FeedSeelenwanderung
Sagen & MythenBrockhaus 1882

Seelenwanderung heißt die vermeintliche Wanderung der menschlichen Seele durch verschiedene tierische Körper. Der Grund für diese uralte Ansicht beruht auf dem religiösen Glauben an Wechselwirkung und Verwandtschaft aller lebendigen Wesen und an eine allmähliche Reinigung und Rückkehr der geistigen Individuen zu dem gemeinschaftlichen Urquell. Damit hängt auch der Glaube an ein Dasein der Seele vor der Geburt auf Erden (Präexistenz zusammen. Denn das irdische Leben ist nach dieser Ansicht nur ein Punkt in der Kette von Zuständen, welche die von Gott ausgegangene Seele zu durchlaufen hat, um endlich in seinen Schoß zurückzukommen. Die Brahmanenlehre der alten Indier und die Geheimlehre der ägypt. Priester stellt die Wanderungen der Seele nach dem Tode durch bösartige und gutartige Tiere als Büßungen und Mittel der Läuterung dar, womit auch die Schonung der Tiere bei den Indiern zusammenhängt. Wahrscheinlich von den Agyptern empfingen die Griechen den Glauben an die S., welche sie Metempsychosis, d. i. Seelenwechsel, und Metensomatosis, d. i. Körperwechsel, nannten. Als die ersten Männer, welche sie bei den Griechen annahmen, werden Pythagoras (s. d.) und sein angeblicher Lehrer Pherecydes namhaft gemacht. Empedokles nahm eine Wanderung der Seele selbst in Pflanzenkörpern an. Die griech. Mysterien kleideten die S. in Mythen ein, welche den Dionysos oder Bacchus als Herrn und Führer der Seelen darstellen, und auch hier war die Annahme einer Präexistenz merklich. Die griech. Dichter und Philosophen haben diese Mythen mannigfaltig ausgeprägt. Pindar, Orphischen Lehren sich anschließend, läßt die Seele nach einem dreimaligen tadellosen Lebenswandel in den Inseln der Seligen anlangen. Plato dehnt den Zeitraum bis zur völligen Rückkehr der Seelen in den Schoß der Gottheit auf 10000 Jahre aus, in denen sie Menschen-⸗ und Tierkörper zu durchwandern hätten. Er trägt dies auf mythische Weise vor; die Neuplatoniker aber scheinen es eigentlich genommen zu haben. Plotin unterscheidet eine Verpflanzung der Seelen aus unsichtbaren, ätherischen Körpern in irdische und eine Wanderung aus irdischen wieder in irdische. Aristoteles verwarf die S., weil sie voraussetzt, daß die Seele sich zu bestimmten Körpern gleichgültig verhalte. Unter den Römern haben Cicero und Virgil sich auf diese Lehre bezogen. Die Rabbinen malten die Lehre von der S. in einer ihnen eigenen Manier aus, indem sie annahmen, Gott habe nur eine bestimmte Anzahl Judenseelen geschaffen, die daher immer wiederkämen, solange es Juden gäbe, bisweilen auch zur Bußübung in Tierkörper versetzt, am Auferstehungstage aber alle geläutert sein und in den Leibern der Gerechten auf dem Boden des Gelobten Landes aufleben würden. Die christl. Sekte der Manichäer betrachtete die S. ebenfalls als Bußmittel; aber die christl. Kirche hat sie stets bestritten. Auch die alten Italiener, die kelt. Druiden, die Skythen und Hyperboreer hatten diesen Glauben, und die heidnischen Nationen des östl. Asien, die kaukas. Völkerschaften, wilde Amerikaner und afrik. Neger haben ihn noch, obschon mit mancherlei Anderungen. Eine Folge desselben war bei vielen Völkern die Verehrung gewisser Tiere und die Scheu vor dem Genusse ihres Fleisches.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 648Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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