FeedMilitärbildungsanstalten
GeschichteBrockhaus 1882

Militärbildungsanstalten können entweder die Pflege der allgemein wissenschaftlichen Bildung (der sog. Schulbildung) oder diejenige der militärwissenschaftlichen und militärischen Bildung, unter Umständen auch in Verbindung mit der erstgenannten, zur Aufgabe haben. M. der erstern Art werden als militärische Vorschulen, der letztern als eigentliche Militärschulen bezeichnet. Das Programm der Militär-Vorschulen ist ein verschiedenes, je nachdem für die Zöglinge die Unteroffizier⸗ oder die Offizierlaufbahn ins Auge gefaßt ist. Im allgemeinen schließt es sich den Lehrplänen der konformen bürgerlichen Bildungsanstalten an. Dem Alter der Zöglinge entsprechend sind dieselben zugleich Erziehungsanstalten und haben diejenigen Aufgaben zu erfüllen, in welche sich im bürgerlichen Leben Schule und Familie teilen. Ihre Organisation ist eine militärische und legen dieselben der künftigen Bestimmung der Schüler entsprechend einen größern Wert auf die Ausbunrerh der körperlichen Fähigkeiten, als es auf den bürgerlichen Schulen der Fall ist. Durch die militärischen Vorschulen wird wenigstens ein Teil des Bedarfs an Chargen mit Sicherheit gedeckt und den verheirateten Offizieren und Unteroffizieren die Erziehung ihrer Söhne von einem gewissen Alter ab erleichtert; im Falle letztere mittellos verwaisen, können diese Schulen für dieselben als Versorgungsanstalten dienen. Zu den militärischen Vorschulen, welche die Bildung des Offiziers anstreben, gehören im Deutschen Reiche die Kadettenkorps von Preußen, Bayern und Königreich Sachsen (s. unter Kadett), in Ssterreich-Ungarn die Militärrealschulen (s. d.), in Rußland die Militärgymnasien (s. d.), welche neuerdings wieder Kadettenkorps genannt werden, in Frankreich das Prytanée militaire de la fleche zugleich Versorgungsanstalt für Söhne von Offizieren und Unteroffizieren), sowie die auch für bürgerliche Berufszweige bestimmte Polytechnische Schule zu Paris; in Italien die Militärkollegien zu Mailand, Florenz und Neapel. Die großen Schwierigkeiten, welche die Sicherstellung des Bedarfs an Unteroffizieren in den Heeren heute verursacht, haben Unteroffiziervorschulen ins Leben gerufen, wie im Deutschen Reiche diejenigen zu Weilburg und Annaburg und die Militärschule des potsdamer Militärwaisenhauses, in Frankreich die Schulen der Soldatenkinder, von welchen eine schon längere Zeit zu Rambouillet besteht, mehrere andere neuerdings errichtet wurden und noch in Aussicht stehen. Die eigentlichen Unteroffizierschulen im Deutschen Reiche zu Potsdam, Jülich, Biebrich, Weißenfels, Ettlingen, Marienwerder und zu Marienberg (Königreich Sachsen) bezwecken außer der Ergänzung der Schulbildung besonders die militär. Fachbildung ihrer Schüler. Sie zählen zu den niedern Militärschulen, ebenso die zur Heranbildung von Soldaten zu Unteroffizieren, sowie zur Fortbildung der letzütern lin einzelnen Armeen selbst von Heranbildung Unteroffizieren zu Offizieren) existierenden Truppenschulen, z. B. die Kapitulantenschulen im Deut-Reich, die Truppenschulen in Ssterreich-Ungarn, in Frankreich die Regimentsschulen und die Artillerieschulen der Artillerietruppenteile. Die höhern Militärschulen haben einen sehr verschiedenen Charakter, je nachdem sie für Aspiranten zur Offizierlaufbahn, oder für Offiziere selber bestimmt sind. Erstere werden als Militärschulen schlechtweg, oder als Kriegsschulen, Militärakademien, Militärkollegien bezeichnet, letztere sind entweder Militär-Hochschulen, Kriegsakademien u. s. w. mit dem Zweck höherer militär⸗ und allgemeinwissenschaftlicher Bildung, oder es sind Fachschulen für einzelne Waffengattungen, resp. Dienststellungen, wie die Kavallerie⸗, Artillerie⸗, Genie⸗, Generalstabsschulen. (S. unter Militärschulen.) Zu den M. im weitern Sin ne sind noch zu zählen die Anstalten zur Ausbildung von Lehrern einzelner Dienstzweige, wie Fecht⸗, Turn⸗, Reit- und Schießschulen. (Vgl. Militärgymnastik, Militärreitschule, Militärschießschule.) Eine besondere Art von M. sind die Feuerwerkerschulen, welche Artillerieunteroffiziere zu Feuerwerkern und Feuerwerksoffizieren heranbildet, wie im Deutschen Reich die Oberfeuerwerkerschule zu Berlin. Endlich werden hierher gerechnet: die militärärztlichen und militärtierärztlichen Bildungsanstalten (ogl. Militärmedizinalwesen und Militärveterinärwesen) und die Bildungsanstalten für Militärbeamte, wie die Verwaltungsschulen (Ssterreich⸗-Ungarn, Frankreich), Militär-Juristenakademien (Rußland), Militär-Topographenschulen (Rußland), Militär-Musikschulen (England).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 11, S. 719Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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