Tragödie (Trauerspiel, gich. rearoöla, wörtlich Bocksgesang, von reνoe, Bock, und 6r, Gesang). Bei dem Festopfer eines Bocks, als des Verwüsters des Weinstocks, wurden im alten Griechenland Klagegesänge auf die Leiden des Dionysos oder Bacchus gesungen, welche Chorgesänge allmählich in dramatische Form übergingen. Thespis (s. d.) wird als Erfinder der T. bezeichnet, indem man ihm den Ruhm beilegt, den Chorführer zum Darsteller des Gottes oder Helden gemacht und dadurch den Dithyrambus zum Drama umgebildet zu haben. Seitdem aber hat der Begriff des Traischen und der Begriff der T., als der höchsten Unstlerischen Entfaltung des Tragischen, eine unendlich vertieftere Bedeutung gewonnen. Die T. ist nach wie vor Leidensgeschichte, aber Darstellung des Leidens, wie es dem Menschen aus seiner Stellung zur Gesamtheit, aus seinem Verhältnis zur allgemein sittlichen Weltordnung entspringt. Der einzelne Mensch, mag er noch so wesentliche und in sich berechtigte Zwecke verfolgen, verfällt nichtsdestoweniger in sittliche Schuld, wenn er seine Zwecke und Absichten selbstsüchtig von den ebenso berechtigten Zwecken und Rechten der allgemeinen Weltverhältnisse losreißen und seinen Sonderwillen auf Kosten des Ganzen durchsetzen will. Nun machen diese Weltverhältnisse gegen die Eigensüchtigkeit des kämpfenden Helden ebenfalls ihre Rechte und Zwecke geltend. So entbrennt der heftigste Streit und Widerstreit, der sog. tragische Konflikt. Das Ganze ist mächtiger als selbst der mächtigste Einzelne. Der Einzelne, der tragische Held, unterliegt daher, und sein Untergang ist die Büßung seiner Schuld, die Wiederherstellung der durch ihn verletzten allgemeinen Vernunft und Ordnung. In Trauer und Mitleid mischt sich so ein Gefühl der Erhebung und Freude. Denn die T., als die Darstellung des Kampfes zwischen dem Einzelnen und dem Allgemeinen oder, wie man sich ausdrücken lann, zwischen der Freiheit und Notwendigkeit, ist immer zugleich eine Verherrlichung der sittlichen Vernunnt, ein Sieg dieser Vernunft gegen titanischen Übermut und eigensüchtige Selbstüberhebung. Aristoteles setzt daher in seiner Poetiko den Zweck der T. in die Reinigung von Leidenschaften, und denselben Gedanken spricht Schiller aus, wenn er sagt, daß das Schicksal den Menschen erhebe, indem es ihn zermalme. Jedoch ist die Art, wie dieser Kampf zwischen dem Einzelnen und dem Weltganzen dargestellt wird, bei den Alten und bei den Neuern verschieden. Die Alten stellen die Idee der herrschenden Weltordnung voran, der Einzelne ist ihr unterworfen, sie ist sein Schicksal oder Verhängnis, das er verwirklicht auch wo er es meiden möchte; bei den Neuern ist das Gemüt, der Charakter des Menschen das Erste und bereitet sich sein Schicksal durch seine Thaten. Die moderne Tragödie ist daher im Gegensatz zu der antiken Schicksalstragödie wesentlich Charaktertragödie, und die Schuld des tragischen Helden liegt hier einzig in der Sophistik des eigenen Herzens; jeder muß verantwortlich einstehen für das, was er thut. Der Schöpfer dieser modernen Charaktertragödie ist Shakespeare. Auch Goethe und Schiller wandeln diesen Weg. Es war eine der größten Verirrungen, als in neuerer Zeit wieder vereinzelte Dichter, wie Müllner und Houwald, nach einem dem Menschen äußerlich verhängten Schicksal zurückgriffen. Mit dem Begriff der T. häugen die Gesetze ihrer Komposition aufs engste zusammen. Aristoteles sagt, eine T. muß Anfang, Mitte und Ende haben, d. h. die T. zerfällt wesentlich in drei Teile. Der erste Teil zeigt die Verstrickung des Helden in Schuld; der zweite Teil ist das Hereinbrechen der gegenwirkenden rächenden Mächte, der Wendepunkt, wo die Schürzung aufhört und die Lösung beginnt; der dritte Teil ist der Untergang des Helden, der Sieg der Idee, die Katastrophe. Daher sind auch drei Akte eine sehr naturgemäße Einteilung, die besonders bei den Spaniern beliebt ist. Wenn die Engländer, Franzosen und Deutschen die Einteilung in fünf Akte vorziehen, so ist dies nicht eine Verneinung dieses Grundgesetzes, sondern nur eine Erweiterung; die Mitte zwischen der Exposition und dem Schluß selbst ist dreifach ½ Die Unterscheidung der T. je nach der Natur des Stoffs in die historische und bürgerliche T. ist künstlerisch gleichgültig, aber als eine Unterscheidung des künstlerischen Stils von Bedeutung. Große histor. Stoffe streben naturgemäß nach hoheitsvoll idealisierender, bürgerliche Stoffe nach mehr realistischer Haltung. (S. Drama.)