FeedWilhelm I.
GeschichteBrockhaus 1882

Wilhelm I., der erste Kurfürst von Hessen, 1803 —21, vorher als Landgraf Wilhelm IX. genannt, geb. zu Kassel 3. Juni 1743 als Sohn des Landgrafen Friedrich II. und der Landgräfin Marie, Tochter Georgs II. von England. Durch treffliche Lehrer vorgebildet, besuchte W. die Universität Göttingen. Während der letzten Jahre des Siebenjährigen Kriegs lebte er am Hofe seines Oheims, des Königs Friedrich V. von Dänemark, dessen zweite Tochter, Wilhelmine Karoline (geb. 10. Juli 1747, gest. 14. Jan. 1820), er am 1. Sevt. 1764 652 Wilhelm II. (Kurfürst von Hessen) heiratete. Gleichzeitig hatte er die Re Grafschaft Hanau übernommen. Durch den Subsidientraktat mit England 1776 verkaufte er seine Soldaten zur Bekämpfung der nordamerik. Kolonien. Als er 1785 seinem Vater als Landgraf in der Regierung von Hessen-Kassel gefolgt war, verlegte er seine Residenz nach Kassel. Nach dem Tode des Grafen Philipp Ernst von Schaumburg-Lippe 1787 besetzte er einen Teil der Grafschaft Schaumburg als hess. Lehn, weil er dessen unmündigen Sohn, Georg Wilhelm, wegen einer nicht ebenbürtigen Großmutter nicht für lehnsfähig anerkennen wollte. Doch die Reichsgerichte, der Kaiser, Preußen und England nahmen sich des jungen Grafen an; der Landgraf mußte das Ländchen räumen und Schaden und Kosten ersetzen. Durch ein Lager bei Bergen deckte er 1790 die Kaiserkrönung Leopolds II. gegen einen möglichen überfall französischerseits. Hierauf schloß er sich mit einer gleichen Heereszahl dem Feldzuge der Preußen gegen Frankreich an, eroberte 12. Dez. 1792 Frankfurt a. M. wieder und ließ 1793 seine Truppen, 12000 Mann stark und in engl. Solde, in Flandern gegen die Franzosen kämpfen. Im J. 1795 trat er dem franz.⸗ preuß. Frieden zu Basel bei und mußte dabei seine jenseit des Rheins gelegenen Landesteile im franz. Besitz lassen. Im Reichsdeputationshauptschluß von 1803 erhielt er die Kurwürde, die er 1. Mai 1803 förmlich annahm, und ward für den Verlust am linken Rheinufer durch mehrere ehemals kurmainzische Amter und die Reichsstadt Gelnhausen entschädigt. W. führte als Kurfürst seine Regierungsweise in der frühern Art fort. Beim Ausbruch des preuß.⸗franz. Kriegs von 1806 erlangte er von Kaiser Napoleon I. die Anerkennung seiner Neutralität; aber durch seine fortwährenden Kriegsrüstungen zog er das Ungewitter auf sich, welches nach der Schlacht von Jena über ihn ausbrach. Als die Franzosen unter Mortier heranrückten, entfloh W. mit seiner Familie und seinen Schätzen nach Schleswig. Nachdem er im Frieden zu Tilsit seines Throns verlustig erklärt und seine Länder mit dem neuerrichteten Königreich Westfalen (s. d.) vereinigt waren, wendete er sich im Juli 1808 nach Prag. Von hier aus erließ er beim Ausbruch des österr.⸗franz. Kriegs von 1809 einen Aufruf an die Hessen und sammelte bei Eger ein kleines Heer, das er jedoch sehr bald wieder verlassen mußte. Nach der Schlacht bei Leipzig zog W. 21. Nov. 1813 wieder in Kassel ein. Er stellte den Verbündeten sofort 20000 und 1815 wieder 12000 Mann gegen Napoleon ins Feld. Auf dem Wiener Kongreß bekam er für manche Abtretungen und Aufopferungen reichliche Entschädigung, nach deren Besitznahme er auch den Titel eines Großherzogs von Fulda, 8. Febr. 1816, annahm. Seitdem sucht er im Civil und Militär alles wieder auf den alten Fuß zu stellen, setzte demgemäß die Beamten, die während der Zeit der westfäl. Zwischenregierung avanciert waren, wieder auf die: frühern niedrigern Posten zurück, stellte die abgeschafften Fronen wieder her, führte bei der Armee Puder, Zöpfe und Stockschläge wieder ein, vertrieb die in Amtern vorgefundenen deutschen Ausländer, reduzierte die Staatsobligationen auf ein Drittel Wert und nahm den Domänenkäufern die erkauften Güter ohne Entschädigung. W. berief zur Vereinbarung einer Verfassung die althess. Stände zweimal, 1815 und 1816, und ordnete ihnen Deputierte der Bauern zu. Da aber die Versammlungen sich seiner Willkür nicht gent namentlich nicht von der Forderung einer Sonderung des Staatsvermögens von dem überreichen Privatschatze des Kurfürsten abgehen wollten, unterblieb die Herstellung der Verfassung. Ein Schlagfluß endete b il sein Leben 27. Febr. 1821. geb. 28. Juli 1777, war der Sohn und Nachfolger des Kurfürsten Wilhelm I. (s. d.). Er studierte in Marburg und Leipzig und vermählte sich 13. Febr. 1797 mit der Prinzessin Auguste (geb. 1. Mai 1780, Hi 19. Febr. 1841), Tochter des Königs Friedrich Wilhelm II. von Preußen. Als die Franzosen 1806 das Land besetzten, folgte er seinem Vater nach Schleswig und nach Prag; dann ging er 1809 nach Berlin, socht 1813 im preuß. Heere in der Schlacht bei Leipzig und übernahm im März 1814 den Oberbefehl über das ganze Truppenkorps, das die Festungen Metz, Thionville, Luxemburg und Saarlouis einzuschließen bestimmt war. Als er nach dem Tode seines Vaters zur Regierung kam, erregte er durch zeitgemäße Reformen in der Verwaltung manche Hoffnungen. Die Erwartung jedoch, die Wirksamkeit der Landstände, welche seit 1816 nicht mehr zusammenberufen worden waren, hergestellt zu sehen, blieb unerfüllt, und noch weniger lag es in der Absicht W.s, eine neue, den Zeitbedürfnissen angemessene Verfassung zu gewähren. Dazu kamen Spaltungen in der fürstl. Familie selbst. Als der Kurfürst seine Geliebte, Emilie Ortlöpp aus Berlin, 1821 zur Gräfin von Reichenbach (später zur Gräfin von Lessonitz) erhob, zog sich die Kurfürstin, die die Liebe und Achtung des Volks in hohem Grade genoß, vom Hofe zurück, und viele vom Adel folgten ihrem Beispiel. Auch der Kurprinz Friedrich Wilhelm söhnte sich erst 1830 mit seinem erkrankten Vater in Karlsbad aus. Die franz. Julirevolution gab den Anstoß, daß auch in Kassel die lange gehegte Mißstimmung sich in einer Volksbewegung im Sept. 1830 Luft machte. Darauf bewilligte W. 15. Sept. das Gesuch um Versammlung der Landstände, und schon 5. Jan. 1831 kam eine neue Konstitution zu Stande. Infolge der Rückkehr der Gräfin Lessonitz 11. Jan. brachen neue Unruhen aus, und die Gräfin ward zur Abreise genötigt. Darauf, im April, verlegte der Kurfürst seine Residenz nach Hanau und übertrug auf die Zeit seiner Abwesenheit vom Sitze der Regierung 30. Sept. 1831 die Regentschaft dem Kurprinzen. Seitdem lebte W. abwechselnd in und bei Hanau (zu Philippsthal), in Baden und Frankfurt a. M., getrennt von seiner Gemahlin, nach deren Tode er sich 1. Juli 1841 mit der Gräfin Lessonitz und, als diese 12. Febr. 1843 starb, 28. Aug. 1843 mit Karoline Baronin von Bergen, geborener von Berlepsch, morganatisch vermählte. Er starb 20. Nov. 1847 zu Frankfurt; sein Sohn, der Kurprinz-Mitregent, folgte ihm als Kurfürst Friedrich Wilhelm I.

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 651Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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