Semitische Epigraphik (Inschriftenkunde), zu welcher in gewissem Sinne auch die längst gepflegte Münzenkunde (Numismatik) gerechnet werden kann, ist in neuerer Zeit zu einem wichtigen Zweig der semit. Philologie herangewachsen. Die sorgsame Durchforschung der alten Kulturstätten, beziehungsweise die Nachgrabung an den wieer eimeiches auch im Bereich der Semitenvölker ein reiches Material von Altertümern und Inschriften zu Tage gefördert, dessen Fülle mit jedem Jahr durch neue Funde sich mehrt. Nicht bloß von den durch ihre Litteraturen bekanntern Völkern (Juden, Samaritanern, besonders islamischen Arabern in allen Ländern ihres weiten Gebietes) kommen fortwährend neue inschriftliche Funde zu Tage, sondern auch bezüglich ihrer Sprache und Schrift bisher nicht näher bekannte Völker und Stämme sind vermittelst der Inschriften in den Bereich der sprachlichen Forschung getreten. Obenan steht hier die schon massenhaft angeschwollene babylonisch-assyrische Keilschriftlitteratur (s. Keilschrift); sehr zahlreich sind auch die gefundenen Inschriften der Phönizier aus fast allen Ländern des Mittelmeerbeckens (s. Phönizien), sowie die karthagischen (große Sammlung des E. de Sainte-Marie) und neupunischen; ferner die sabäischen oder himjarischen (s. Himjariten), die palmyrenischen (s. Palmyra), nabatäischen (s. Nabatäer) nicht bloß aus dem Hauran, Petra u. a. (M. de Vogüé, «Syrie centraley, Par. 1868 —77), sondern jetzt auch aus dem nördl. Arabien (Ch. Doughty, Ch. Huber; J. Euting, (Nabatäische Inschriften aus Arabieno, Berl. 1885). Dazu kommen viele aramäische Inschriften, auf Gewichten, Siegeln, Gemmen, Papyri in Assyrien und Agypten gefunden (vom 8. Jahrh. v. Chr. an), jetzt auch aus Teima in Arabien (Huber, Euting), die moabitische des Königs Mesa aus dem 9. Jahrh., die sinaitischen von Arabern (durch Beer und Tuch entziffert), die (von Wetzstein und de Vogüe veröffentlichten) Graffiti bei Harra, Safä im Hauran und die thamuditischen (Huber) in Arabien, beide mit eigentümlichen, der himjarischen verwandten Schriftarten (enträtselt von Halévy). Die hieroglyphenähnlichen Reliefinschriften von Hamath und Aleppo (vgl. Burton und Drake, «Unexplored Syrias, Lond. 1872), welche vielleicht auf die alten Cheta zurückgehen, sind noch immer ein ungelöstes Rätsel. Außer der Sprach-⸗ und Altertumskunde ist namentlich die Geschichte der semit. Schrift durch diese Urkunden sehr bedeutend gefördert worden. Abgesehen von der Keilschriftforschung haben sich um die Bearbeitung dieses inschriftlichen Materials (nach Gesenius, Tuch, Ewald, Rödiger) verdient gemacht unter den Deutschen besonders M. A. Levy, Prätorius, D. Müller, Nöldeke, Sachau, Euting, in Frankreich der Due de Luynes und der Comte M. de Vogüse, Renan, J. Derenbourg, Berger, Haleoy, in England W. Wright. Ein «Corpus Inscriptionum Semiticarumv hat die pariser Académie des Inscriptions herauszugeben angefangen (Bd. 1, Heft 1 u. 2, Par. 1881—83).