FeedZoologie
TierreichBrockhaus 1882

Zoologie (grch.) oder Tierkunde heißt die Wissenschaft, deren Aufgabe eine möglichst vollständige und allseitige Kenntnis der Tiere in allen ihren Beziehungen bildet. Grundlagen derselben sind: die Untersuchung des individuellen Baues im Außern wie im Innern (vergleichende Anatomie, hier speziell Zootomie); die Verfolgung der Entwickelung des Organismus vom Keime bis zur vollendeten Ausbildung (Embryologie, Entwickelungsgeschichte, Intogenie); die Erforschung der Entwickelung des Typus im Laufe der Erdgeschichte durch die verschiedenen geolog. Perioden hindurch und die durch die Abstammung gegebenen Beziehungen der Typen zueinander (Phylogenie); die Ergründung der Lebenserscheinungen (Physiologie); die Beobachtung der Lebensweise, die man ehemals in Form abgerissener, anekdotischer Mitteilungen in der vorzugsweise sog. Naturgeschichte beschrieb; die Feststellung der den Gruppen sowohl als den einzelnen Arten eigentümlichen Kennzeichen (Charakteristik); endlich die Einreihung der in diesen Beziehungen erkannten Tiere in das Fachwerk der Systematik (Klassifikation). Zu einer vollständigen Kenntnis der Tiere genügt dies jedoch noch nicht. Eine solche würde vor allem begreifen: die Angabe der geogr. Verbreitung (Zoogeographie, s. Tiergeographie), die histor. Ausbildung der Typen während der verschiedenen Perioden der Erdgeschichte [Versteinerungskunde, Paläontologie, Paläozoologie), die Verwendung derselben durch den Menschen im Dienste der Land- und Forstwirtschaft, des Handels und Gewerbes, des Nutzens und Vergnügens, endlich alle die Beziehungen, die zwischen der Tierwelt im ganzen wie in ihren Teilen und den andern Gebieten der Natur stattfinden. Die Z. als Wissenschaft beginnt erst mit Aristoteles, der im ganzen Altertum fast isoliert steht. (Vgl. hierüber J. B. Meyer, «Aristoteles' Tierkunde, ein Beitrag zur Geschichte der 3.5, Berl. 1855.) Die nüchternen praktischen Römer richteten ihr Augenmerk mehr auf die ökonomische Bedeutung der Natur; doch verdankt man Plinius (s. d.) dem AÄltern die bekannte großartige und für Altertumskunde unentbehrliche Kompilation. Im Mittelalter geschah in Bezug auf die zoolog. Forschung durchaus nichts. Erst die Fortschritte, welche die Europaer im Anfang der Neuzeit in Asien wie in der Neuen Welt machten, reizten zu naturwissenschaftlichen Studien, und es traten nun die zahlreichen, auch zoolog. Naturforscher des 16. und 17. Jahrh. hervor, an ihrer Spitze Belonius, Rondelet und Konr. Geßner, ferner der Sachse Georg Maregraf, Begleiter des Moritz von Nassau in Brasilien, und der Spanier Hernandez in Mexiko. Den durch diese und andere massenhaft aufgehäuften Stoff suchte das 18. Jahrh. zu sichten und zu ordnen. Während Buffon durch glänzende, aber oberflächliche Darstellung viele Freunde gewann, unternahm der vergebens von ihm bekämpfte Linné 1735, obwohl vorzüglich botan. Studien zugewandt, das schwere Werk einer Neugestaltung der zoolog. Systematik, welches er mehr, als man gewöhnlich glaubt, auf die damals freilich noch in ihrer Kindheit liegende Anatomie begründete. Die von ihm vorgeahnte, aber nicht erlebte Durcharbeitung der niedern Tierklassen führten, gestützt auf treffliche Vorarbeiter, Cuvier und ganz besonders Jean Lamark im Anfang des 19. Jahrh. weiter fort. Auf dem von ihnen gelegten Grunde haben seitdem Franzosen, Engländer und Deutsche berichtigend und ergänzend fortgearbeitet. Da aber bei der Fülle und Mannigfaltigkeit der Tierwelt, wie sie jetzt bekannt ist, die Bearbeitung des Gesamtgebiets der Z. die Kräfte eines einzelnen übersteigt, gibt es auch kein alle bekannten Tierarten beschreibendes oder auch nur aufzählendes Werk. Hervorzuheben sind jedoch: Cuvier, Das Tierreich, geordnet nach seiner Organisationo (deutsch von Voigt, 6 Bde., Lpz. 1831—43); Bergmann und Leuckart, «Ana-Claus, Lehrbuch der Z. (3. Aufl., Marb. 1876); Bronn, «Die Klassen und Ordnungen des Tierreichs » (fortgesetzt von Keferstein, Gerstäcker, Giebel, Hoffmann, Bütschli u. a. m., Lpz. 1859 fg.); Brehm, «Illustriertes Tierlebeno (6 Bde., Hildburgh. 1863 —66; 2. Aufl., 10 Bde., Lpz. 1876— 79); Carus und Gerstäcker, «Handbuch der Z. (2 Bde., Lpz. 1868— 75); Schmarda, «Zoologiev (2 Bde., Wien 1871 — 72); Pagenstecher, Allgemeine 3.v (2 Bde., Berl. 1875—78); Jäger, Lehrbuch der allgemeinen 3. (2 Bde., Lpz. 1871—77); Martin, «Illustrierte Naturgeschichte der Tiere (4Bde., Lpz. 1882—84). Die gesamte neuere zoolog. Litteratur verzeichnen V. Carus und Engelmann: „Bibliotheca zoologica (2 Bde., Lpz. 1861—62, und 2. Abteilung; die Werke von 1861—80, Lpz. 1886). Vgl. noch V. Carus, «Geschichte der 3.5 (Münch. 1872). Gute Zeitschriften für Z. sind: Zeitschrift für wissenschaftliche 3. (herausg. von Siebold u. Kölliker, Lpz. seit 1848), «Archiv für Naturgeschichtes (begründet von Wiegmann, fortgesetzt von Troschel, Berl. seit 1835).

Brockhaus’ Conversations-Lexikon. Allgemeine deutsche Real-Encyklopädie13. Aufl., Leipzig: Brockhaus 1882–1887 · Bd. 16, S. 943Scan: Polnische Nationalbibliothek (Polona) · gemeinfrei

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