FeedSimson (Martin Eduard)
Recht & StaatBrockhaus 1882

Simson (Martin Eduard), Präsident des Reichsgerichts und langjähriger Präsident des preuß. Abgeordnetenhauses, sowie des Norddeutschen und des Deutschen Reichstags, namhafter Politiker, geb. 10. Nov. 1810 zu Königsberg i. Pr., widmete sich seit Ostern 1826 auf der Universität seiner Vaterstadt dem Studium der Staats⸗ und Rechtswissenschaft. Im J. 1829 erhielt er die jurist. Doktorwürde und die Venia legendi und besuchte sodann zu weiterer Vorbereitung auf das akademische Lehramt die Universitäten zu Berlin und Bonn. S. begann 1831 in Königsberg seine Vorträge über röm. Recht, erhielt w1833 daselbst eine außerord. Professur, wurde 1834 zum Mitgliede des Tribunals für das Königreich Preußen berufen, 1836 zum ord. Professor der Rechte, 1846 zum Rat am genannten Tribunal ernannt und machte sich 1847 auf einer Reise nach England mit den dortigen Rechts-und Verfassungszuständen bekannt. Im Frühjahr 1848 wurde S. von seiner Vaterstadt in die Deutsche Nationalversammlung nach Frankfurt a. M. gewählt. Hiermit in das parlamentarische Wirken eintretend, fungierte er bei der ersten Konstituierung der Nationalversammlung anfangs als Sekretär, seit Okt. 1848 als Vizepräsident, und zeichnete sich durch parlamentarische Begabung wie Schärfe und Sicherheit der Geschäftsleitung so aus, daß er im Nov. 1848 als Reichskommissar zur Vermittelung in den preuß. Verfassungswirren nach Berlin gesandt und nach Gagerns Eintritt ins Reichsministerium im Dez. 1848 zum Präsidenten der Nationalversammlung erwählt wurde. Im April 1849 stand S. an der Spitze der Deputation, welche dem König von Preußen seine Erwählung zum Deutschen Kaiser überbrachte. Nachdem er infolge des Scheiterns dieser Sendung die Fortführung des Präsidiums abgelehnt hatte, trat er im Aug. 1849 als Abgeordneter für Königsberg in die preuß. Zweite Kammer. Auf dem Reichstage zu Erfurt führte S. das Präsidium des Volkshauses. Seit 1852 widmete sich S. sechs Jahre nur seinen richterlichen und akademischen Obliegenheiten; erst 1858 wendete er sich wieder dem polit. Leben zu, fortan an demselben stets einen hervorragenden Anteil nehmend. Im J. 1860, wo seine Ernennung zum Vizepräsidenten des Appellationsgerichts in Frankfurt a. O. erfolgte, und 1861 führte S. das Präsidium im Abgeordnetenhause, sowie 1867 das im konstituierenden Reichstage des Norddeutschen Bundes, ebenso auch das des ersten verfassungsmäßigen Norddeutschen Reichstags während der sechs Sessionen von 1867, 1868, 1869 und 1870 und während der sämtlichen Sessionen des Zollparlaments von 1868, 1869 und 1870, endlich das des Deutschen Reichstags 1871, 1872 und 1873. Am 3. Okt. 1867 überbrachte S. dem König Wilhelm von Preußen die Adresse des ersten verfassungsmäßigen Reichstags des Norddeutschen Bundes nach der Burg Hohenzollern, 18. Dez. 1870 an der Spitze einer Deputation nach Versailles die Adresse des Norddeutschen Reichstags vom 10. Dez., durch welche der König gebeten wurde, die ihm von den Fürsten angetragene deutsche Kaiserwürde anzunehmen. Im Winter 1874 wurde er abermals in den Reichstag gewählt, erkrankte aber vor dem Zusammentreten desselben und mußte deshalb ablehnen, wiederum das Präsidium zu führen. Später hat er auch die Annahme einer fernern Wahl zum Reichstagsmitgliede abgelehnt und sich dann lediglich den Aufgaben seines Amts gewidmet; seit April 1869 war er erster Präsident des Appellationsgerichts in Frankfurt a. O., seit 1873 Ehrenbürger der genannten Stadt. Seit dem 1. Okt. 1879 ist S. Präsident des Reichserichts und des kaiserl. Disciplinarhofs zu eipzig; seit seinem 50jährigen Dienstjubiläum (22. Mai 1883) Ehrenbürger der Städte Leipzig und Königsberg i. Pr. Sein Sohn, Bernhard Eduard S., geb. 19. Febr. 1840, seit 1877 ord. Professor der Geschichte in Freiburg, hat sich durch die histor. Quellenarbeiten: Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Ludwig dem Frommen» (2 Bde., Lpz. 1874 —76), „Jahrbücher des Fränkischen Reichs unter Karl d. Gr.v (Lpz. 1883) und die Herausgabe des Band 2 der Urkunden und Aktenstücke zur Geschichte des Kurfürsten Friedrich Wilhelm von Brandenburg v (Berl. 1865), sowie durch eine Anzahl kleinerer histor. Monographien bekannt gemacht.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 14, S. 835Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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