgfältiger ausgeführt, sondern auch strenger stilisiert und mit einzelnen uncialen Zusätzen versehen. Der Unterschied zwischen mittlern, hohen und tiefen Buchstaben wurde beibehalten. M. brauchte man in den Minuskelhandschriften nur um den Anfang größerer Abschnitte auszuzeichnen. In Urkunden des 13. Jahrh. finden sich die M. bereits ins Innere eingedrungen, wenn auch nur vereinzelt bei Eigennamen und dem Namen Gottes, bis sie seit dem 14. Jahrh. auch in den gewöhnlichen, nicht von Staatsschreibern geschriebenen Handschriften vorkommen. Noch in Handschriften und Drucken des 15. und 16. Jahrh. herrscht im Gebrauche der M. vollständige Regellosigkeit. In Luthers Zeit, wie z. B. in dessen Bibel von 1545, ist meist alles, was eine religiöse Beziehung hat, durch die M. ausgezeichnet. Im Anfang des 17. Jahrh. erscheinen in Deutschland alle Substantiva, ja selbst alle substantivisch gebrauchten Adjektiva, Zahlwörter und Zeitwörter mit großen Anfangsbuchstaben, doch ohne daß noch die Regel feststände. Namentlich mag Opitz für den weiter um sich greifenden Gebrauch derselben gewirkt haben. Schottel stellt als Regel auf, daß alle Eigennamen, Titel, Namen von Beamten, der Festtage u. s. w. groß geschrieben werden sollen. Im letzten Drittel des 17. Jahrh. ist der Gebrauch der M. bereits allgemein, wenn auch einzelne im 18. und 19. Jahrh. in ihren Werken dieselbe nur zu Anfang der Sütze und in Eigennamen duldeten. Seit Jalob Grimms Auftreten gegen die Anwendung der M. haben viele Germanisten, vereinzelt auch andere Gelehrte, dieselbe auf den Anfang der Sätze, die Eigennamen, Anreden und Titel beschränkt.