Stoizismus oder Stoische Philosophie heißt die Lehre derjenigen Schule der nacharistoelischen Philosophie, die, von Zeno durch seine Vorräge in der Stoa (s. d.) etwas vor 300 v. Chr. bezründet, sich mit dem Epikureismus in die Herrchaft über die allgemeine Bildung der griech.⸗röm. Hesellschaft teilte. Der Gründer der Schule, seinereits ein Schüler teils des cynischen Philosophen rates und des Megarikers Stilpo, teils der Blatonischen Akademie und ihres Schulhauptes Polemo, und sein erster Nachfolger Kleanthes aus Assus in Troas, von welchem noch ein Hymnus auf den Zeus erhalten ist, scheinen, soweit sich bei der Mangelhaftigkeit der Quellen übersehen läßt, bereits alle Grundzüge des S. entworfen zu haben; zu einer systematischen Entwickelung und Durchführung gedieh diese Lehre jedoch erst durch Chrysippus. Unter den weitern Vertretern sind Boethus, Sphärus vom Bosporus, Zeno von Tarsus, Diogenes der Babylonier, Antipater von Tarsus, besonders aber Panätius von Rhodus zu nennen, welcher durch den Einfluß, den er auf bedeutende röm. Staatsmänner, wie Scipio Africanus, Lälius, O. Mucius Scävola u. a. gewann, den S. in Rom heimisch machte. Später hielt Posidonius aus Apamea in Rhodus eine Schule der stoischen Philosophie, in welcher sich 3. B. auch Cicero bildete. In der Kaiserzeit sind Lucius Annäus Seneca, Epiktet aus Hierapolis und der Kaiser Mare Aurel die bedeutendsten Schriftsteller dieser Schule. Den Stoikern ist die Philosophie nicht sowohl eine um ihrer selbst willen betriebene Wissenschaft, als vielmehr die Grundlage für ein weises, vernünftiges und tugendhaftes Leben. Wenn sie daher die Platonische Einteilung der Philosophie in Logik, Physik und Ethik acceptierten, so geschah es nur, um die beiden erstern Teile als die notwendige Vorbereitung für die Ethik zu behandeln. Doch haben sie namentlich auch in der Logik Wichtiges geleistet. Sie versuchten die Aristotelische Kategorienlehre umzugestalten, arbeiteten das Schema der hypothetischen und der disjunktiven Schlüsse selbständig aus und beschäftigten sich sehr eingehend mit erkenntnistheoretischen Untersuchungen. In diesen vertraten sie im Gegensatz zu Plato und Aristoteles den Standpunkt des Sensualismus (. d.), indem sie das Kriterium der Wahrheit in der unmittelbaren Gewißheit der sinnlichen Erfahrung und der bei der Wahrnehmung sofort eintretenden 1. Das Obrert des Geistes zu den, wie sie meinten, das Objekt direkt erfassenden Vorstellungen fanden. Dieser Sensualismus zeigt sich im S. auf das innigste mit einer materialistischen Weltanschauung verknüpft. In lebhafter Polemik gegen die Erkenntnis der geistigen Welt, welche Plato angebahnt hatte, behaupteten die Stoiker, alles Existierende sei körperlicher Natur und kehrten damit zu den hylozoistischen Vorstellungen der vorsokratischen Philosophen (s. Hyle) zurück, unter denen sie sich besonders an Heraklit anschlossen. Dabei benutzten sie den Aristotelischen Gegensatz des Thätigen und Leidenden, und bildeten denselben zu demjenigen von Kraft und Stoff aus, indem sie jedoch auch die Kraft als einen feinen, bewegungsvollen Körper auffaßten. Wie nun Anaxagoras auf Grund einer Betrachtung der Zweckmäßigkeit und Schönheit der Weltbewegung die Vernunft (s6) als das feinste aller übrigen bewegenden Clemente bezeichnet hatte, so lehrten auch die Stoiker, daß das gesamte Leben des Universums von einer göttlichen Vernunft, dem Logos, geleitet werde. Die Gottheit gilt ihnen daher als die allwaltende Weltseele, als die (Bernunft in der Materies, und deshalb, weil sie nicht unvollkommener sein kann, als ihre einzelnen Gestaltungen, für bewußt; zugleich aber doch eben körperlich als ein feuriger ätherischer Seelenstoff (op, uebun oder Aidne). Wie nun der menschliche Leib ein Teil des Weltalls, so ist die menschliche Seele ein Teil jener göttlichen Weltseele: aber deren lebendige Elemente sind als asamenartige Vernunfte überall durch das Universum verstreut, und ihrer Thätigkeit verdankt dasselbe seine harmonische Schönheit. Sie ist aber zugleich das bindende Gesetz, welches alle Dinge und alles Geschehen mit strikter Notwendigkeit ordnet und leitet, oder wie die Stoiker es nannten, das Schicksal (sSuνοπμε , fatum). Dieses Weltgesetz betrachtete der S. außerdem im Anschluß an Heraklit als ein Gesetz der Weltentstehung und Weltverbrennung, wonach in unendlicher Wiederholung stets dieselbe Welt in dem notwendigen Abfluß ihrer Entwickelungen sich erzeugt und wieder zerstört, und da als der Grund dieser Weltgesetzlichkeit die bewußte Weltseele, die Gottheit, betrachtet wurde, so galt dem S. dieselbe nicht als blindes Geschick, sondern zugleich als Vorsehung. Auf diesem Begriff der göttlichen Weltgesetzgebung beruhte nun auch die stoische Ethik, welche eben dadurch zu einer Vorbereitung für das Christentum wurde. Anfangs namentlich vertieften die Stoiker die cynische Tugendformel, aman müsse der Natur gemäß leben v, zu dem sittlichen Grundgedanken des Gehorsams gegen das Weltgesetz: und da sie im sokratischen Geiste diesen Gehorsam als die Frucht der Erkenntnis betrachteten, so betrachteten sie die Ausbildung der Vernunft als die Hauptaufgabe des Menschen. Indessen faßten sie dieselbe nicht theoretisch im Sinne Platos, sondern vielmehr ausdrücklich praktisch als die vernünftige Selbstbestimmung (Pesvnorc) auf, in der alle andern Tugenden wurzeln sollten. Ja, diese einheitliche Selbstbestimmung galt ihnen für so wesentlich, daß sie meinten, nur in einem völlig von derselben beherrschten Leben gebe es Tugend und Glückseligkeit, und somit die Tugend für unteilbar erklärten. Auf diese Weise nahm aber ihre ethische Anschauung allmählich den Charakter abstrakter Vernünftigkeit an, die innere Sicherheit und Festigkeit der Seele galt ihnen über alles, und jene Formel, man müsse mit der Natur übereinstimmend leben, verwandelte sich in die andere, man müsse mit sich selbst übereinstimmend, d. h. konsequent nach vernünftigen Grundsätzen leben. So wurde der S. eine Schule des Charakters, aus welcher namentlich zu den Zeiten, als die röm. Republik in der Auflösung begriffen war, die ernstesten, festesten Charaktere und die entschlossensten Staatsmänner hervorgingen. In dieser Richtung sind namentlich der jüngere Cato und M. Brutus zum Typus des S. geworden. Allein diese Schule des Charakters war zugleich eine solche der abstrakten Beschränktheit, und der S. erlag sehr oft der Gefahr, in Prinzipienreiterei auszuarten. Weiterhin führte diese Anschauung zu einem schroffen Tugendstolz. Die Stoiker gesielen sich darin, das Idealbild des Weisen, wie sie es sich gezeichnet hatten, mit den überschwenglichsten Ausdrücken zu preisen, namentlich aber die Ansicht zu vertreten, daß die Menschen entweder diesem Ideal entsprächen, oder aber ganz schlecht und sittlich wertlos seien. Erst später beguemten sie sich zur Anerkennung der Zwischenstufen und gaben zu, daß der wirkliche Mensch jenem Ideal immer nur sich mehr oder minder glücklich annähern könne. Im besondern bezeugte der S. die Tiefe seines sittlichen Bestrebens durch die Unterscheidung zwischen der tugendhaften Gesinnung und der nur äußerlich legalen Handlungsweise. Es hing jedoch mit der Abstraktheit ihres sittlichen Prinzips zusammen, daß sie auf eine Durcharbeitung der realen Lebensverhältnisse mit dem ethischen Prinzip, wie sie Aristoteles angebahnt hatte, verzichteten und alles dasjenige, was nicht ausdrücklich tugendhaft oder böse ist, für gleichgültig erklärten. Zwar versuchten sie auch in diesem Gleichgültigen den Gegensatz des zu billigenden und zu mißbilligenden aufrecht zu erhalten. Zu dem erstern rechneten sie hauptsächlich die Wirkungen der natürlichen Triebe des Menschen, aus denen sie ein System der Affekte und Leidenschaften entwickelten. Doch hielten sie daran fest, daß der Weise als Mensch gegen diese Seelenzustände zwar nicht unempfindlich sei, aber in seiner Tugend sich über sie der sittlichen Vernunft von den natürlichen Trieben und Gefühlen, dies Ideal der Leidenschaftslosigkeit und Unempfindlichkeit ist diejenige Seite der stoischen Ethik, welche der populären Anwendung des Wortes S. den Stempel aufgeprägt hat. Hervorzuheben ist endlich, daß der S. die kosmopolitische Tendenz der cynischen Ethik zur lebhaften Entwickelung gebracht hat. Bei den Griechen eine Hobe Vaterlandslosigkeit, bei den Römern ein stolzes Bewußtsein der Universalherrschaft, fand der Kosmopolitismus hier eine philos. Veredlung, indem er sich auf den Begriff des Menschentums stützte. Dem stoischen Weisen ist die vernünftige Gotteswelt das Vaterland aller Menschen. «Es ist o, sagt Epiktet, anicht jemand Athener oder Korinther, sondern Sohn Gottes. v In der Politik verfolgten daher die Stoiker den Gesichtspunkt, die nationalen Schranken niederzureißen, die historisch gewordenen Verhältnisse für mehr oder minder lichen Ge zu halten und die Ordnung der menschichen Gesellschaft nach den Prinzipien der Vernunft und des von der Natur allen gleich gegebenen Rechts zu vollziehen. So bereiteten sie den Standpunkt des Naturrechtso vor, und diese ihre überzeugungen haben später die philos. Grundlage der röm. .. gebildet. Vgl. außer den ältern Werken von Lipsius (Antw. 1606) und Scioppius (Mainz 1606): Tiedemann, „System der stoischen Philosophiev (3 Bde., Lpz. 1776); L. Noack, «Aus der Stoa zum hen Schuler ein Blick auf den Weltlauf der Stoischen Schuler (in Psychev, Bd. 5, 1862); Ravaisson, Essai sur le Stoicismes (Par. 1856); Weygoldt, Die Philosophie der Stoaz (Lpz. 1883); Ogereau, Essai sur le système philosophique des Stoiciense (Par. 1885), besonders aber den betreffenden Abschnitt in Zeller, Die Philosophie der Griechen (2. Aufl., Bd. 3, Lpz. 1865).