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ReligionBrockhaus 1882

Valeutinus, einer der geistvollsten Gnostiker, stammte aus Agypten, trat in Alexandria oder auf Cypern zuerst mit seiner Lehre hervor, ging um 140 von da nach Rom und scheint um 160 gestorben zu sein. Unter allen gnostischen Systemen ist das von ihm aufgestellte das tiefsinnigste. An der Spitze der geistigen Welt steht der im ewigen 1* verborgene Urgrund mit seiner Genossin, der heiligen Stille des ewigen Gedankens; aus diesem unaussprechlichen Sein 15* paarweise Geisterreihen hervor, zuerst der Vater und die Wahrheit, die mit dem Urgrund und der Stille die oberste Vierzahl bilden, danach das Wort und das Leben, der Urmensch und die Kirche, als zweite Vierzahl. Auf diese oberste «Achte folgt eine Zehnzahl und eine Zwölfzahl untergeordneter Geister, zusammen 30 Nonen oder ewige Geister, die Fülle der idealen Welt oder das «Pleroma v. Der 30. Geist oder die „Muttero, auch Achamoth oder die Weisheit genannt, der Typus der nach Erkenntnis des Unendlichen begierigen, seine Schranken verkennenden, endlichen Vernunft, trennt sich von ihren männlichen Genossen, um die unmittelbare Gemeinschaft des Urgrundes zu suchen, und wird zur Strafe für ihren Fürwitz ausgeschieden vom Geisterreich, worauf sie am Orte der Mitte in ihrer Sehnsucht den Christus gebiert, aber zugleich mit ihm dessen geistlosen Schatten. Christus eilt als männlicher Geist in die obere Welt zurück, dagegen geht aus dem Schatten ein Rechtes und ein Linkes, der psychische, d. h. geistlose, aber nicht böse Bildner der irdischen Welt (der Demiurg) und sein finsteres Widerspiel, der böse Weltherrscher oder der Teufel, hervor. Beiden entspringt ein doppeltes Menschengeschlecht, das eine «psychischo, das andere amateriello, unter denen die aus der Mutter» geborenen, rein geistigen (yneumatischen) Menschenseelen ein bedrängtes Dasein führen, bis aus der obern Welt der Erlöser Jesus, die gemeinsame Frucht aller 30 Aonen, und von ihnen allen mit ihren Gaben ausgestattet, in einem wunderbar gebildeten Scheinleibe auf die Erde herabgeschickt wird, die pneumatischen Seelen zur Erkenntnis ihres Ursprungs und der obern Welt bringt und samt der Mutter ins Geisterreich zurückbringt. Der Demiurg rückt, nachdem er seine Schranken erkannt, mit den psychischen Wesen in den Ort der Mitte ein, der Teufel, die materiellen Menschen und die materielle Welt fallen der Vernichtung anheim. Die Gruppierung der Geister in Paare (Syzygien), oder die Scheidung in ein Rechtes und ein Linkes, Männliches und Weibliches gehört ebenso wie die Gliederung nach heiligen Zahlen (Tetras, Ogdoas, Dekas, Dodekas) und wie ein Teil der mytholog. Figuren (die Achamoth, der Demiurg u. s. w.) schon der ältern ophitischen Gnosis an. (S. Ophiten.) Aber die alten Mythen und mytholog. Figuren gewinnen in diesem System eine neue, tiefsinnige Bedeutung. Das System ist von den Schülern V.“, unter denen Ptolemäus, Secundus, Marcus, Herakleon, Arionikus die bedeutendsten sind, vielfach weiter gebildet und umgestaltet worden. Die wichtigsten Fragen, welche die Schule beschäftigten, waren wieder spekulativer Art: man wollte dem Ursprunge des Geisterreichs und dem Falle der Achamoth noch tiefer nachforschen. Vgl. Heinrici, „Die Valentinianische Gnosis o (Berl. 1871). (S. Gnosis und Gnostiker.)

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 103Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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