FeedStätten
ReligionBrockhaus 1882

Stätten, Heilige (luoghi santi), nennt die kath. Kirche im allgemeinen die durch die Anfänge des christl. Glaubens verherrlichten Ortlichkeiten. In engerm Sinne führt diesen Namen eine Anzahl in Palästina in und um Jerusalem, in Bethlehem, Nazareth u. s. w. belegener, zu Sanctuarien der christl. Religion eingerichteter Stellen, welche die Kirchentradition mit der Geburt, Erziehung, Lehrthätigkeit, Passion, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi in Verbindung bringt, und unter denen die Kirche des Heiligen Grabes (s. d.) zu Jerusalem die vornehmste ist. Die Heiligen S. bilden ein Kondominium, an welchem unter türk. Landeshoheit sechs verschiedene Kirchengenossenschaften, nämlich die röm. Katholiken oder Lateiner, die Griechen, die Armenier, die Jakobitischen Syrier (Syrianer), die Kopten und die Abessinier, Anteil haben. Der Ursprung dieses Condominiums läßt sich in der Geschichte weit zurück verfolgen; schon vor den Kreuzzügen war von der jakobitischen Stadtgemeinde Jerusalems der orthodorxen griech. Konfession ein Altar mit Ikonostas eingeräumt worden. Während des fränk. Königtums hatten neben den Katholiken die Jakobiten und die Griechen, in spätern Jahrhunderten auch die Nestorianer und andere nicht mehr in Palästina vertretene Sekten ihren Anteil, bis sich allmählich im Laufe der Zeit das gegenwürtige Verhältnis herausgebildet hat. Der übertriebene Wert, den die sämtlichen Teilnehmer auf ihren Mitbesitz an den Heiliagen S. legen, hat oft Streitigkeiten über ihre Besitzrechte hervorgerufen. Aus solchen Streitigkeiten entstand die Heilige-Stätten-Frage (que-tion des lieux saints), welche in der Diplomatie wiederholt ihre Rolle gespielt und namentlich in den J. 1851—53 den äußern Anlaß zu den Zerwürfnissen abgab, in deren Gefolge 1854 der Orientkrieg ausbrach. Die kath. Kirche genießt in Beziehung auf ihre Rechte an den Heiligen S. des diplomatischen Schutzes Frankreichs auf Grund alter, zwischen dieser Großmacht und der Pforte abgeschlossener Kapitulationen, die übrigen fünf beteiligten Konfessionen werden von der Pforte vertreten. Anschaulich geschildert sind die Heiligen S. in dem verdienstlichen Werke von F. A. und O. Strauß: „Die Länder und Stätten der Heiligen Schrift; (2. Aufl., Lpz. 1877).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 167Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Religion 6