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Sagen & MythenBrockhaus 1882

Weimar, Haupt⸗- und Residenzstadt des Großherzogtums Sachsen-Weimar-Eisenach, an der Ilm, Station der Linie Halle-Frankfurt a. M. der Preußischen Staatsbahnen, der Weimar-Geraer, der Weimar-Berkaer und Weimar-Rastenberger Eisenbahn, ist Sitz der obersten Landesbehörden, einer Bezirksdirektion, eines Land⸗ und Amtsgerichts, der Weimarer Bank und der Allgemeinen Deutschen Hagelversicherungsgesellschaft Union und zählt (1885) 21565 meist prot. E. Seit 1547 zur ständigen Residenz erhoben, nachdem die Ernestinische Linie der Kurwürde verlustig gegangen war, Hafälcde die Stadt erst mit dem Eintritt in die lassische Periode der deutschen Litteratur (1775) zu weltbekanntem Ruhme. Das großherzogl. Schloß, welches nach dem Brande von 1774 zum größten Teil neu aufgebaut wurde, ist mit seinen Sehenswürdigkeiten als der bedeutendste Ausgangspunkt für alle Schöpfungen seit dem Eintritt in die klassische Periode anzusehen. An dieses schließt sich unmittelbar der von Karl August und Goethe (seit 1776) geschaffene Park an. Nahe beim Schloß ist die reichhaltige Bibliothek mit Büsten, Porträts und Kunstsammlungen; am Park ist das Staatsarchiv mit reichen histor. Schätzen, an seiner alten klassischen Stelle das großherzogl. Hoftheater, das neuerbaute Museum mit seinen nach 1775 entstandenen bedeutenden Kunstsammlungen, die ständige Ausstellung für Kunst und Kunstgewerbe, welche auch das japan. Museum des Dr. Riebeck enthält, und das Lesemuseum, welches seine Entstehung dem Wirken Goethes verdankt. Nicht minder reich ist Weimar an andern Bildungsanstalten. Es hat ein Gymnasium, ein Realgymnasium, ein Schullehrerseminar, eine von der Großherzogin Sophie gegründete und dotierte höhere Töchterschule (Sophienstift), das Couvreursche Mädcheninstitut, drei Bürgerschulen in Verbindung mit einer Fortbildungsschule für Handwerkslehrlinge, eine Gartenbauarbeitsschule, eine Taubstummen- und Blindenanstalt, das Falksche Institut für verlassene oder verwahrloste Kinder, eine von Goethe und H. Meyer gegründete, ursprünglich freie Zeichenschule, eine Baugewerkschule, eine Handelsschule, die großherzogl. Kunstschule (Malerschule), endlich die großherzogl. Orchester- und Musikschule. Als Wohlthätigkeitsinstitute und milde Stiftungen bestehen das Luisenstift und Karlsstift, das städtische Krankenhaus, die Kleinkinderbewahranstalt, die von der Großherzogin Sophie 1886 begründete und eröffnete Krankenpflegerinnenanstalt und das Paulinenstift (1886 von der Erbgroßherzogin Pauline gegründet) zur Ausbildung von Dienstboten. Merkwürdig ist das Kanzler Brücksche Haus am Markt, im Besitz des Buchhändlers Hofmann, in welchem auch Lukas Cranach, Brücks Schwiegervater, seit 1552 wohnte, woher es oft fälschlich als Cranach-Haus bezeichnet wird. Hervorragend und sehenswert ist das (4. Juli 1886 eröffnete) Goethe-Haus, welches die Goetheschen Sammlungen birgt und als Goethe-Museum zugänglich ist. Schillers Haus, seit 1847 städtisches Eigentum, enthält Reliquien aus Schillers Leben. Interessant ist das vom Großherzog Karl Alexander im Geschmack der Zeit wieder eingerichtete Wittumspalais der Herzogin Anna Amalia; Wielands und Herders Wohnstätten sind nur bedingt zugänglich. Von den beiden Hauptkirchen ist nur die Stadtkirche von besonderm Interesse, da sie neben hervorragend künstlerischen Grabmonumenten fürstlicher und anderer bedeutender Persönlichkeiten auch das berühmte Altargemälde Cranachs: der Erlöser am Kreuz, enthält. (Vgl. Meyer, aüber das Altargemälde von Cranach in der Stadtkirche zu W. Weim. 1813.) Reich an Erinnerungen ist der schöne Friedhof W.s, der zahlreiche Grabstätten berühmter Persönlichkeiten aufweist. In der auf dem Friedhof erbauten Fürstengruft, an welche sich auch die russische Kapelle anschließt, sind Goethe und Schiller beigesetzt. Auf dem alten Friedhofe sind neben andern berühmten Persönlichkeiten Cranachs und Schillers (erste) Begräbnisstätten ausgezeichnet. An Denkmälern besitzt W. Herders Standbild von Schaller auf dem Herderplatz (seit 1850), die Doppelstatue Goethes und Schillers von Rietschel auf dem Theaterplatz, Wielands Standbild von Gasser auf dem Wielandsplatz, Karl Augusts Reiterstatue von Donndorf auf dem Fürstenplatze (1875), das Kriegerdenkmal von Härtel auf dem Wahdorfplatz und im Museum die Bronzebüste Cranachs des Altern von Donndorf (1886). Die Industrie erstreckt sich auf Kunsttischlerei und Kunstschlosserei, Tuch, eiserne Ofen, Strohhüte, Spielkarten, Leder u. s. w. Außerhalb W.s, namentlich im Park, erinnern noch viele Schöpfungen an die klassische Zeit W.s und die ihr folgende Periode. Ganz besonders das schon ältere, 1724 erbaute, eine Stunde entfernte Lustschloß Belvedere mit seinem reizenden Park, das liebliche Tiefurt, ebenfalls durch Parkanlagen und Denkmäler ausgezeichnet(Leopolds von Braunschweig, Konstantins von Sachsen-Weimar) in noch höherm Maße an die Goethesche Zeit erinnert. Gleiches ist auch bei Ettersburg der Fall, das jenseit des reichbewaldeten Ettersbergs im dortigen Schlosse viele Erinnerungen an die klassischen Tage W.s birgt, während im fast ebenso nahen Oßmannstedt im Garten des Gutes Wieland begraben ist. Litteratur. Schöll, «W.s Merkwürdigkeiten einst und jetzto (Weim. 1847, noch immer brauchbar, weil quellenmäßig); Stahr, W. und Jenay (Oldenb. 1852); Springer, «Wis klassische Stätten⸗ (Berl. 1868); Gräf, Fremdenführer durch W. und Umgegende (3. Aufl., Weim. 1880); Franke, W. und Umgebungenv (Weim. 1886).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 513Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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