Ulrich von Lichtenstein, ein mittelhochdeutscher Dichter, aus ritterlichem steiermärk. Geschlecht, geb. um 1199, diente seit 1215 verschiedenen adeligen Herren und Damen, empfing 1222 zu Wien den Ritterschlag und starb 26. Jan. 1275 oder 1276. In seinem Frauendiensto, welchen zuerst L. Tieck teils in Bearbeitung, teils in li bersetzung (Stuttg. u. Tüb. 1812) bekannt machte, gibt er eine Darstellung seines Lebens von 1211—55, in Strophen abgefaßt, die aus vier Reimpaaren bestehen. Dabei hat er seine Lieder, seinen Leich (s. d.) und mehrere Büchleino oder Liebesbriefe eingeflochten. Das Gedicht ist eine poetisch wenig, aber für die Sittengeschichte seiner Zeit höchst wertvolle Arbeit. Außer diesem hat man noch von ihm ein kürzeres, in kurzen Reimpaaren 1257 verfaßtes Gedicht, von ihm selbst Frauenbucho genannt, das in der Weise eines Gesprächs die unter Männern und Frauen eingerissene Sittenverderbnis beklagt und, wie jenes, wichtig ist für die Kenntnis des höfischen und ritterlichen Lebens jener Zeit. Beide sind am besten herausgegeben von Lachmann, mit histor. Anmerkungen von Karajan (Berl. 1844). Vgl. Knorr, liber U. von Lichtenstein. Histor. und litterar. Untersuchungeno (Straßb. 1875). „Ulrici (Herm.), theistischer Philosoph und Asthetiker, geb. 23. März 1806 zu Pförten in der Niederlausitz, studierte zu Halle und Berlin die Rechtswissenschaft, gab jedoch bald die jurist. Laufbahn auf und wandte sich dem Studium der Geschichte, der Poesie und Philosophie zu. Als erste Frucht davon erschien die Charakteristik der alten Historiographier (Berl. 1833). Im J. 1833 habilitierte er sich zu Berlin, worauf er 1834 als außerord. Professor an die Universität zu Halle berufen wurde der er seitdem angehörte. Seiner „Geschichte der hellenischen Dichtkunsto (2 Bde., Berl. 1835) folgte das Werk eüber Shakespeares dramatische Kunsto Halle 1830; 3. Aufl., 3 Tle., Lpz. 1868), eine in ihrer Totalität vortreffliche Darstellung des großen Dichters. Als Philosoph fuchte U., vom Prinzip der logischen (innern-apriorischen) und der thatkeit als Grundlage aller Gewißheit und Evidenz ausgehend, Idealismus und Realismus zu vermitteln, und belämpfte von diesem Standpunkte aus in der Schrift «lüber Prinzip und Methode der Hegelschen Philosophies (Halle 1841), sodann im „Grundprinzip der Philosophiev (2 Bde., Lpz. 1845 46) und im «System der Logike (Lpz. 1852 die idealistische Spekulation Hegels und seiner Schule. Eleonore (Königin von Schweden) Das letztgenannte Werk arbeitete er in ein Kompendium der Logike (Lpz. 1860; 2. Aufl. 1872) um. Seine spätern philos. Werke, wie Glauben und Wissen, Spekulation und exakte Wissenschafte (Epz. 1858), ⸗Gott und die Naturs (Lpz. 1862; 3. Aufl. 1875), Gott und der Mensch: Grundzüge einer Psychologie des Menschen»(Lpz. 1866: 2. Aufl. 1874) und „Grundzüge der praktischen Philosophie⸗ (Bd. 1: Allgemeine grundlegende Einleitung und das Naturrechte, Lpz. 1873), suchen auf der? asis der naturwissenschaftlichen und psychol. Thatsachen eine theistisch-ethische Weltanschauung zu begründen. Sein letztes selbständiges Werk ist »Abhandlungen zur Kunstgeschichte als angewandte Asthetik⸗ (Lpz. 1876). Seit 1847 führte er die Redaction der von J. H. Fichte gegründeten „Zeitschrift für Philosophie und philos. Kritiko. Als weitere Früchte von U.s Shakespeare-Studien sind hervorzuheben eine Ausgabe von Shakespeares »Romeo und Julia (Lpz. 1853), mit kritischen und erklärenden Anmerkungen, und die „Geschichte Shakespeares und seiner Dichtungo, welche den ersten Band der von ihm als Präsidenten der Deutschen Shakespeare-Gesellschaft redigierten neuen und verbesserten Ausgabe der Schlegel-Tieckschen Üübersetzung (Berl. 1862; 2. Aufl. 1876) einleitet. Er starb 11. Jan. 1884 in Halle.