FeedSelim III.
GeschichteBrockhaus 1882

Selim III., Sultan der Osmanen, geb. als Sohn Mustaphas III. 24. Dez. 1761, folgte 1789 dem Abd-ul-Hamid I., seines Vaters jüngerm Bruder, in der Regierung. Überzeugt, daß umfassende Reformen nötig seien, suchte er zunächst den verderblichen Krieg mit den beiden nordischen Kaiserhöfen, den S. als Verlassenschaft der Regierung seines Vorgängers überkommen hatte, zu Ende zu bringen, was auch hauptsächlich durch preuß. Vermittelung gegen Ssterreich ohne Schädigung der Pforteninteressen durch den Frieden von Sistowa 1791 und wenige Monate später gegen Rußland durch den Frieden von Jassy, allerdings hier durch Verzichtleistung auf die Krim und Abtretung des Kubangebietes, sowie des linken Ufers von Bug und Dnjestr, gelang. Durch den Einfall Bonapartes in Agypten wurde S. wider seine Neigung in das russ.⸗engl. Bündnis gegen Frankreich hineingezogen, welches Reich er als den eigentlichen Sitz der Weltcivilisation betrachtete und dessen Rat ihm, nachdem er 1802 Frieden geschlossen, sofort wieder maßgebend wurde. S. stellte an die Spitze eines neugebildeten Staatsrats den Minister des Äußern mit dem Titel Reis-Efendi, Regierungspräsident, als wichtigsten Beamten, gründete eine eigene Kriegskasse, legte eine Militärschule und Stückgießerei nach franz. Muster an und ließ die großartige Kaserne Selimijih auf dem anatolischen Ufer der Hauptstadt bauen. Im J. 1805 wurde die türk. Jugend in ein neues Heer berufen, welches nach den Regeln der europ. Taktik einexerziert werden und auch zur Aufrechterhaltung der Autorität des Sultans gegenüber den meuterischen Janitscharen dienen sollte. Angesichts abermaliger Verwickelungen mit Rußland, welche Ende 1806 zum Kriege führten, sowie des 1804 ausgebrochenen serb. Aufstandes überstürzte S. sein Werk, indem er für dieses Heer, welches den Namen Nizami Dschedid, neue Ordnung, führte, an die Stelle der ursprünglichen freien Werbung Zwangsaushebung treten ließ. Die in ihren Privilegien bedrohten Janitscharen und die Ulema schürten den Groll gegen den Neuerer; die Katastrophe wurde nur dadurch verzögert, daß England eine Flotte durch die Dardanellen bis angesichts Konstantinopels vordringen ließ, um S. mit Gewalt den Bahnen der engl.⸗russ. Politik zuzuführen. Am 29. Mai 1807 brach die Empörung aus und es gelang den Janitscharen, sich der Hauptstadt zu bemächtigen. Von allen Seiten umstellt, suchte S. sich umsonst durch Auflösung der Nizam den Thron zu retten. Ein Fetwa des Großmufti entkleidete ihn 31. Mai seiner Würde und berief seinen Vetter Mustapha IV., den ältesten Sohn Abd-ul-Hamids J., zur Regierung. Der Exsultan wurde in die Prinzenhaft gebracht, woselbst er sich mit seines Nachfolgers jüngerm Bruder, dem spätern Sultan Mahmud II., zusammenfand, den er in seine Reformideen eingeweiht haben soll. Als aber im folgenden Jahre ein begeisterter Anhänger S.s, Mustapha Bairaktar, sich für ihn erhob und von Rustschuk mit einer Armee nach der Hauptstadt vorgerückt war, ließ Mustapha IV. (8. Mai 1808) ihn erdrosseln. Bairaktar rächte seinen Tod, indem er nunmehr, ohne Fetwa, auch Mustapha IV. absetzte und Mahmud II. als Sultan proklamierte (Juli 1808).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 683Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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