Urne (vom lat. urna, d. i. Gefäß, Topf). Der Begriff dieses Wortes ist ursprünglich synonym mit Vase (vas, Gefäß); beide von sehr allgemeiner Bedeutung. (S. Vase.) Die Bedeutung des Wortes hat sich aber verengt, insofern als mit Urner diejenigen Thongefäße bezeichnet werden, welche in den nichtgriech. und nichtröm. Gräbern gefunden werden und vorzugsweise dem Totengebrauch, d. i. zur Aufbewahrung der Asche verbrannter Leichen gedient haben, während Vaser jedes griech. Thongefäß bezeichnet, sowie diejenigen römischen, welche von ihrer Art in Marmor oder Erz, mehr zur architektonischen Zierde gefertigt wurden. Die Totenurnen im engern Sinne, als Behälter der Asche von verbrannten Leichen, finden sich nun zerstreut in Gräbern, insbesondere slaw., gall., germ., skandinav. Völkerschaften, soweit eben die Leichenverbrennung in Übung war. Aus «Hünengräbern und andern Grabstätten prähistor. Zeit an das Licht gebracht, bilden sie überall einen Hauptbestandteil der Landes- und Provinzmuseen, und so auch einen Hauptgegenstand der archäologisch-prähistorischen oder anthropol. Forschungen. Sie sind zum großen Teile noch mit der Hand geformt, andere aber auch bereits auf der Töpferscheibe. Das Material, verschieden in seiner Farbe, richtet sich nach dem Thon, der eben an Ort und Stelle gefunden wurde. Die Ornamentation, weil durchaus primitiv, ist auch durchweg desselben Charakters, und darin sind die occidentalischen wenig von denen verschieden, welche als die ältesten in Griechenland und Kleinasien betrachtet werden können. Es ist Linienornament. Einfache Linien begleiten den Rand oder die Glieder der Gefäße, entweder eingeritzt, vertieft oder auch, wie bei den ältesten griechischen, mit Farbe schwarz auf lichterm Thon. Die Linien verdoppeln und vervielfachen sich, schwingen sich in Wellenbewegung, brechen sich in Zacken, in mäandernder Bewegung, verbinden sich mit Punkten, Kreisen und ähnlichen einfachen Motiven; einzelne U. sind auch in Relief mit Buckeln versehen. In diesem Stil und auf dieser primitiven Stufe der Kunst pflegen sic diese speziell U. genannten Aschenkrüge jener Völker schaften zu halten. Während die entsprechende Kuns bei den Griechen sich höher entwickelte, trat hier mit der Civilisation die Leichenbestattung ein und hinderte den künstlerischen Fortschritt der U. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. ist das Wort U. noch zu einer speziellen Bedeutung, die U. selbst zu einer eigentümlichen Anwendung gelangt. Damals in der Periode der Empfindsamkeit, wurde es Mode, alle möglichen Gegenstände mit U. zu schmücken; sie sollten ausdrücklich an das Grab, an die Vergänglichkeit der irdischen Dinge erinnern. Vasen (aber nur der Ausdruck Urne war dafür gebräuchlich) schmückten nun die Wohnung und das Gerät, Kleidung und Goldschmuck, Haus und Garten. Besonders liebte man die U. auf einen Säulenstumpf unter eine Trauerweide oder in eine Art Tempel zu setzen und einsame Plätze damit zu zieren. Dieser seltsame Geschmack verschwand wieder vor der romantischen Liebhaberei an Burgen, Ruinen und sonstigen überresten des Mittelalters.