Karl X. (Philipp), König von Frankreich, 1824. —30, dritter Sohn des Dauphin Ludwig (s. Bourbon) und Enkel Ludwigs XV., geb. 9. Okt. 1757 zu Versailles, erhielt den Titel eines Grafen von Artois. Im J. 1773 vermählte er sich mit Maria Theresia von Savoyen, aus welcher Ehe der Herzog von Angouléme (s. d.) und der Herzog von Berri (. d.) hervorgingen. Er wohnte 1782 der franz.span. Expedition gegen Gibraltar bei und f wurde bei der Versammlung der Notabeln 1787 Präsident eines Bureau. Nach den Vorgängen des 14. Juli 1789 eröffnete er mit dem Prinzen Condeé die Emigration. Er ging über Turin nach Mantua, wo er mit dem Kaiser Leopold II. einen Invasionsplan verhandelte, dann an den Rhein, um ein Emigrantenheer zu bilden, endlich nach Brüssel und Wien. Im Aug. 1791 wohnte er dem Kongreß in Pillnitz bei. Nach Annahme der Konstitution von 1791 rief ihn sein Bruder, Ludwig XVI., gleich den übrigen Prinzen, zurück. Da er mit Schmähungen antwortete, zog die Nationalversammlung 1792 seine Apanage ein und überwies seine Einkünfte seinen Gläubigern. Von Turin aus leitete nun der Prinz die royalistischen Intriguen, und bei der ersten Invasion 1792 betrat er mit dem Emigrantenkorps als Feind den vaterländischen Boden. Nach der Hinrichtung Ludwigs XVI. ernannte ihn sein zweiter Bruder, der spätere Ludwig XVIII., zum Generallieutenant des Reichs. In dieser Eigenschaft ging er nach Petersburg und im Sommer 1795 nach England. Hier schiffte er sich auf einer von der brit. Regierung ausgerüsteten Escadre zu einer Expedition nach der westl. Küste Frankreichs ein. Am 29. Sept. Ien er sich vor Ile-Dieu vor Anker, wagte aber keine Landung. Nachdem er zwei Monate gezögert, segelte er wieder ab und überließ die Vendéer und die andern Insurgenten der Rache der Republikaner. Von den Royalisten verwünscht, von den Briten verachtet, verzehrte er nun friedlich die ihm von der Regierung verliehene Pension von 15000 Pfd. St. erst zu Holyrood, dann zu Hartwell. Im J. 1813 begab er sich auf das Festland; 1814 folgte er den Verbündeten über den Rhein, erhielt aber die Weisung, sich wieder zu entfernen. Als sich indes die Verbündeten Paris näherten, überschritt er die franz. Grenze und erließ im März als Generallieutenant eine mit freiheitlichen Phrasen ausgestattete Proklamation. Am 12. April übernahm er in Paris im Namen Ludwigs XVIII. die Regierung und schloß 23. April mit den Verbündeten eine Militärkonvention ab. Bei der Rückkehr Napoleons I. von Elba ging er mit der königl. Familie nach Gent. Nach der zweiten Restauration trat er in die Pairskammer ein und bildete als das Haupt der Ultras eine förmliche Nebenregierung, die man den Pavillon Marsano nannte. Sein Einfluß war um so größer, da er den .Shice d über die Nationalgarde führte und an der Spitze der Kongregation stand. Nach dem Tode seines Bruders, Ludwigs XVIII., bestieg K. 16. Sept. 1824 den Thron. Anfangs suchte er durch populäres Betragen und Aufhebung der Censur die Gemüter für sich zu stimmen, aber nach der Krönung, die 29. Mai 1825 zu Rheims mit mittelalterlicher Förmlichkeit vollzogen wurde und wobei K. aufs neue die Charte buchwor⸗ brach die Reaktion unverhüllt hervor. Unter dem Ministerium Villele wurden die öffentlichen Amter an die Anhänger der Jesuiten, der öffentliche Unterricht in die Hände der Priesterschaft gegeben. Die Kammer mußte den Emigranten die Entschädigung einer Milliarde bewilligen und die Preßfreiheit wurde beeinträchtigt. Bei den Kammerwahlen im Nov. 1827 verlor das Ministerium Villele die Majorität der Wahlkammer. Dies führte zunächst im Jan. 1828 zur Ernennung des Versöhnungsministeriums Martignac. Auf Betrieb der Hofpartei mußte indes der König 8. Aug. 1829 ein neues Kabinett ernennen, an dessen Spitze der Fürst Polignac, der engste Verbündete der Jesuiten, trat. Diese Wahl brachte die große Masse des Volks in Bewegung. An allen Punkten traf man Anstalten ßt, sind unter C aufzusuchen. zum entschiedensten Widerstande. Auf die drohende Thronrede vom 2. März 1830 folgte die berühmte Adresse der 221 Deputierten, welche 16. Mai die Auflösung der Kammer zur Folge hatte. Sämtliche Unterzeichner der Adresse wurden aber wiedergewählt. Der Hof, durch die Nachricht von der Eroberung Algiers ermutigt, bewog nun den König, 25. Juli die Ordonnanzen zu unterzeichnen, welche die Preßfreiheit aufhoben, eine neue Wahlform anbefahlen und die zum 3. Aug. berufene Kammer im voraus auflösten. Dadurch rief er die Julirevolution (27. Juli) hervor. K. hob zwar die Ordonnanzen auf, ernannte ein neues Ministerium unter dem Herzog von Mortemart und berief die Kammern zum 3. Aug.; allein die Julirevolution war vollendet, seine Krone schon verloren. (S. Frankreich.) Da jeder Widerstand vergeblich, verzichtete er in Rambouillet, wohin er sich geflüchtet hatte, 2. Aug. nebst dem Dauphin zu Gunsten seines Enkels, des Herzogs Heinrich von Bordeaux, auf den franz. Thron und reiste nach England und von da nach Edinburgh. Mit seiner Familie wurde er 10. April 1831 vom franz. Boden verbannt. Er ging im Sept. 1832 nach Prag, wo er mehrere Jahre den Hradschin bewohnte. Er starb 6. Nov. 1836 in Görz. Vgl. «Mémoires secrets et témoignages authentiques: Chute de Charles Xy (Par. 1875).