FeedTilly (Joh. Tserclaes, Graf von)
GeschichteBrockhaus 1882

Tilly (Joh. Tserclaes, Graf von), berühmter Feldherr, geb. im Febr. 1559 auf dem Schloß der Herrschaft Tilly, 15 Kmevon Gemblour im jetzigen Königreich Belgien, war als jüngerer Sohn ursprünglich zum geistlichen Stande bestimmt und wurde von den Jesuiten erzogen. Doch überwog! bei ihm die Lust zum Kriegshandwerk, und er trat anfangs in span., 1598 in kaiserl., zuletzt in bayr. Dienste. T. hatte sich unter Alessandro Farnese in den Niederlanden militärisch ausgebildet, diente 1600—2 als Oberstlieutenant unter dem Herzog Philipp Emanuel von Lothringen in Ungarn gegen die Türken und stieg dann bis zum Range eines kaiserl. Generalmajors auf. Im Mai 1610 ernannte Herzog Maximilian I. von Bayern T. zum bayr. Generalfeldmarschall, und er reorganisierte nunmehr das ganz in Verfall geratene bayr. Heerwesen. Bald nach dem Anfang des Dreißigjährigen dete 1621 die Unterwerfung Böhmens. Nach harten Kämpfen mit Markgraf Georg Friedrich von Baden-Durlach und Herzog Christian von Braunschweig eroberte er 1622 die Pfalz, worauf ihn Kaiser Ferdinand II. 3. Sept. 1622 in den Reichsgrafenstand erhob. Auch in Norddeutschland verschaffte T. der kath. Sache das Übergewicht, indem er Christian von Braunschweig bei Stadtlohn (Westfalen) 6. Aug. 1623 und den dän. König Christian IV. bei Lutter am Barenberge (Braunschweig) 27. Aug. 1626 besiegte. Im Aug. 1627 überschritt er die Elbe und drang mit Wallenstein in Schleswig-Holstein ein, wo er vor Pinneberg im Sept. 1627 durch einen Schuß am Knie verwundet wurde und deshalb Wallenstein die weitere Eroberung der Cimbrischen Halbinsel überlassen mußte. Dagegen versagte er demselben seine Unterstützung 1628 bei der Belagerung von Stralsund. Als auf dem regensburger Kurfürstentage Wallenstein den Oberbefehl über die kaiserl. Truppen verloren hatte, wurde T. im Nov. 1630 auch zum kaiserl. Generalissimus ernannt. Seine bedeutendste Unternehmung in dieser Zeit war die Erstürmung Magdeburgs (s. d.) 10./0. Mai 1631. Neuere Forschungen haben T. von der Verantwortung für die hierbei vorgekommenen Gewaltthaten entlastet. (Vgl. Wittich, »Magdeburg, Gustav Adolf und T.», Berl. 1874.) Seitdem verließ ihn das Kriegsglück. Gustav Adolf von Schweden drang in Sachsen vor und schlug T. bei Breitenfeld unweit Leipzig 7./17. Sept. 1631, sodaß er selbst, dreimal verwundet, nur mit Mühe nach Halle entkam. Nachdem T. sein Heer reorganisiert und die Schweden im März 1632 aus Bamberg vertrieben, ward er vom Kurfürsten Maximilian J. zum Schutz seiner Erblande berufen und bezog ein verschanztes Lager bei Rain, um die Schweden vom Übergange über den Lech abzuhalten. Aber Gustav Adolf überschritt den Strom; dabei entstand eine heftige Kanonade 5./15. April, in der eine Kugel T. den Schenkel zerschmetterte. Er starb zu Ingolstadt 20./30. April 1632 und ward zu Alten-Otting begraben. In der Feldherrnhalle zu München wurde sein Standbild durch König Ludwig J. von Bayern errichtet. T., der Sieger in 36 Schlachten, ein trefslicher Soldat und ein Politiker von großem Scharfblick, war mittelgroß und hager. Sein Gesicht hatte scharfe, eckige Züge, eine große Nase, und große, unter buschigen grauen Wimpern hervorblickende Augen. Überaus nüchtern und enthaltsam, vermied er jeden Aufwand und gab nichts auf äußere Ehrenbezeigungen. Er wies sogar den Reichsfürstentitel und die Belehnung mit dem Fürstentum Kalenberg uneigennützig zurück. Ein eifriger Anhänger der kath. Kirche, vergaß er nie, täglich die Messe zu besuchen und die vorgeschriebenen Gebete zu sprechen. Da T. unverheiratet blieb, so beerbte ihn sein Brudersohn, Werner Tserclaes, Graf von T. Derselbe stand in österreich. Militärdienst. Der letzte männliche Verwandte des Feldherrn war Claude, Graf von T. Er trat in holländ. Dienste, wurde Gouverneur von Namur und starb 10. April 1723. Die Mo1792 in Leipzig.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 15, S. 698Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

Auf derselben Druckseite 4

Ähnliche Artikel 6

Mehr aus Geschichte 6